Külföldi egyházi levéltári hírek

Doktordiplom P. Andreas Borschkes

Archiv des Schottenstifts -

Diplomrollen sind im Rahmen von Nachlässen keine ungewöhnlichen Archivbestände, auch im Archiv des Schottenstifts werden etliche solcher feierlichen Abschlussurkunden unter den Lebensdokumenten von Konventualen verwahrt. In der Regel liegen diese in ihrer bekannten Rollenform vor, die „Slim-Fit-Variante“ des Doktordiploms von P. Andreas Borschke aus dem Jahr 1872, welche bei der Ordnung einer Lade mit Sonderformaten aufgefunden wurde, ist – zumindest uns – dagegen weniger geläufig. Eine schmale Hülle umschließt hierbei die eng gerollte Urkunde und ist am oberen Ende auf die Größe des in einer Holzkapsel gefassten Siegels geweitet. Die so entstandene, etwas eigenwillige Form ist zwar nicht unbedingt praktisch, fördert aber offensichtlich die Neugierde der Betrachter.

Doktordiplom P. Andreas Borschkes (1872).

ProvenienzWiki GBV

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Bereits seit 2008 installiert und betreut von der Staatsbibliothek zu Berlin: ProvenienzWiki – Plattform für Provenienzforschung und Provenienzerschließung.

Das Wiki hat auch eine Kategorie Gymnasium. Hier sind zahlreiche Gymnasien östlich der Elbe verzeichnet, gezeigt werden die Bibliotheksstempel, Exlibris und Supralibros, gelegentlich auch mit einem kurzen Text zur Sammlung. So gibt es zum Beispiel einen kleinen Artikel über das einstmals berühmte Joachimsthalsche Gymnasium, gegründet 1607. Das Gymnasium existiert seit 1953 nicht mehr, seine Sammlung galt 1935 als „die größte Schulbibliothek im deutschsprachigen Raum”. Die Abbildungen stammen aus einzelnen Exemplaren, die von der SBB gehalten werden. Aus noch „lebenden“ Gymnasialbibliotheken sind  (so jedenfalls die Stichproben) keine Angaben verzeichnet, für die Rekonstruktion von zerstörten und zerschlagenen gymnasialen Buchsammlungen, vor allem des Ostens, indes hilfreich.

Beitragsbild

Alter Stempel der Bibliothek des Christianeums, Hamburg

Verzeichniss deutscher Schulbibliotheken (1869)

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Neuer Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekswissenschaft, Band 18, Schönfeld: Dresden 1869, herausgegeben von Julius Petzholdt: darin findet sich, in vier Abschnitten über den Band verteilt, ein Verzeichniss Deutscher Schulbibliotheken, alphabetisch geordnet nach ihren Orten und mit Zahlenangaben zum jeweiligen Umfang ihrer Bestände versehen.

  • S. 143 –147 (Altdorf – Culm)
  • S. 177 – 180 (Fortsetzung: Culm – Germersheim)
  • S. 203 – 206  (Fortsetzung: Gingst auf Rügen – Inowraclaw)
  • S. 251– 262 (Schluss: Insterburg – Zwickau)

Siehe dazu auch: Listen der Gymnasialbibliotheken

ICARUS-Convention in Ludwigsburg/DE – verschoben auf 2022

International Centre for Archival Research (ICARUS) -

Aufgrund der unsicheren Situation bezüglich der COVID-19 Pandemie, sehen wir uns gezwungen, die für Oktober 2020 geplante ICARUS-Convention in Ludwigsburg/DE zu verschieben. Der neue Termin wurde auf 2.-4. Mai 2022 festgelegt. Wir bitten um Verständnis und verbleiben mit den besten Wünschen, Ihr ICARUS-Team

Die Gymnasialbibliothek in Lemgo

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Die Gymnasialbibliothek Lemgo mit historischem Altbestand befindet sich im Stadtarchiv.  Auf einer nunmehr modernisierten Homepage – die ältere Version hatte bereits die Gymnasialbibliothek nachgewiesen – werden diese seit 1955 ins Archiv ausgelagerten Bestände  als Sondersammlung eigens präsentiert. Die Sammlung ist im Rahmen der Archivbibliothek erschlossen.

Abriss der Schulgeschichte Schulmatrikel: die ersten Schüler 1631 (Quelle + Lizenz)

Die Stadt Lemgo hatte im späten Mittelalter eine Lateinschule. Im 16. Jahrhundert richtete man sich ein Gymnasium ein im Süsterhaus, dem ehemaligen Schwesternhaus eines aufgegebenen Nonnenklosters, seit 1605 belegt als Gymnasium Lemgoviensium, erhaltene Schulmatrikel überliefern  Schüler ab 1631. Seit 1872  befindet sich  das Gymnasium  in den einst fürstlichen Gebäuden des Lippehofs. 1938 erhielt das Gymnasium seinen heutigen Namen nach einem ehemaligen Schüler, dem Arzt und Forschungsreisenden Engelbert Kaempfer (1651–1716).1 

Zur Bestandsgeschichte Engelbert-Kaempfer-Gymnasium in Lemgo, Hauptgebäude (Foto: K.deerberg, 2007; Quelle + Lizenz)

Seit dem 15. Jahrhundert verfügte die Stadt im Laufe der Zeit   über verschiedene klösterliche Buchsammlungen, die nach dem Umzug des Gymnasiums in das neue Gebäude in den 1870er Jahren der Anstalt übergeben wurden, 1880 wurden erstmals die wertvollen Werke verzeichnet, um die Jahrhundertwende besaß die Bibliothek bereits 5300 Bände, darunter 37 Inkunabeln und 11 Handschriften, vermehrt durch Schenkungen und Ankäufe.2

Während des Zweiten Weltkrieges war die Bibliothek ausgelagert und und erlitt keine nenneswerten Schäden.  Nach dem Krieg kamen die Bestände sowohl ans Gymnasium zurück als auch in Teilen  an die Lippische Landesbibliothek und ans damalige Staatsarchiv  in Detmold.3 Ab 1955 übergab das Gymnasium die ihm verbliebenen Bestände dem Stadtarchiv. 4

Erschließung Stadtarchiv Lemgo, Süsterhaus (Foto: Tsungam, 2012; Quelle + Lizenz)

Das Stadtarchiv weist ca. 670 Exemplare der Gymnasialbibliothek  nach, die in der Archivbibliothekskartei erschlossen sind, ältere Kataloge und eine Standortkartei sind ebenfalls vorhanden.5

Ein  Service des Archivs ist eine Literaturliste, die ältere und gemeinfreie Darstellungen zur Gymnasialbibliothek Lemgo im Pdf-Format anbietet.6

In den Detmold bin ich online noch nicht fündig geworden. Die Lippische Landesbibliothek weist per Schlagwortsuche nur rudimentäre Bestände nach, das meiste aus der Gegenwart, das Detmolder Landesarchiv Abteilung Ostwestfalen-Lippe gar nichts. Da ist wohl noch einiges zu entdecken, Literatur gibt’s gratis, archivierte alte Kataloge auch. Die Schule liegt nur einen Steinwurf entfernt vom Archiv.

Beitragsbild

Stadtarchiv Lemgo, Süsterhaus (Foto: Tsungam, 2012; Quelle + Lizenz)

Literatur

Von der Homepage des Stadtarchivs Lemgo:

Schacht, [August]: Verzeichnis der vor dem Jahre 1500 erschienen Druckwerke der Lemgoer Gymnasialbibliothek. In: Steusloff, Jahresbericht über das Gymnasium zu Lemgo (Lemgo 1880), S. 17-20 (Pdf)

Weißbrodt, [Ernst]: Die fünfzig ältesten Druckwerke der Lemgoer Gymnasialbibliothek. Lemgo 1907 (Pdf)

Weißbrodt, [Ernst]: Die ältesten Bestände der Lemgoer Gymnasialbibliothek. In: Zeitschrift für Bücherfreunde 12 (1908/09) Bd. 2, S. 489-499  (Pdf)7

Weißbrodt, Ernst: Die Lemgoer Kirchenbibliotheken. In: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde, Band IX (1911), S. 184 – 208f. (Pdf)

Gerlach, Friedrich: Aus mittelalterlichen Klosterbüchereien und Archiven. Lemgo 1934  [Auszug] (Pdf)

Fischer, Stefan: Die alten Schulbibliotheken. in: Engelbert-Kämpfer-Gymnasium 1583-1983. Festschrift zur 400-Jahr-Feier, Lemgo 1983, S. 64-65 

Weiß, Lothar: Kostbarkeiten aus der alten Gymnasialbibliothek Lemgo. Lemgo 2009 

Weblinks

Stadtarchiv Lemgo: Gymnasialbibliothek

• Wikipedia: Engelbert-Kämpfer-Gymnasium

Homepage  der Schule: Schulgeschichte

• Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Österreich und Europa (Fabian Handbuch): Bibliothek des Stadtarchivs

Anmerkungen Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Die Gymnasialbibliothek in Lemgo," in bibliotheca.gym, 26/05/2020, https://histgymbib.hypotheses.org/9368.
  1. Homepage der Schule: Schulgeschichte; siehe auch Wikipedia-Artikel
  2. Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Österreich und Europa (Fabian Handbuch): Bibliothek des Stadtarchivs
  3. 2004 wurde das Staats- und Personenstandsarchiv als Abteilung 6 in das neue Landesarchiv NRW eingegliedert und Ende 2008  in Abteilung Ostwestfalen-Lippe umbenannt, Standort weiterhin Detmold.
  4. Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Österreich und Europa (Fabian Handbuch): Bibliothek des Stadtarchivs
  5. Homepage des Stadtarchivs: Gymnasialbibliothek
  6. Homepage des Stadtarchivs: Literatur
  7. Auch als Digitalisat via archive.org. Mit Dank an Klaus Graf für den Hinweis

Robinson Crusoe e l’archivio corrente del Convento di S. Agostino

Foederis Arca (Il primo blog per gli Archivi degli Istituti religiosi) -

Tutti coloro che hanno letto La vita e le straordinarie, sorprendenti avventure di Robinson Crusoe (1719) di Daniel Defoe (1660-1731) sanno che, prima del suo sfortunatissimo viaggio che lo portò a naufragare su un’isola deserta, Robinson aveva acquistato una piantagione … Continua a leggere →

Forschen in Zeiten von Corona

International Centre for Archival Research (ICARUS) -

Liebe Freunde von ICARUS, wir möchten Sie herzlich zu der Online-Kurzvortrags- und Diskussionsrunde Forschen in Zeiten von Corona einladen. Corona hat auch vor dem Alltag der Anwender und Betreiber der ICARUS-Plattformen Matricula, Monasterium und der Topothek nicht haltgemacht und auch die Zusammenarbeit im Projekt TimeMachine beeinflusst. In den kommenden 4 Wochen stellen jeweils am Donnerstag […]

Der seit Oktober 2012 geschlossene Lesesaal des Stralsunder Stadtarchivs wieder geöffnet

Gymnasialbibliotheken und -archive -

https://stadtarchiv.stralsund.de/
https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Lesesaal-des-Stralsunder-Stadtarchivs-oeffnet-wieder,stadtarchiv146.html

Ich zitiere Klaus Graf aus dem Blog Archivalia:

“Auch von den damals knapp 6.000 widerrechlich verkauften Büchern der Gymnasialbibliothek sind rund 90 Prozent wieder nach Stralsund zurückgekehrt.“ Das bezweifle ich. […]

Zur Causa Stralsund siehe bei  Archivalia:

https://archivalia.hypotheses.org/?s=causa+stralsund&submit=Suchen

Beitragsbild

Schulprogramm Gymnasium Stralsund, 1929

Handschriften und Inkunabeln der Herzogl. Gymnasialbibliothek zu Gotha (1893)

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Schulprogramm des Gothaer Gymnasiums Ernestinum (1893), aus der Digital Collection der Library of Congress, Washington, D.C.

Prof. Dr. Ehwald, Beschreibung der Handschriften und Inkunabeln der Herzogl. Gymnasialbibliothek zu Gotha nebst vier Briefen von Eobanus Hessus, Melanchthon und Niclas von Amsdorff. Gotha 1893

Metadaten: https://www.loc.gov/item/03027005/

Digitalisat: http://lcweb2.loc.gov/cgi-bin/ampage?collId=gdc3&fileName=scd0001_20020929001bepage.db

Schulprgramme in der Kujawisch-Pommerschen Digitalen Bibliothek

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Die Kujawsko-Pomorska Biblioteka Cyfrowa, die Kujawisch-Pommersche Digitale Bibliothek, veröffentlicht die Schulprogramme aus dem Bestand der Universitätsbibliothek Thorùn (Thorn) . Projektbeschreibung, Sammlung etc. sowie das Verzeichnis der Programme sind auf Deutsch, Englisch und Polnisch abrufbar.

Mit Dank an Pommerscher Greif!

Die verstreute Gymnasialbibliothek

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Gefunden bei Archivalia:

Band aus der Gymnasialbibliothek Greifswald wird für 1250 Euro angeboten

„M. Fabii Quintiliani Rhetoris Clarissimi Oratoriarum Institutionum libri XII […] (Bound with:) Isagoge, de recto decem praedicamentorum usu, inter profitendum Dialectica Trapezontii, a Christophoro Hegendorphino, in rem studiosorum dictata. […] Verlag: Ad 1: Köln (Apud Coloniam Agripp.), In officina Gymnici, 1534. Ad 2: Hagenau (Haganoae), Per Iohannem Secerium, 1529., 1534 […] Verkäufer Antiquariaat Fragmenta Selecta (AMSTERDAM, Niederlande) […] 8vo. Ad 1: (XVI),783,(1 blank) p. Ad 2: (79),(1 blank) p. 16th century calf over wooden boards. 17 cm Two works on rhetoric (Ref: Ad 1: VD16 Q 93; Schweiger 2,843; cf. Fabricius/Ernesti 2,271; Graesse 5,528/29; cf. Ebert 18448. Ad 2: Not in VD16!, we nevertheless traced a few German copies in KVK) (Details: Back, with three raised bands, expertly repaired in antique style. Boards decorated with 2 rows of blind-stamped rolls, the first one with portraits, the second with floral motives. […]) (Condition: Boards chafed, portraits worn away. Some wear to the joints. Clasps and catches gone. Oval stamp on the first title; Ownership entry on the front pastedown […]“

Quelle: ZVAB

Die im Stempel ausgewiesene „Lehrerbibliothek” gehörte dem Städtischen Gymnasium zu Greifswald,  als  Ratsschule 1561 gegründet und seit 1937 Friedrich-Ludwig-Jahn-Oberschule, heute  Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium. Über die wechselvolle Geschichte der Anstalt informiert die Schulhomepage nur rudimentär (und recht versteckt)1, fündiger wird man bei Wikipedia:  Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium, der Artikel gibt auch erste Literaturhinweise, traditionell die Darstellungen in Festschriften zu den Schuljubiläen.2 Im Rahmen der Festschrift zum 350jährigen Jubiläum 1911 erfahren wir auch etwas über eine Lehrerbibliothek:

Das Alte Gymnasium in Greifswald, Mühlenstraße. Aquarell von Anton Heinrich Gladrow (1785–1855), vor1856 (Quelle)

Nirgends spiegelt sich der Fortschritt der Zeit seit 1861 so wieder wie in den Sammlungen, Lehrmitteln und Apparaten der Schule. […] Am ehesten entsprach wohl vor 50 Jahren die Lehrerbibliothek den an sie gestellten oder zu stellenden Anforderungen, spez. aufdem Gebiete der alten Sprachen und der Geschichte. Ganz kümmerlich bedacht waren, selbst nach dem damaligen Stande der betr. Wissenschaften, die neueren Sprachen und die Erdkunde. Da ist nach allen Seiten hin gebessert worden. Die Bibliothek zählt heut 3500 Werke mit über 10000 Bänden, und für die Vermehrung und Vervollständigung sind seit einigen Jahren 500 M jährlich im Etat ausgeworfen. Alle Nachschlagewerke sind als Handbibliothek in dem geräumigen neuen Konferenz-Zimmer aufgestellt. Bibliothekare waren in dem verflossenen Zeitraume: Ob.-L. Dr. Hayduck (bis 1876), Prof. Bode, der, wie oben (S. 45) bemerkt, eine Neu-Ordnung und -Katalogisierung vornahm (bis 1903), Prof. Dr. Olsen (bis 1907) und Prof. Dr. Wildenow.3

Das Neue Gymnasium in Greifswald. Lithographie von Robert Geissler (1819–1893),1869. (Quelle)

Dieselbe Quelle erwähnt auch eine Schüler-Bibliothek:

Die Schüler-Bibliothek wurde 1900 erheblich gesichtet und dann durch eine Menge guter Jugendschriften bereichert. Sie war bis 1903 dem Prof. Bode mit unterstellt; seit dieser Zeit ist Prof. Dr. Friebe ihr Bibliothekar. Ihr Etat betrug bis 1908 400 M. ist jetzt auf 300 herabgesetzt. Sie zählt ca. 2100 Bde. – Daneben besteht seit lange […] eine Primaner-Bibliothek; sie beläuft sich jetzt auf 1870 Bde. und wird von einem, durch die Klasse für ein Jahr gewählten Oberprimaner verwaltet. Der in die Prima eintretende Schüler zahlt 3 M Eintrittsgeld, und es werden monatlich von ihm 10 Pf. Beitrag erhoben. – Auch eine Sekundaner-Bibliothek wurde (nachdem die frühere in den 90 er Jahren eingegangen) durch Prof. Dr. Wildenow neu begründet (200 Bände).4 Ein luxuriöses Lernangebot für die Eleven und ein schöner Beleg nebenbei, dass Gymnasialbibliotheken von den gelehrten Gymnasialprofessoren, Direktoren und Mitgliedern des Lehrerkollegiums, verwaltet wurden. *** Die Greifswalder Gymnasialbibliothek existiert nicht mehr. Sie kam im 20. Jahrhundert abhanden, das Fabian Handbuch der historischen Buchbestände liefert keine Treffer. Das bedeutet, dass die Bibliothek nicht, wie manche andere Gymnasialbibliothek, in der Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und der jüngeren Gegenwart an große Bibliotheken abgegeben wurde; in öffentliche Sammlungen  ausgelagerte oder abgegebene, aber dort vorhandene Bestände werden im Fabian-Handbuch ausgewiesen. Wahrscheinlicher ist, dass die Bibliothek nach 1952 im Zuge der Zerschlagung von Schul-, Hof-, Stifts-, Rats- und Kirchenbibliotheken durch die Behörden der DDR verstreut worden ist. Der 1949 neu gegründete Staat einer Deutschen Demokratischen Republik verfolgte das Ziel, die gesellschaftliche Vergangenheit vollständig zu tilgen.  Die eingesammelten Bestände wurden nach Leipzig gebracht, dort selektiert und was wertlos erschien, makuliert; wertvolle Dubletten gingen in den westdeutschen Antiquariatshandel.5 Die nach 1989 noch vorhandenen Bestände der Staatlichen Antiquariate der DDR, vor allem in Leipzig, fanden zwischen 2006 und 2010 via Ebay den Weg in den Handel. Im Jahr 2012 hatte das Münchner  Antiquariat Zisska & Schauer (heute: Zisska & Lacher) ein Exemplar eines Reineke Fuchs aus der Greifswalder Gymnasialbibliothek im Angebot gehabt.6 Der niederländische Anbieter des hier annoncierten Stücks ist ein Hinweis darauf, dass das Exemplar bereits einen längeren (Besitzer-)Weg zurückgelegt haben könnte, Provenienzangaben fehlen heute wie seinerzeit bei Zisska & Schauer völlig. *** Der Scan des Titels mit dem Bibliotheksstempel ist bei Archivalia markiert mit stralsund2020. Die Causa Stralsund, der Verkauf einer komplett erhaltenen Gymnasialbibliothek 2012 aus dem städtischen Archiv, liegt indes anders.7 In dem Stralsunder Fall spielte das Vergessen eine große Rolle. Die Bibliothek war 1945 vor dem Einmarsch der Russen in die Archivgewölbe verbracht worden; man hatte gehört, dass die Rote Armee Bücher vernichtet haben soll. In diesem Archiv lagerte sie über 40 Jahre lang, unbemerkt durch die Russen und die Staatlichen Antiquariate der DDR. Der Verkauf 2012 zeigte, dass die Strategie der DDR in den 1950er Jahren erfolgreich gewesen war: die Vergangenheit war tatsächlich vergessen worden, weder die amtierende Antiquarin noch die politische Führung der sich zum UNESCO-Welterbe gemauserten Stadt hatten eine Ahnung, welch einen verstaubten und verschimmelten Schatz sie da gehabt und nicht erkannt hatten: die Bildungsgeschichte ihrer Stadt. Beitragsbild Frontansicht des Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasiums in Greifswald, 2012. Foto: Moritz Cordes, Quelle + Lizenz Anmerkungen Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Die verstreute Gymnasialbibliothek," in bibliotheca.gym, 08/05/2020, https://histgymbib.hypotheses.org/9266.
  1. Das Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium Greifswald: Geschichte unserer Schola Senatoria
  2. Zur Geschichte des Gymnasiums zu Greifswald: Hermann Friedrich Christoph Lehmann: Geschichte des Gymnasiums zu Greifswald. Greifswald 1861. – Max Schmidt: Geschichte des Gymnasiums und der Realschule zu Greifswald von 1861 bis 1911.  Bei: Festschrift zur Feier des 350jährigen Bestehens des Gymnasiums zu Greifswald : 15611911. Greifswald ,1911 (Digitalisat)
  3. Max Schmidt: Geschichte des Gymnasiums und der Realschule zu Greifswald von 1861 bis 1911.  Bei: Festschrift zur Feier des 350jährigen Bestehens desGymnasiums zu Greifswald : 15611911. Greifswald, 1911. S. 53–54.
  4. ebenda S. 54
  5. Felicitas Noeske, „Aus meinem Journal des Luxus und der Moden (3): Barbaren (2005),“ in bibliotheca.gym, 13/09/2017, https://histgymbib.hypotheses.org/2854.
  6. Zisska & Schauer, Auktion 59, 2012. Katalog Teil 1, Teil 2
  7. Siehe dazu zum Beispiel: weblog kulturgut: stralsund

Ina Serif: Chronik Jakob Twingers von Königshofen

Archiv des Schottenstifts -

Eine eben erschienene Monographie beschäftigt sich mit der um 1400 entstandenen deutschsprachigen Chronik des Straßburger Kanonikers Jakob Twinger von Königshofen, die in über 125 Handschriften überliefert ist:

Ina Serif, Geschichte aus der Stadt. Überlieferung und Aneignungsformen der deutschen Chronik Jakob Twingers von Königshofen (Kulturtopographie des alemannischen Raums 11, Berlin–Boston 2020).

Bei einem Großteil der bekannten Textzeugen handelt es sich nicht um bloße Abschriften, sondern um Exzerpte oder fortgesetzte Bearbeitungen. Zu diesen zählt auch die Historienbibel Cod. 263 (Hübl 205) des Schottenstifts, die in Serifs Buch nicht nur behandelt wird, sondern auch mit einer Abbildung vertreten ist. Die Autorin analysiert in ihrer Studie die unterschiedlichen Aneignungsformen der Chronik sowohl in historischen, politischen bzw. sozialen Zusammenhängen als auch im kodikologischen Kontext.

Die Ephrussis am Schottengymnasium

Archiv des Schottenstifts -

In unmittelbarer Nachbarschaft des Schottenstifts, an der Ecke Universitätsring/Schottengasse, liegt das markante Palais Ephrussi, ein 1872/1873 vom Architekten Theophil von Hansen für den jüdischen Bankier Ignaz von Ephrussi erbautes Ringstraßenpalais. Einem breiteren Publikum bekanntgeworden ist das Schicksal der Ephrussis und ihres Palais durch die vor einigen Jahren erschienene Familiengeschichte The Hare with Amber Eyes des britischen Keramikers Edmund de Waal.1 Das Jüdische Museum Wien, dem die Familie de Waal 2018 das Familienarchiv der Ephrussis geschenkt hat, widmete sich vor kurzem mit der Ausstellung Die Ephrussis. Eine Zeitreise der wechselvollen Geschichte dieser Dynastie zwischen Russland, Österreich, Frankreich, Großbritannien, Japan und zahlreichen anderen Ländern.2 Darin wurde der wirtschaftliche und gesellschaftliche Werdegang einer europäisch-jüdischen Familie nachgezeichnet, deren Nachfahren heute durch Flucht und Vertreibung während der Zeit des Nationalsozialismus in der ganzen Welt verstreut leben. Dieser Beitrag möge als eine kleine Fußnote zu de Waals beeindruckendem Buch und der Ausstellung im Jüdischen Museum verstanden werden.

Als Söhne eines Getreidehändlers aus Odessa am Schwarzen Meer kommend, gründeten die Brüder Leon und Ignaz Ephrussi 1857 das Bankhaus Ephrussi & Co. in Wien. 1871 errichtete Leon in Paris eine Filiale der Bank, wodurch zwei Familienzweige begründet wurden, die schon bald mit den bedeutendsten und reichsten jüdischen Dynastien Europas verschwägert waren. Ignaz wurde 1871 von Kaiser Franz Josef in den erblichen Ritterstand erhoben und ließ kurz darauf an prominenter Stelle der neu angelegten Ringstraße, gegenüber von Votivkirche und Universität, sein Familienpalais erbauen. Als er 1899 verstarb, beerbte ihn sein jüngerer Sohn Viktor, der mit seiner Frau Emmy Schey von Koromla vier Kinder hatte: Elisabeth, Gisela, Ignaz (genannt Iggie) und Rudolf. 1911 nahmen Viktor und seine Kinder anstelle der russischen die österreichische Staatsbürgerschaft an. Der Erste Weltkrieg, in dem sich die Wiener Ephrussis demonstrativ österreichisch-patriotisch positionierten, hatte beträchtliche wirtschaftliche Folgen für die Familie, ihren sozialen Status konnten sie jedoch in die Zwischenkriegszeit hinein bewahren. Allerdings sah sie sich nun zusehends mit dem immer stärker werdenden Antisemitismus konfrontiert. Kurz nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 wurde das Vermögen der Familie arisiert. Viktor und Emmy gelang zwar die Ausreise, Emmy verstarb jedoch auf der Flucht in der Tschechoslowakei. Viktor lebte bis zu seinem Tod 1945 in Großbritannien bei Elisabeth und ihrem niederländischen Ehemann Hendrik de Waal. Auch die anderen Kinder hatten bereits in der Zeit davor Österreich verlassen: Gisela nach Spanien (bald darauf nach Mexiko), Ignaz und Rudolf in die USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es der Familie Ephrussi zwar mit viel Aufwand, ihre Restitutionsansprüche geltend zu machen und einen Großteil ihres Vermögens zurückzuerhalten, doch war selbst dies, wie in den meisten solchen Fällen, noch mit Hindernissen und Einschränkungen verbunden. Das Palais am Ring konnte etwa nur zu einem sehr geringen Preis verkauft werden. Dauerhaft kehrten die Ephrussis nicht mehr nach Wien zurück, die Erinnerung an sie in der Stadt verblasste für gut 65 Jahre bis zum Erscheinen von Edmund de Waals Buch.

Auch das Schottenstift hat einen kleinen Bezug zur Familie Ephrussi, der über die reine Nachbarschaft hinausgeht. So berichtet de Waal in seinem Buch an mehreren Stellen über das Schottengymnasium:

Iggie attends the Schottengymnasium. This is a very good school run by the Benedictines round the corner, one of the two best schools in Vienna, he told me. The plaque on the wall that lists famous former poets indicates this. Though the teachers are Brothers, many of the pupils are Jewish. The school lays particular stress on the Classics, but there are also mathematics, algebra, calculus, history and geography classes. Languages are studied as well. […]

Girls are not taught at the Schottengymnasium. Gisela is taught at home by her governess in the schoolroom, next to Emmy’s dressingroom. Elisabeth has negotiated with Viktor and now has a private tutor. […] Elisabeth scrupulously follows the same curriculum as the one boys her age are taught at the Schottengymnasium, and is allowed to go to the school laboratory in the afternoons and have a lesson by herself with one of the teachers. She knows that if she wants to go to the university, then she has to pass the final examination from this school. […]

On 28th June [1918] Elisabeth receives her end-of-year report from the Schottengymnasium. Seven ‘sehr gut’ for religious study, German, Latin, Greek, geography and history, philosophy and physics. One ‘gut’ for mathematics. On 2nd July she gets her matriculation certificate, stamped with the head of the old Emperor. The printed word ‘he’ is crossed out and ‘she’ has been inscribed in blue ink.

Tatsächlich war Elisabeth von Ephrussi (1899–1991) eines der allerersten Mädchen, das das Schottengymnasium absolvierte.3 Im Schuljahr 1913/14 wurde sie als Privatistin in die 4. Klasse aufgenommen. Als solche erhielt sie den Unterricht zwar zuhause von ihrem Privatlehrer, ihre Prüfungen in den einzelnen Fächern legte sie aber am Gymnasium vor den dortigen Fachprofessoren ab. Ihre Leistungen zum Schulschluss sind in den jeweiligen Hauptkatalogen des Gymnasiums vermerkt. Ihre Jahreszeugnisse weisen in allen Fächern ausschließlich Sehr gut auf, lediglich im Zeugnis der 5. Klasse erhielt sie in Latein und Griechisch, in jenem der 8. Klasse in Mathematik jeweils ein Gut.4

Hauptkatalog, Schuljahr 1917/18, 8. Klasse (28. Juni 1918).

Eine gewisse Ausnahmestellung hatte die jüdische („mosaische“) Religionslehre, für die ein externer Prüfer herangezogen wurde. In den Katalogen wird stets auf die von einem „Prof. Pollak“ ausgestellten Zeugnisse verwiesen. Hierbei dürfte es sich um Dr. Heinrich Pollak handeln, der jüdischer Religionslehrer am nahen Gymnasium Wasagasse (damals Maximilian-Gymnasium) war.

Mit dem „Schullabor“, das Elisabeth an Nachmittagen aufsuchen durfte, ist das Mathematisch-Physikalische Kabinett des Schottengymnasiums gemeint. Verwalter dieser Sammlung und zugleich Elisabeths Prüfer für Mathematik, Physik und Chemie in der 7. und 8. Klasse war P. Dr. Vinzenz Blaha.

Mathematisch-Physikalisches Kabinett des Schottengymnasiums (um 1913).

Die schriftlichen Reifeprüfungen aus Deutsch, Latein und Griechisch legte Elisabeth von 10. bis 12. Juni 1918 ab, am 2. Juli folgten die mündlichen Prüfungen aus Deutsch, Latein, Vaterlandskunde und Mathematik. Humor schien dabei P. Peter Mang mit seiner Aufgabenstellung aus Deutsch zu beweisen: Elisabeth musste über den Beginn des 5. Akts von Goethes Egmont (Klärchen und die Bürger von Brüssel) sowie allgemein über die Frauengestalten in Goethes Dichtungen sprechen. Die Matura bestand sie mit Auszeichnung.5

Hauptprotokoll über die Reifeprüfungen, Schuljahr 1917/18 (2. Juli 1918).

Der Jahresbericht des Schottengymnasiums gibt als Berufswahl Elisabeths lediglich die Volkswirtschaft an.6 In Wirklichkeit studierte sie ab 1919 Philosophie, Rechtswissenschaften und Wirtschaft an der Universität Wien, wo sie 1923 zum Doktor des Rechts promoviert wurde. Nach einem Studienaufenthalt in New York lebte und arbeitete sie zunächst in Paris, dann in der Schweiz und schließlich in Großbritannien.

Iggie attends the Schottengymnasium reluctantly. You can run there in three minutes, though I haven’t tried this with a satchel. […] Iggie comes home each day with homework. He detests it. He is poor at algebra and calculus and hates mathematics. Seventy years on, he could give me the names of each Brother and what they tried unsuccessfully to teach him.

Auch Ignaz Leo von Ephrussi (1906–1994) begann seine Laufbahn am Schottengymnasium als Privatist, die ersten beiden Schuljahre 1917/18 und 1918/19 schloß er mit Vorzug ab. Seine Leistungen nahmen jedoch deutlich ab, als er ab dem Schuljahr 1919/20 öffentlicher (regulärer) Schüler war. Das Jahreszeugnis der 3. Klasse weist bereits vier Genügend aus, im Schuljahr 1920/21 kamen ein Genügend sowie ein Nicht genügend in Naturgeschichte, Physik und Chemie hinzu; letzteres konnte Ignaz noch durch eine Wiederholungsprüfung im Herbst zu einem Genügend ausbessern. Das folgende Schuljahr 1921/22 schloß er jedoch mit Nicht genügend in Deutsch, Griechisch, Geschichte und Geographie sowie im Freigegenstand Stenographie ab – er musste die 5. Klasse wiederholen. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte Ignaz lediglich in Religion, über die er wie schon seine Schwester Elisabeth extern von Heinrich Pollak geprüft wurde, stets ein Sehr gut vorweisen; in den beiden Folgejahren sollte es jeweils nur noch zu einem Gut reichen. In den Schuljahren 1920/21 und 1921/22 war Ignaz vom Turnunterricht befreit.7

Die Situation änderte sich nur wenig bei der Wiederholung der 5. Klasse im Schuljahr 1922/23. In fast allen Fächern wurde Ignaz mit Genügend benotet, ebenso in der 6. Klasse 1923/24. Ein Nicht genügend in Mathematik in der 7. Klasse 1924/25 machte erneut eine Wiederholungsprüfung im Herbst erforderlich. Auch in der 8. Klasse 1925/26 schloß er alle Fächer mit Ausnahme von Religion und Turnen nur mit Genügend ab. Sein Betragen wurde über die Jahre hinweg wiederholt lediglich als Entsprechend beurteilt. Zahlreiche Eintragungen der Lehrer über Ignaz in den Klassenkatalogen betreffen sein Schwätzen während des Unterrichts, oft ergänzt durch einen Hinweis auf eine vorausgegangene Ermahnung. Andere Vermerke lauten etwa „unruhig“, „träg“ und „faul“.8

There is a class photograph from 1914, third form: thirty boys in grey-flannel suits with ties, or sailor suits, leaning on their desks. Two windows are open onto the five-storey central courtyard. There is one idiot pulling faces. The teacher is implacable at the back in his monastic robes. On the reverse of the photograph are all their signatures – all the Georgs, Fritzs, Ottos, Maxs, Oskars and Ernsts. Iggie has signed in a beautiful italic hand: Ignace v. Ephrussi.

On the back wall is a blackboard scrawled over with geometry proofs. Today they have been studying how to work out the surface area of a cone.

Auch wenn die Datierung dieser Photographie schon allein aufgrund der Eckdaten von Ingaz’ Schulbesuch nicht stimmen kann, so ist doch nachvollziehbar, welches Bild de Waal hier meint. Es handelt sich um ein Klassenphoto der 5. Klasse des Schuljahrs 1922/23, also jener Klassengemeinschaft, in die Ignaz eben neu hinzugestoßen war und die ihn bis zu seiner Matura begleiten sollte.

5. Klasse des Schottengymnasiums, Schuljahr 1922/23 (Ignaz Ephrussi hinten stehend, dritter von rechts (?)).

In der Mitte steht der Mathematiklehrer und Klassenvorstand P. Dr. Vinzenz Blaha, der schon Elisabeth bei ihren nachmittäglichen Besuchen im Mathematisch-Physikalischen Kabinett betreut hatte. Blaha war 1932 bis 1938 Direktor des Schottengymnasiums, nach dessen Auflösung durch die Nationalsozialisten wurde er Pfarrer von Gumpendorf. Während des Zweiten Weltkriegs verbrachte er aufgrund politischer Aussagen einige Monate im Gefängnis.

Seit 1924 war für die Reifeprüfung auch eine schriftliche Hausarbeit, vergleichbar der späteren Fachbereichsarbeit und heutigen Vorwissenschaftlichen Arbeit, abzufassen. Ignaz widmete sich für das Fach Deutsch dem Thema „[Heinrich] Laube als Theaterdirektor in Wien“; die Hausarbeit wurde von seinem Deutschlehrer P. Meinrad Sadil mit Gut benotet. Die schriftlichen Reifeprüfungen, die er von 14. bis 17. Juni 1926 ablegte, waren weniger erfolgreich: Auf die Prüfungen aus Deutsch, Griechisch und Mathematik erhielt er jeweils ein Genügend, auf jene aus Latein gar ein Nicht genügend. So kam am 6. Juli zu den beiden regulär gewählten mündlichen Prüfungen aus Deutsch und Geographie noch eine weitere Prüfung aus Latein hinzu. Aus Deutsch musste er über den achten Gesang von Goethes Epos Hermann und Dorothea sowie allgemein über die literarische Gattung des Idylls sprechen, aus Geographie über die Gliederung der Zentralalpen in Österreich sowie die Hochländer der Erde.9

Hauptprotokoll über den Jahresabschluss der 8. Klasse und die Reifeprüfungen, Schuljahr 1925/26 (6. Juli 1926).

Iggie graduated from the Schottengymnasium […]. I have his graduation photograph and can’t find him at first, until I suddenly recognise a rather portly young man in the back row in a double-breasted suit. He looks like a stockbroker. Bow-tie and handkerchief, a young man practising how to stand properly, how to look convincing. Do you, for instance, stand with one hand in your pocket? Or are two hands in pockets better? Or even, this is most endearing, one hand inside the waistcoat, a clubman pose.

Maturaklasse 1926 (Ignaz Ephrussi in der letzten Reihe, fünfter von links).

De Waals Beschreibung des Maturaphotos ist wohl mit einer Portion dichterischer Freiheit zu sehen (oder vermischt er hier zwei unterschiedliche Photographien?), weicht sie doch ein wenig von den tatsächlichen Gegebenheiten ab. Ignaz ist darauf anders gekleidet (heller Dreiteiler, Krawatte), aber doch aufgrund seiner Statur leicht in der letzten Reihe zu identifizieren (fünfter von links). In der ersten Reihe sitzen der Direktor und die Lehrer der Klasse: Direktor P. Dr. Albert Hübl (fünfter von rechts), zu seiner Linken sein baldiger Nachfolger Blaha, zu seiner Rechten P. Dr. Leopold Eigl, welcher für das letzte Schuljahr das Amt des Klassenvorstands übernommen hatte.

Das Photo ist für die Geschichte des Schottengymasiums von besonderer Bedeutung, denn es zeigt auch die beiden ersten Mädchen, die hier als öffentliche Schülerinnen maturierten: Hermine Dvořák, Tochter des Kunsthistorikers Max Dvořák, und Charlotte Schaukal, Tochter des Dichters Richard Schaukal. In einer kurzen Phase der 1920er-Jahre, in den Schuljahren 1921/22 bis 1926/27, gab es an der eigentlich reinen Knabenschule nicht nur Privatistinnen, die ihre Prüfungen am Schottengymnasium ablegten, sondern auch einige wenige öffentliche Schülerinnen, die ganz regulär gemeinsam mit den Buben den Unterricht besuchten. Dvořák (?) ist auch auf dem Klassenphoto aus 1922/23 zu sehen (vorne links).

Rückseite des Maturaphotos 1926 mit Unterschriften der Maturanten.

Unter den Klassenkollegen Ignaz’ waren auch der Historiker Erwin M. Auer (1968–1972 Erster Direktor des Kunsthistorischen Museums Wien) und der Botaniker Karl Heinz Rechinger (1963–1971 Erster Direktor des Naturhistorischen Museums Wien).

Nach der Matura studierte Ignaz und arbeitete unter anderem in Frankfurt und Paris als Bankier, übersiedelte bald aber in die USA und wurde dort, zunächst in New York, dann in Los Angeles, Modedesigner. Er erhielt die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und leistete im Zweiten Weltkrieg Militärdienst in Europa. Nach Kriegsende lebte und arbeitete er (nach einem kurzen Aufenthalt im Kongo) bis an sein Lebensende in Japan in der Agrarwirtschaft und im Bankwesen. 1965 nahm Ignaz anstelle der US-amerikanischen erneut die österreichische Staatsbürgerschaft an.

Über Rudolf Ephrussis (1918–1971) Schullaufbahn weiß de Waal in seinem Buch nichts zu berichten, doch auch er besuchte das Schottengymnasium. Wie sein Bruder war er in seinem ersten Schuljahr 1928/29 Privatist, bereits ab dem folgenden Schuljahr 1929/30 wurde er jedoch öffentlicher Schüler. Seine schulischen Leistungen waren ähnlich jenen seines Bruders. Lediglich in Religion, aus der er seine Prüfungen zuerst noch wie seine Geschwister bei Heinrich Pollak, später aber bei Dr. Heinrich Redisch ablegte, erhielt er stets ein Sehr gut. Schon die Zeugnisse der 1. und 2. Klasse weisen jeweils drei Genügend aus. Im Schuljahr 1930/31 hatte Rudolf sein erstes Nicht genügend in Latein. Auf fünf Genügend im Schuljahr 1931/32 folgten in der 5. Klasse sieben Genügend und ein Nicht Genügend in Griechisch – wobei sein Betragen in diesem Schuljahr als Sehr gut benotet wurde (und auch davor im Gegensatz zu jenem seines Bruders nie schlechter als Gut war). Allerdings sind in diesem Schuljahr ganze 242 entschuldigte Fehlstunden vermerkt, was der Gesamtstundenzahl von fast acht Schulwochen entspricht und möglicherweise auf gesundheitliche Einschränkungen hindeuten könnte.10

Jedenfalls machte das Nicht Genügend in Griechisch eine Wiederholungsprüfung im Herbst erforderlich. Rudolf bestand diese Prüfung zwar, verließ das Schottengymnasium aber trotzdem nach der 5. Klasse. Wo er die 6. und 7. Klasse absolvierte, konnte für diesen Beitrag nicht recherchiert werden. Erst im Schuljahr 1936/37 kehrte er nach Ablegung einer Aufnahmeprüfung für die 8. Klasse als Privatist zurück, um hier zu maturieren. Es ist dies ein Jahr später als zu vermuten wäre, offenbar hatte er also zuvor eine Klasse wiederholen müssen.

Besser wurden seine schulischen Leistungen jedoch nicht: In der 8. Klasse 1925/26 schloß er alle Fächer mit Ausnahme von Religion mit Genügend ab, Latein mit Nicht Genügend. Auf die schriftlichen Reifeprüfungen, die er von 10. bis 14. Mai 1937 ablegte, erhielt er aus Mathematik ein Gut, aus Deutsch und Griechisch jeweils ein Genügend, aus Latein ein Nicht genügend. Die mündlichen Prüfungen folgten am 31. Mai, als Fächer hatte Rudolf Latein, Mathematik und Philosophie gewählt. Aus letzterer hatte er über die logischen Kategorien sowie Affekt und Leidenschaft zu sprechen. In Latein war er auch bei diesem Anlauf nicht erfolgreich; er musste die Prüfung am 22. September 1937 wiederholen.11

Hauptprotokoll über den Jahresabschluss der 8. Klasse und die Reifeprüfungen, Schuljahr 1936/37 (22. September 1937).

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 gelang Rudolf nach einer kurzen Inhaftierung die Flucht und Emigration in die USA. Wie sein Bruder Ignaz leistete er im Zweiten Weltkrieg Militärdienst in Europa. Nach dem Krieg studierte er in New York und arbeitete bis zu seinem frühen Tod für einen Chemiekonzern.

Jüdische Schüler am Schottengymnasium

Obwohl das Schottengymnasium eine katholische Ordensschule ist, wurde es bereits ab 1817 auch von jüdischen Schülern besucht, wenn auch in der Regel in geringer Zahl. Im dritten Drittel des 19. Jahrhunderts kam es zu einem leichten Anstieg, Juden machten fortan meist zwischen 5 und 10 Prozent der Gesamtschülerzahl aus. Die Zahl der jüdischen überragte dabei stets jene der evangelischen Schüler, häufig gleich um ein Mehrfaches. Besonders starke Jahre stellten die 1870er dar, den absoluten Höchststand gab es im Schuljahr 1877/78, als 73 von 472 Schülern Juden waren (15,5 %).12 Als Elisabeth von Ephrussi 1918 maturierte, waren immerhin noch 25 von 396 Schülern des Schottengymnasiums jüdischen Glaubens (6,3 %). In der Zwischenkriegszeit erfolgte jedoch eine zunehmende Verengung zu einer rein katholischen Schule. Im Schuljahr 1925/26, in dem Ignaz Ephrussi maturierte, waren es nur mehr 10 von 392 Schülern (2,6 %). 1936/37 war Rudolf Ephrussi nicht nur der einzige jüdische Schüler dieses Schuljahrs, sondern auch der letzte des Schottengymnasiums vor der Schließung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938.13

In seiner Klasse war Ignaz Ephrussi einer von drei jüdischen Schülern, darüber hinaus waren aber, was sich nicht in der offiziellen Statistik niederschlägt, noch weitere Schüler jüdischer Herkunft. Drei dieser Mitschüler emigrierten 1938 in die USA: der Chemiker Hans (John) Pollak; der Mediziner Christopher Tietze, Sohn des Kunsthistorikerpaares Hans Tietze und Erica Tietze-Conrat, der später Bekanntheit als Experte für Schwangerschafts- und Geburtsmedizin erlangen sollte; sowie der Unternehmer Kurt Lichtenstern, der seinen Namen zu Conrad H. Lester änderte, nach dem Krieg in Etappen nach Österreich zurückkehrte und hier mit der familieneigenen Porzellanfabrik unter anderem das bekannte Lilienporzellan erzeugte. Der Diplomat Max Löwenthal-Chlumecky, der jüdische Wurzeln hatte, blieb in Österreich und wurde von den Nationalsozialisten lediglich in den Ruhestand versetzt. Der Pilot Otto Mendl, Sohn bzw. Neffe der Gründer der Ankerbrotfabrik, überlebte den Holocaust hingegen nicht. Er wurde deportiert und starb unter nicht näher geklärten Umständen im Jahr 1942.

In der Klasse waren aber auch aktive illegale Nationalsozialisten, etwa der Schauspieler Erik Frey, der seine Theaterkarriere auch nach dem Krieg ohne große Einschränkungen fortsetzen konnte, sowie die Publizisten Roman Hädelmayr-Kühn und Adalbert Spann, letzterer Sohn des Nationalökonomen und Theoretikers des Ständestaates Othmar Spann, die sich später beide jedoch vom Nationalsozialismus abwandten und einer Widerstandsgruppe angehörten.14

Bemerkenswert erscheint, dass auch jene ehemaligen Schüler, die nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin in der Emigration lebten, trotzdem ihre Verbundenheit zu ihrer einstigen Schule durch den Beitritt zu den Alt-Schotten, der 1947 gegründeten Absolventenvereinigung des Schottengymnasium, zum Ausdruck brachten.15 Nicht so jedoch die Ephrussis. Möglicherweise waren die nach dem Krieg im Kontakt mit dem offiziellen und inoffiziellen Österreich erlittenen Enttäuschungen zu groß gewesen. Ignaz Ephrussi wurde 1965 zwar erneut österreichischer Staatsbürger, über eine Begegnung mit einstigen Lehrern oder Kommilitonen ist jedoch nichts überliefert. Mit der Matura Rudolf Ephrussis im Jahr 1937 endete die Beziehung der Familie zum Schottengymnasium und damit auch zum Schottenstift.

  1. Edmund de Waal, The Hare with Amber Eyes. A Hidden Inheritance (London 2010, sowie zugleich New York 2010); deutsch: Der Hase mit den Bernsteinaugen. Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi (Wien 2011).
  2. 6. November 2019 bis 13. April 2020 (ab 12. März 2020 aufgrund der Covid-19-Pandemie geschlossen). Katalog: Gabriele Kohlbauer-Fritz–Tom Juncker (Hg.), Die Ephrussis. Eine Zeitreise (Wien 2019). Die nicht-schulischen Daten zu den Ephrussis in diesem Beitrag sind einerseits de Waals Buch, andererseits den einzelnen Aufsätzen des Ausstellungskatalogs entnommen. Zur Geschichte des Schottengymnasiums: Albert Hübl, Geschichte des Unterrichtes im Stifte Schotten in Wien (Wien 1907); Johannes Jung–Gerhard Schlass–Friedrich Wally–Edgar Weiland, Das Schotten­gymnasium in Wien. Tradition und Verpflichtung (Wien–Köln–Weimar 1997).
  3. Zeitgleich mit ihr maturierten als erste Mädchen auch Irmingard Friedwagner, Tochter des Romanisten Matthias Friedwagner, und Marianne Paschkis, Tochter des Direktors der Bukowinaer Bodencreditanstalt Moritz Paschkis.
  4. Gymnasialarchiv Schottengymnasium (=GymA), Hauptkataloge, Schuljahre 1913/14, 4. Kl.; 1914/15, 5. Kl.; 1915/16, 6. Kl.; 1916/17, 7. Kl.; 1917/18, 8. Kl.
  5. GymA, Hauptprotokoll über die Reifeprüfungen, Schuljahr 1917/18.
  6. Jahresbericht des Schottengymnasiums in Wien, Schuljahr 1918/19 (Wien 1919) 59. Die Liste der Maturanten eines Schuljahres findet sich zu dieser Zeit stets im Jahresbericht des Folgejahres.
  7. GymA, Hauptkataloge, Schuljahre 1917/18, 1. Kl.; 1918/19, 2. Kl.; 1919/20, 3. Kl.; 1920/21, 4. Kl.; 1921/22, 5. Kl.
  8. GymA, Klassenkataloge, Schuljahre 1920/21, 4. Kl.; 1921/22, 5. Kl.; Hauptkataloge und Klassenkataloge, Schuljahre 1922/23, 5. Kl.; 1923/24, 6. Kl.; 1924/25, 7. Kl.; Haupt- und Klassenkatalog, Schuljahr 1925/26, 8. Kl.
  9. GymA, Hauptprotokoll über den Jahresabschluss der 8. Klasse und die Reifeprüfungen, Schuljahr 1925/26.
  10. GymA, Haupt- und Klassenkataloge, Schuljahre 1928/29, 1. Kl.; 1929/30, 2. Kl.; 1930/31, 3. Kl.; 1931/32, 4. Kl.; 1932/33, 5. Kl.
  11. GymA, Hauptprotokoll über den Jahresabschluss der 8. Klasse und die Reifeprüfungen, Schuljahr 1936/37.
  12. Die hier angegebenen Zahlen fassen stets die öffentlichen Schüler und die Privatisten zusammen. Vgl. hierzu die Tabelle bei Hübl, Geschichte des Unterrichtes 271, sowie die Tabellen in den Jahresberichten des Schottengymnasiums.
  13. Der letzte jüdische öffentliche Schüler, Peter Fleischmann, hatte ein Jahr zuvor 1936 maturiert.
  14. Reinhard Müller, Othmar Spann und der »Spannkreis« (2015), http://agso.uni-graz.at/spannkreis [Zugriff: 16.04.2020].
  15. Mitgliederverzeichnisse der Alt-Schotten aus den Jahren 1949, 1951, 1958, 1965, 1971, 1976 und 1982.

Webinar Bestandserhaltung

Gymnasialbibliotheken und -archive -

„Umgang mit Schimmelbefall”. Teil 1: Grundlagen und Identifizierung. Von Jana Moczarski
Gefunden bei Archivalia und dort von Klaus Graf kommentiert: „Super-Aktion von Jana Moczarski.”

Webinar Bestandserhaltung „Umgang mit Schimmelbefall Teil 1 Grundlagen und Identifizierung“ from Jana Moczarski on Vimeo.

Jana Moczarski lernte ich vor vielen Jahren, als sie Restauratorin am ZfB in Leipzig war, als kompetente Vermittlerin eines Problems kennen, dem alle Bibliothekare und Archivare, die mit alten Beständen zu tun haben, irgendwann einmal begegnen: Schimmelbefall. Heute leitet sie die Abteilung Bestandserhaltung der ULB Darmstadt.

Das Webinar besteht aus vier Vorlesungen, zwei sind bereits verfügbar. Eine schöne Form, Wissen zu teilen, und Schulbibliothekaren, die mit Altbestand zu tun haben, sehr zu empfehlen!

Bestandsbeschreibung der Matrikenbücher

Archiv des Schottenstifts -

Auf den Bestand der Matrikenbücher der Schottenpfarre, der aus klimatischen Gründen sowie zur sicheren Verwahrung als Depositum im Stiftsarchiv aufgestellt ist, wurde an dieser Stelle bereits mehrmals eingegangen. Neben den Matriken der Schottenpfarre selbst enthält dieser Bestand auch Bücher anderer Institutionen, die sich im einstigen Pfarrgebiet befanden, aber als Hauspfarren über eine eigene Matrikenführung verfügten: des Großarmenhauses, des Krankenhauses Bäckenhäusel mit der Kapelle St. Rosalia, des Spitals (Gebärhauses) in der Rossau sowie von Maria am Gestade mit dem Passauer Hof.

Nun wurde vom Stiftsarchiv eine neue Beschreibung des Bestands Matriken des Pfarrarchivs Unsere Liebe Frau zu den Schotten (Depositum) verfasst, die nicht nur ausführlicher auf die Verwaltungs- und Bestandsgeschichte sowie die Ordnung der einzelnen Teilbestände eingeht, sondern auch sämtliche vorhandenen Bände auflistet – also auch solche, die nicht über Matricula einsehbar sind. Die Beschreibung, in der die digitalisierten Bände auch direkt mit ihren Digitalisaten auf Matricula verlinkt sind, kann von der Webseite des Archivs heruntergeladen werden.

ICARUS-Convention in Sittard/NL – verschoben auf 2021

International Centre for Archival Research (ICARUS) -

Sehr geehrte KollegInnen, aufgrund der derzeitigen gesundheitlichen Krise sehen wir uns gezwungen, die für 8.-10. Juni 2020 geplante ICARUS-Convention in Sittard/NL auf das Frühjahr 2021 zu verschieben. Die nächste planmäßige ICARUS-Convention findet von 19.-21. Oktober 2021 in Ludwigsburg/DE statt – wir hoffen, dass bis dahin der Höhepunkt der Krise überwunden und das Leben zu einer […]

Oldalak

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