Gymnasialbibliotheken und -archive

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Gymnasialbibliotheken und -archive
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Düsseldorf: „Bildung durch Bücher?“

p, 06/16/2017 - 21:52
Staatliches Görres-Gymnasium Düsseldorf. Foto: Eberhard Dilba (Quelle + Lizenz)

Im Herbst 2015 wies ich hier auf ein Blog der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf hin: „Bildung durch Bücher?“ Das Projekt zu den Beständen der historischen  Bibliothek des Görres-Gymnasiums in Düsseldorf, für das Kristina Hartfiel verantwortlich zeichnet, wird nun in einer Abschlusspräsentation im Haus der Universität in Düsseldorf vorgestellt:

Schadowplatz 14 in Düsseldorf, 2011. Foto: Jörg Wiegels (Quelle + Lizenz)

Abschlusspräsentation des Projektes Bildung durch Bücher? Die historische Lehrerbibliothek des Görres-Gymnasiums

26.06.17   /  18:00 – 20:00
HHU Düsseldorf, Institut für Geschichtswissenschaften, Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit
Haus der Universität, Schadowplatz 14, 40212 Düsseldorf

Toller Fund in der Bibliothek des Franziskanergymnasiums in Bozen

k, 06/06/2017 - 21:27
Einmalige Entdeckung im FranziskanerGYMNASIUM in Bozen

Nicht nur Klosterbibliotheken bergen Schätze, sondern auch in Gymnasialbibliotheken schlummert Verborgenes, der Fehler sei dem titelnden Redakteur der südtiroler Zeitung ausnahmsweise verziehen.  In der Makulatur eines alten Bucheinbands verborgen (und anlässlich einer Restaurierung ans Licht gebracht): mehrere Blätter zweier im frühen 16. Jahrhundert auf Papier gedruckter Werke sowie Fragmente einer mittelalterlichen  „Schwabenspiegel“-Handschrift auf Pergament, datiert ins 13. Jahrhundert, könnten nicht passender den vorigen bibliotheca.gym-Artikel zur Zweckentfremdung: Pergamentmakulatur illustrieren – und als ob’s verabredet gewesen wär‘: dass wir Angelika Pedron, die mit der Erschließung der Bibliothek des Franziskanergymnasiums in Bozen beauftragt ist,  für ihre Arbeit zu den Büchersammlungen des Vinzentinums in Brixen bereits würdigen durften, sei  auch erwähnt. Glückwunsch aus dem Norden für ihre nunmehrige Entdeckung!

Nebenbei: Es wäre schon schön, wenn’s  Projekte wie die in Südtirol für Gymnasialbibliotheken auch nördlich der Alpen gäbe…!

(Gefunden bei Archivalia; auch bei VÖBBLOG: http://www.univie.ac.at/voeb/blog/?p=43552 )

Zweckentfremdung: Pergamentmakulatur

sze, 05/03/2017 - 09:10
Gradualseite als Bucheinband (Vorderdeckel, Ausschnitt), Pergament. (Eingebunden: Friederich Martens: Hispanische Reise Beschreibung De Anno 1671. Handschrift, 17. Jahrhundert) Bibliothek des Christianeums

Ein mittelalterliches Chorblatt auf Pergament  in Folio, das Proprium der Vigilmesse am Vorabend des Festes des Apostels Andreas 29. November, es ist  die erste Seite des Proprium de Sanctis.  Ein Initial D in Ultramarin vor Blattgold, floraler Buchschmuck in Mennigerot, Grün, Ultramarin und Gold, Versalien in Blau und Rot.

Die Farben sind verblasst, das Blatt ist stark abgegriffen und verschmutzt – allerdings nicht vom Gebrauch durch die monastische Sänger, sondern als Einband einer Handschrift des 17. Jahrhunderts, eines illustrierten Reiseberichts.

Das Chorblatt war, als es spätestens im 18. Jahrhundert zu Einbandehren kam, längst losgelöst von seinem ursprünglichen Gebrauch1, Noten wurden  seit dem 15. Jahrhundert zunehmend gedruckt und die farbigen Signale überflüssig.  Das Blatt schien einem Besitzer der Handschrift nach 1671 und vor 17862 offenbar wegen seiner Schönheit geeignet, eine wertvolle Reiseschilderung zu bergen und zu schützen.3

Pergament, hergestellt aus ungegerbter Haut von Ziegen oder Schafen,  ist ein geschmeidiges, durables und teures Material; als Beschreibstoff kostet ein Doppelfolio – 2 Blätter=4 Seiten in Folio – 1 Ziege/Schaf.  Mit dem 14. Jahrhundert besiegte des Papier die teure Haut – der Buchdruck forcierte deren technisches und ökonomisches Aus. Johannes Gutenberg (um 1400 – 1468), Entwickler einer Handgussvorrichtung für bewegliche Metallettern und passender Legierung, druckte seine ersten lateinischen Bibeln auf Pergament – ein technischer Erfolg, aber ein finanzielles Desaster, auch als er Papier nahm. Von Gutenbergs geschätzten 180 Bibeln, gedruckt um 1452  bis 1454,  blieben 49 insgesamt erhalten4,  auf Pergament nur 12. Fragmente sind’s mehr, manches überdauerte auch makuliert, wie zum Beispiel als Pergamenteinband eines Drucks aus dem 17. Jahrhundert, den die Universitätsbibliothek Princeton kürzlich erwarb.5

Gradualseite als Bucheinband, Rückseite des Vorderdeckels, Einbandspiegel abgelöst (Ausschnitt), Pergament. (Eingebunden: Friederich Martens: Hispanische Reise Beschreibung De Anno 1671. Handschrift, 17. Jahrhundert). Bibliothek des Christianeums

Der Klebstoff des Chorblatt-Einbands hat über die Jahrhunderte nachgegeben, der Vorsatz hat sich gelöst und nicht nur eine makellos saubere Rückseite des Proprium ohne nennenswerte Gebrauchsspuren freigelegt, sondern auch offenbart, wie man dem pergamentenen Weichcover Verstärkung verpasst hatte, und zwar mit überflüssigen Seiten eines Drucks von 1554. Weggeworfen wurde nichts, auch kein Papier, denn auch das war teuer und wurde makuliert. Verworfene Druckseiten waren über Jahrhunderte Material zur Stütze der Buchdecken, der Einbände und der Rücken. Das Papier für den Müll wurde überdies zum Beispiel Grundlage für Pappe, und das bereits im frühen 15. Jahrhundert in Venedig bei Aldus Manutius.6

Recycling ist nicht neu, wurde aber immer wieder neu beurteilt. Kulturgut ist kein Schmuck für die Wand, sondern erhellt längst vergangene Denk-, Material- und Arbeitsprozesse, um vielleicht – so jedenfalls die Hoffnung – auch unsere eigenen besser verstehen und beurteilen zu können.

Literatur

Mersiowsky, Mark, Wenn Buchmenschen zum Messer greifen: Zur Wiederverwendung mittelalterlicher Bücher. In: www.flick-werk.net. Die Kunst des Flickens und Wiederverwertens im historischen Tirol, hg. v. Siegfried de Rachewiltz u. Andreas Rauchegger in Zusammenarbeit mit Christiane Ganner (Schriften des Landwirtschaftsmuseums Brunnenburg 15), Brunnenburg 2014, S. 200–219.  (Pdf)

 White, Eric Marshall, The Gutenberg Bibles that Survive as Binder’s Waste. In: Early Printed Books as Material Objects. Proceedings of the Conference Organized by the IFLA Rare Books and Manuscripts Section. München, 19. – 21. August 2009. Herausgegeben von Bettina Wagner und Marcia Reed, Walter De Gruyter, Berlin 2010, S. 21-35. (online)

Weblinks

Princeton Acquires a Vellum Fragment of the Gutenberg Bible von Eric Wight    (via Archivalia)

•  Pergamentmakulatur (bei: Wikipedia)

•  Zweckentfremdung (bei: Christianeum)

•  Aus der Bibliothek: Pergamentmakulatur (bei: Christianeum)

•  Die Identifizierung eines Fragments am 2. Advent 2011 (bei: Christianeum, siehe auch Archivalia (alt))

Anmerkungen
Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Zweckentfremdung: Pergamentmakulatur," in bibliotheca.gym, 03/05/2017, https://histgymbib.hypotheses.org/2652.

  1. Introitus Dominus secus ma/re galilee vi[dit] / duos fratres petru[m] et andream et voc[avit] / eos venite post me faciam vos fie[ri] / piscatores hominu[m]. P (=Rubrik: Psalmvers/Versus zum Introitus) Celi enar[rant] / gloria[m] dei et opera manuu[m] eius annu{ntiat] / firmame]n]tu[m]. G (Rubrik: Graduale): Nimis honorati; of (Rubrik, Offertorium) G[lori]/a et honore; C (Rubrik: Communio): Dicit andreas symoni [fratri suo invenimus messiam qui dicitur christus et adduxit eum ad ihesum]
  2. Das Exemplar gehörte zur Sammlung des Johann Peter Kohl (1698-1778), die dem Christianaum in Altona 1768 übereignet wurde und seither den Bestand der Anstalt nicht verlassen hat.
  3. Friederich Martens: Hispanische Reise Beschreibung De Anno 1671. Handschrift mit Federzeichnungen. Bibliothek des Christianeums; Signatur R 27/4
  4. Gutenberg-Museum, Mainz, Gutenberg-Bibel
  5. Princeton Acquires a Vellum Fragment of the Gutenberg Bible Preserved as a Book Cover. Bei: Notabilia; abgerufen am 3. Mai 2017
  6. Siehe dazu bei bibliotheca.gym: Aldine und die Pappe, 2014

Die Inkunabeln der Ratsschulbibliothek Zwickau

k, 04/25/2017 - 21:53

Neuerscheinung:

Holger Nickel

Die Inkunabeln der Ratsschulbibliothek Zwickau. Geschichte und Bestand der Sammlung, mit einem Anhang zu den Einblattdrucken des Stadtarchivs Zwickau.

Reichert Verlag,  Wiebaden 2017
17,0 x 24,5 cm, 240 S., 14 s/w Abb., 5 farb. Abb., 16 Tafeln, Gebunden.

49,00 €
ISBN: 9783954901944

Aus der Verlagsinformation:

„Der Katalog erschließt einen Teil der Bestände einer der ältesten Bibliotheken Sachsens, der 1498 erwähnten Ratsschulbibliothek in Zwickau. Der heutige Inkunabelbestand stammt hauptsächlich aus drei Quellen, aus dem mittelalterlichen Franziskanerkloster, der Sammlung des Stadtschreibers Stephan Roth (gest. 1546) und Erwerbungen des Schulrektors Christian Daum (gest. 1687). Die Schule hat diese Bestände seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts betreut und die einzelnen Teile in ihren Erscheinungsbildern erhalten. So gewährt sie Einblicke in die Buch-Interessen eines Klosters von Bettelmönchen, eines Angehörigen des Stadtpatriziats, der nebenamtlich einen schwunghaften Buchhandel betrieb, der Reformation und zeitweise Luther nahestand, sowie eines „Intellektuellen“ und vielleicht „Retters von Kulturgut“ mitten im 30jährigen Krieg und in den Folgejahren. Der Bestand von gut 1150 Einheiten war nie auf repräsentative Zimelien und herausragende Buchgestaltung ausgerichtet, er spiegelt den täglichen Bedarf und die Gewohnheiten der jeweiligen Besitzer. […]”

Vom selben Verfasser stammt die 1976 als Promotion an der Humboldt-Universität erschienene Arbeit „Die Inkunabeln der Ratsschulbibliothek Zwickau. Entstehung, Geschichte und Bestand der Sammlung“.   (DNB)

Held von Babylon. Robert Koldewey

k, 04/25/2017 - 09:24
Held von Babylon mit seinen Katzen. Robert Koldewey in Babylon, fotografiert mit Selbstauslöser um 1906. (Quelle + Lizenz)

Nachstehenden Artikel veröffentlichte ich bereits 2005.  Er soll hier nochmals zu Ehren kommen, weil er schon damals zeigte, dass Gymnasialarchive unterschätzt werden – auch heute noch, obwohl sie gelegentlich den Stoff für Abenteuergeschichten enthalten. – Hier mal ausnahmsweise einen Indiana Jones statt eines Immanuel Kant .

Held von Babylon. Robert Koldewey

1885 schickt der englische Schriftsteller Henry Rider Haggard (1856-1925) in seinem Roman „King Salomon’s Mines“ einen im Folgenden höchst erfolgreichen Protagonisten in die Welt – Alan Quatermain, einen Abenteurer auf der Suche nach den vergrabenen Geheimnissen dieser Welt; die weiteren zahlreichen Romane mit Quatermain werden knapp 100 Jahre später die Vorlage werden für die Filmserie um „Indiana Jones“.

Nachdem Bruce Earl of Elgin and Kincardine (1766-1841) die als „Elgin-Marbles“ berühmt gewordenen Marmorskulpturen des Parthenon, nach wie vor der Stolz des British Museum, nach London geschafft hatte, entwickelte sich eine archäologische Forschung, deren Erkenntnisinteresse zunächst ausschließlich auf die antiken Stätten des Mittelmeerraumes gerichtet war. Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galten die seit Jahrtausenden unter dem Flugsand der Wüste verborgenen Orte des alten Orients als sagenhaft; sie existierten als alttestamentarischer und literarischer Mythos, ohne Historie. Die ersten Expeditionen, die sich der Suche nach diesen Orten und in erster Linie deren Kunstgegenständen widmeten, waren häufig noch privat finanzierte Unternehmungen; gleichwohl gewannen diese Expeditionen nach und nach an öffentlichem Interesse.

***

Koldewey 1906 in Babylon, fotografiert mit Selbstauslöser. (Quelle + Lizenz)

1882 bricht Robert Koldewey (1855-1925) als Mitarbeiter des amerikanischen Ausgräbers Francis Bacon auf nach Assos an die nördliche Mittelmeerküste der Türkei; dort geht es um die antik-hellenistischen Zeugnisse von Troas. Koldewey hatte nach einem Studium der Architektur, Archäologie und Kunstgeschichte ganz bürgerlich eine Beamtenstelle als Regierungsbauführer bei der Freien und Hansestadt Hamburg bekleidet. Vielleicht waren es die Kontakte zu Franz Andreas Meyer, einem Onkel des berühmten Altertumsforschers Eduard Meyer, oder zu Alfred Lichtwark, dem Leiter der Hamburger Kunsthalle, gewesen, die den jungen Bauführer bewogen, den Beamtenstuhl beiseite zu schieben und das Abenteuer einer Reise in eine noch junge Wissenschaft zu wagen. Robert Koldeweys Arbeit in Assos bringen ihm 1885/86 den Auftrag des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts ein für Ausgrabungen auf der Insel Lesbos, dem weitere Unternehmungen, nunmehr auch in Mesopotamien, folgen auf der Suche nach antiken Stätten. Koldeweys außerordentliches Zeichentalent erweist sich bei der Aufnahme der Funde als dem Fotoapparat uneingeschränkt überlegen.

Ein Archäologe verdiente im 19. Jahrhundert seinen Lebensunterhalt auf den Grabungsfeldern; die nachfolgenden Zeiten der Auswertung und Publikation wurden nicht finanziert. Obwohl Koldeweys archäologische Forschungsergebnisse ihm Achtung in der akademischen Welt verschaffen – 1894 erhält er eine Ehrenpromotion der Universität Freiburg – , sieht er sich 1895 gezwungen, eine Stelle als Lehrer an der Baugewerbeschule in Görlitz anzunehmen. Koldewey hasst die Schulstuben und ist unglücklich in der Provinz. Als ihn 1897 ein Ruf aus Berlin erreicht, zusammen mit dem Orientalisten Eduard Sachau an einer sog. „Vorexpedition“ ins Zweistromland teilzunehmen, sagt er sofort zu; die beiden haben den Auftrag, geeignete Orte für Ausgrabungen größeren Stils ausfindig zu machen. Koldewey versteht sich nicht mit seinem akademischen Kollegen; er hält ihn für einen Stubengelehrten, der keine Ahnung hat und ihm, wie er meint, mit seiner Besserwisserei dauernd auf die Nerven geht. Vor der zuständigen Kommission der Museen zu Berlin treten Sachau und Koldewey nach Beendigung ihrer gemeinsamen Voruntersuchungen als Gegner auf: Sachau ist für Assur, Koldewey für Babylon. Koldewey gewinnt; er überzeugt die Kommission durch die Vorlage wunderbarer, farbiger Glasurziegel.

Am 12. Dezember 1898 bricht Robert Koldewey im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft von Berlin auf an den Euphrat, in Triest kommt sein Assistent Walter Andrae dazu. Am 26. März 1899 beginnen die Ausgrabungen von Babylon. Zunächst auf fünf Jahre konzipiert, wird Koldewey insgesamt 18 Jahre, nur dreimal unterbrochen von Arbeitsurlaub 1904, 1910 und 1915, die Ausgrabungen in Babylon leiten und ab 1903 von dort aus weitere archäologische Unternehmungen, u.a. die in Assur, Fara, Abu Hatab und Uruk. 1917, als die Engländer Bagdad erobern, werden Koldewey und sein letzter Assistent, als sie die feindlichen Truppen am Horizont auftauchen sehen, in die Automobile springen und davonfahren, ohne die Ausgrabung beendet zu haben. Koldewey wird nie wieder an den Euphrat zurückkehren; die politischen Verhältnisse werden auch für spätere Generationen eine Fortführung seiner Arbeit erschweren. Heute haben zwei Kriege im Irak eine Begutachtung der Grabungsstätte nahezu unmöglich gemacht.

Robert Koldewey im Magazin des Grabungshauses in Babylon. Foto: Gertrude Bell. Vorderasiatisches Museum zu Berlin. (Quelle + Lizenz)

Koldewey hat bereits seit 1900 während der Ausgrabungen seine Ergebnisse für die Veröffentlichung vorbereitet und der Deutschen Orient-Gesellschaft sowie der Generalverwaltung der Berliner Museen regelmäßig Bericht erstattet. „Das wiedererstehende Babylon. Die bisherigen Ergebnisse der Deutschen Ausgrabungen“ wird bis 1925 vier Auflagen erleben, ein respektabler Publikumserfolg. Auf einem fast 3,2 Quadratkilometer großen Areal einer inneren Stadt hat Koldewey den Palast des Nebukadnezar gefunden, identifiziert an mit dem Stempel des babylonischen Herrschers versehenen Ziegeln, hängende Gärten entdeckt und eine Prozessionstraße sowie ein nach der Göttin Ischtar benanntes Tor; in Millionen Ziegelbruchstücken werden die Funde, in Hunderten von Kisten verpackt, auf den Weg nach Berlin geschickt. Überdies legt Koldewey die Fundamente eines riesigen Bauwerks frei – den alttestamentarischen und von Herodot erwähnten „Turm zu Babel“.

Mit seinen Aufsehen erregenden Funden, jedoch auch mit dem Anspruch seiner Arbeit hat sich Robert Koldewey in die Geschichte der Archäologie eingeschrieben. Koldewey bereicherte den zuvor eher auf die Kunstobjekte gerichteten Blick auf die Altertümer um das Interesse am Wesen von Bauten und deren Erforschung. Die von ihm entwickelte Methodik der Aufnahme nicht nur der Fundstücke, sondern auch ihrer exakten Lokalisierung haben die archäologische Bauforschung zu einem festen Teil der Wissenschaft gemacht und die Möglichkeit zu einer zweifelsfreien Rekonstruktion gewährleistet; die von Koldewey dafür entwickelte Logistik einer Ausgrabung gilt bis heute als vorbildlich.

Robert Koldewey, 1919. Nachlass Robert Koldewey: Vorderasiatisches Museum zu Berlin.

Robert Koldewey wird sich 1917 in Berlin niederlassen als Kustos für auswärtige Angelegenheiten der Berliner Museen; bis zu seiner Pensionierung 1921 wird er Kollegen bei Ausgrabungen unterstützen, u.a. Carl Schuchardt in Arkona auf Rügen, der 1925 Koldeweys Briefe herausgeben wird. Die Strapazen der langen Jahre auf dem Grabungsfeld fordern ihren Tribut; Koldewey stirbt, in den letzten Jahren seines Lebens krank, mit noch nicht 70 Jahren am 4. Februar 1925. Er wird auf dem Südfriedhof Berlin-Lichterfelde beigesetzt in einem Ehrengrab der Stadt Berlin; Freunde stiften das Grabmal in Form einer Zikkurrat.

***

Johannes Gustav Eduard Robert Koldewey, geboren am 10. September 1855 in Blankenburg/Harz, besuchte zunächst das Gymnasium in Braunschweig und kam als Tertianer 1869 ans Christianeum, nachdem die Familie nach Altona gezogen war. Robert machte hier 1875 das Abitur, das ihm insbesondere seine Talente in Mathematik und Physik bescheinigte; seine Prüfungsaufsätze zeigen einen Verfasser, der schreiben kann. In den Matrikeln des Christianeums hinterlässt er als Berufswunsch „Baufach“.

Als ich nach Anfragen von Koldeweys Biographen Olaf Matthes (Hamburg) und  des den Nachlass von Koldewey betreuenden Kustos des Vorderasiatischen Museums zu Berlin Joachim Marzahn im Archiv des Christianeums fündig wurde, kam mir der Gedanke, dass sich ein Indiana Jones als weiteres Medaillon im Eingang des Christianeums neben den dort bereits platzierten Geisteshelden eigentlich gut machen würde.

Ich las Artikel über Robert Koldewey im Internet und begegnete nicht nur einer atemberaubenden wissenschaftlichen Existenz, sondern auch einem Menschen, der mich interessierte: einem über die Maßen begabten Zeichner, einem zweifellos literarischen Talent in seinen Briefen und Berichten sowie einem darüber hinaus offenbar mobilen, schlagfertigen Geist, den die Zeitgenossen allerdings zuweilen als „schwierig“ empfunden haben müssen; die kolportierten Anekdoten und Berichte zeigen einen womöglich nicht ganz unkomplizierten Charakter.

Koldewey habe, so heißt es, ungeniert den staunenden Görlitzer Lehrerstammtisch darüber aufgeklärt, dass die mesopotamische Sonnenglut die Haut platzen lasse, weshalb die Araber stets Nadel und Faden dabei hätten, um sie wieder zusammen zu nähen; damit die Flinten nicht von alleine losgingen, umwickele man deren Schlösser mit Tüchern. Zigaretten müsse man, um sie anzuzünden, nur in den glühenden Sand halten.

Als eines Tages auf der Grabungsstätte am Euphrat eine „bibelfeste“ Gruppe Damen und Herren auftaucht, die ihre Besuchszeit im „Sündenbabel“ betend, fromme Lieder singend und Whisky trinkend verbringt, habe Koldewey die frommen Gäste herum geführt und ihnen einen Berg aus Schlacken als „feurigen Ofen“ erklärt, ein tiefes Grabungsloch als „Daniels Löwengrube“ und ein Grabungsfeld als „Thronsaal“ des Menetekels eröffnet. Ein Ziegelbruchstück mit dem Stempel des Nebukadnezar, das dort herumlag, sei von den Gläubigen entdeckt und sogleich als Fund der Flammenschrift Belsazars identiziert worden; Koldewey habe ihnen ganz ernsthaft wegen der enormen Bedeutung dieses Stücks die Inbesitznahme versagt und sie auf die Entdeckerfreude verwiesen. Von seinen Mitarbeitern gescholten, die guten Leute so hinters Licht geführt zu haben, soll er gesagt haben: „Wieso? Wer glaubt, ist selig! Sollte ich ihnen die Freude nehmen und sie enttäuschen? Das wird bis an ihr Lebensende das Erlebnis für sie bleiben!“

Koldewey war, so scheint es, erbarmungslos gegenüber Ignoranz, die er nicht selten ohne Gnade konterte. Das dürfte den Umgang mit ihm nicht unbedingt leicht gemacht haben; geheiratet hat er nie.

***

Rekonstruktion des Ischtar-Tors. Zeichnung von Robert Koldewey. Nachlass Robert Koldewey: Vorderasiatisches Museum zu Berlin

536 Kisten mit Millionen von glasierten Ziegelstücken aus Babylon landen nach der Freigabe durch das Königreich Irak 1926/27 im neugegründeten Vorderasiatischen Museum zu Berlin an; Walter Andrae, Koldeweys ehemaliger Assistent und unterdessen Direktor des Museums, wird die Auswertung der Funde vorantreiben. 1930 werden dem staunenden Publikum im Haus am Kupfergraben in Berlin das rekonstruierte Ischtar-Tor und die Prozessionstraße von Babylon präsentiert; sie werden den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs in den dicken Mauern des Pergamonmuseums überleben und sind bis auf den heutigen Tag eine Attraktion für die Besucher.

Eine Ausstellung „Robert Koldewey – ein Archäologenleben. Zum 150. Geburtstag des Ausgräbers von Babylon“ ist als Sonderausstellung des Vorderasiatischen Museums in Zusammenarbeit mit der Deutschen Orient-Gesellschaft, der Koldewey-Gesellschaft und dem Besucherdienst der Staatlichen Museen zu Berlin noch bis zum 31. Dezember 2005 im Innern des Ischtar-Tors im Pergamonmuseum zu besichtigen.

***

Epilog

Dem Ordner „Berühmte Schüler“ im Archiv des Christianeums hatte ich eine Klarsichthülle mit einer Kopie des Artikels zu Robert Koldewey aus der Neuen Deutschen Biographie entnommen und mir für eine weitere Bearbeitung im Archiv bereit gelegt. Als ich kürzlich der Klarsichthülle die Kopie entnahm, fiel ein alter Brief heraus. Dr. Johannes Claussen, bis 1910 Lehrer und Bibliothekar am Christianeum, beantwortet, bereits hochbetagt, am 6. 8. 1926 eine Anfrage des „Liebe[n) Herr[n] Kollege[n]“ – vermutlich des Bibliothekars Prof. Dr. Otto Hartz – bezüglich Robert Koldewey. Er erinnert sich, „dass sein [Koldeweys] hervorragendes Schauspielertalent bei der musikalisch-dramatischen Abendveranstaltung am 10. Dez. 1874 höchste Bewunderung und stärksten Beifall erregte“. Der von Claussen vermutete „handschriftliche Theaterzettel“ ist leider nicht erhalten. „Über das weitere Schicksal von Koldewey“ habe er, Claussen, in den „Mitteilungen von Michaelis, Archäologische Entdeckungen d. 19. Jahrh., 1906, mit Interesse gelesen“.

Quellen

Archiv des Christianeums

• Robert Bennett: Koldewey – der Ausgräber Babylons. London, 4. Juni 1995 (online)

• Joachim Marzahn/Kathleen Erdmann: Robert Koldewey – ein Archäologenleben. Berlin, 2005

• Stefan M. Maul: 1903-1914:  Assur – das Herz eines Weltreichs. o. J. [1998]

• Rüdiger Schneider: Reise nach Babylon – zum Gedenken an Robert Koldewey  (online 2005, nicht mehr verfügbar)

Wiedererstehendes Babylon. Eine antike Weltstadt im Blick der Forschung. Begleitbuch zur Ausstellung „Wiedererstehendes Babylon“. Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, 1991

Abbildungen

Siehe Bildangaben. Aus dem Nachlass Robert Koldeweys: mit freundlicher Genehmigung des Vorderasiatischen Museums zu Berlin (2005)

Editorische Notiz

Erschienen in:  Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 60. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2005, S. 26 – 32.  Seinerzeit wurden keine Fußnoten erstellt. Die damals angegebene Literatur („Quellen“) wurde übernommen, deren damalige (gedruckte) Links, wenn möglich, aktualisiert.  Die Verlinkungen im Artikel sind neu und verweisen überwiegend auf Wikipedia-Artikel, die heute im Bereich der archäologischen Bauforschung informative Artikel hat.

Weblinks

Zeichnungen Robert Koldeweys und Otto Puchsteins

Babylon. Stadt des Marduk und Zentrum des Kosmos. Irak 1898-1917. Bei: Deutsche Orient-Gesellschaft. Forschungsprojekte.

Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Held von Babylon. Robert Koldewey," in bibliotheca.gym, 25/04/2017, https://histgymbib.hypotheses.org/2597.

Rezension: „Verborgene Schätze der Hennebergischen Gymnasialbibliothek“

cs, 04/20/2017 - 23:51
Quelle: Archivalia

Kritische Betrachtung einer neuen Publikation zu einer bemerkenswerten Gymnasialbibliothek  bei Archivalia:

Rosika Hoffmann: Die Hennebergische Gymnasialbibliothek. Verborgene Schätze im Naturhistorischen Museum Schloss Bertholdsburg Schleusingen. Schleusingen: Naturhistorisches Museum Schloss Bertholdsburg 2016. 58 S., zahlreiche Abbildungen. Inhaltsverzeichnis via ISBN 978-3-00-053648-9

Die ansprechende, reich mit Farbabbildungen versehene Broschüre begleitete eine Sonderausstellung 2016/17 auf der Bertholdsburg. Hoffmann stellt in populärer, nicht wissenschaftlicher Darstellung die Geschichte der Bibliothek und ihrer einzelnen Sammlungen vor, die dem 1953 gegründeten damaligen Heimatmuseum übergeben wurde. […]

(weiterlesen bei Archivalia)

Siehe auch:

https://histgymbib.hypotheses.org/1937

Wikimedia Commons: Hennebergische Gymnasialbibliothek

Geburtstagsgeschenk von de.hypotheses.org – für bibliotheca.gym!

cs, 03/09/2017 - 16:21

Im Redaktionsblog meldet Mareike König: Jetzt online: fünf Blogbeiträge zum Hören! Der Geburtstagspodcast von de.hypotheses.org #dehypo5. Fünf Blogartikel wurden ausgewählt und „gelesen von professionellen Sprecher/innen, die die Texte auf ihre Art zu Gehör bringen, veranschaulichen und lebendig werden lassen“.

(And now we proudly present:-)

Felicitas Noeske: Gebrauchsspuren, in: bibliotheca.gym. Gymnasialbibliotheken und -archive, 1.5.2015, https://histgymbib.hypotheses.org/838.
Gebrauchsspuren an Büchern: geknickte Seiten, Randbemerkungen, Spuren auf den Umschlägen… Mit Olaf Kreutzenbeck als Lesendem möchte man am liebsten mit einem Tee am Kamin sitzend dieser Märchenstunde zu lauschen… oder aber gleich selbst ein Buch in die Hand nehmen, anfassen, lesen und „begreifen“.

Vielen Dank – das ist wunderbar!