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Augustinus‘ “De civitate Dei” – Christliche Heilsgeschichte in einer provinziellen Kloster- und Schulbibliothek in Bielefeld

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Benjamin Magofsky / Dennis Burrichter

Die alte Schulbibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld besitzt sieben Handschriften, über 50 Inkunabeln und über 300 Postinkunabeln. Aus diesem Bestand wird im folgenden Artikel eine kommentierte lateinische Postinkunabel des Werkes Vom Gottesstaat (De civitate Dei) des Kirchenvaters Augustinus (354–430) untersucht.1 Die Ausgabe, die erstmalig 1489 durch den bedeutenden Baseler Buchdrucker und Verleger Johannes Amerbach (um 1440–1513) herausgegeben wurde, liegt in der Bibliothek in einer Fassung aus dem Jahre 1505 vor.

Nun soll nicht behauptet werden, die Werkausgabe selbst oder ihr Holzschnitt auf der zweiten Seite (s. Beitragsbild sowie Abb. 5) seien einzigartig oder künstlerisch außergewöhnlich; schließlich wurde das Werk vielfach gedruckt und neu aufgelegt, sodass weltweit noch immer zahlreiche Ausgaben existieren.2 Darüber hinaus wurden Inhalte des Gottesstaates3 oder auch Augustinus selbst4 häufig künstlerisch dargestellt. Der folgende Artikel legt daher den Schwerpunkt darauf, den Weg dieses für die abendländische Geschichte zentralen Werkes des Kirchenvaters Augustinus (Kap. 1) in die Bibliothek des heutigen Ratsgymnasiums Bielefeld nachzuzeichnen (Kap. 2) und die vorliegende Postinkunabel vorzustellen (Kap. 3).

I Augustinus und sein Hauptwerk De civitate Dei

Zu Augustinus selbst braucht an dieser Stelle nicht viel gesagt zu werden. Von 395 bis zu seinem Tod im Jahre 430 war er Bischof von Hippo Regius, einer damaligen Küstenstadt im Weströmischen Reich. Als einer der Kirchenväter avancierte er zum vielleicht wichtigsten Philosophen der Zeitenwende zwischen Spätantike und Frühmittelalter, der noch heute, 1600 Jahre später, manchem als „Lehrer des Abendlandes“ und „eine der Säulen der christlichen Philosophie“5 gilt.

Dazu trug maßgeblich auch sein 22 Bücher umfassendes, zwischen 413 und 427 entstandenes Werk Vom Gottesstaat (De civitate Dei) bei. Unter dem die Zeitgenossen schockierenden Eindruck der Eroberung und Plünderung Roms durch die von Alarich angeführten Westgoten im Jahre 410 entwirft Augustinus hiermit eine christliche Heilsgeschichte, die „in buchstäblichem Sinn den Geist der neuen Epoche“6 prägt und von einer Gegenüberstellung von weltlichem Staat (civitas terrena) und Gottesstaat (civitas dei) ausgeht. Diese beiden civitates stünden sich laut Augustinus zu allen Zeiten schroff gegenüber.7

Während der weltliche Staat mit dem sündigen Babylon und dem biblischen Brudermörder Kain durch Selbstliebe, Ruhm- und Herrschsucht sowie durch das Streben nach irdischen Gütern und weltlicher Macht gekennzeichnet sei, zeichneten den mit dem himmlischen Jerusalem und dem biblischen Abel verbundenen Gottesstaat sowohl Gottesliebe und Frömmigkeit als auch göttlicher Ruhm aus. So erhalte der Augustinische Gottesstaat seine Stärke durch Gott selbst, aber auch durch die gegenseitige Liebe der Menschen, d.h. also durch die Fürsorge der Mächtigen und den ihnen gebührenden Gehorsam der Untergebenen.8

De civitate Dei gilt heute zwar als „eines der Grundbücher der Christenheit“9 bzw. „das überhaupt wichtigste Werk christlich-politischen Staats- und Gerechtigkeitsdenkens“10 , doch inwiefern sind nun Werkausgaben des Augustinus nach Bielefeld und in den Schulbetrieb des dortigen Gymnasiums gelangt?

II Wie kommt eine Augustinus-Ausgabe aus dem Jahre 1505 in die Bielefelder Schulbibliothek?

Das heutige Bielefelder Ratsgymnasium steht in der Tradition einer 1293 gegründeten katholischen Lateinschule. Als offizielles Gründungsdatum gilt das Jahr 1558. Inzwischen hatte die Reformation in Bielefeld Einzug erhalten und beide „Konfessionen pflegten seither – außer in Schulangelegenheiten – ein konfliktarmes Nebeneinander“11. Entsprechend wurde die vormalige katholische Lateinschule mit der Einstellung eines neuen Rektors 1558 auch dem Rat der überwiegend protestantischen Stadt unterstellt.12 Eine Bibliothek jedoch erhielt das Gymnasium erst zwei Jahrhunderte später im Zuge der Aufklärung unter dem neuen Rektor Gotthilf August Hoffmann (1750–1758). Hoffmann hatte zuvor in Halle die bedeutende Bibliothek der Franckeschen Stiftungen kennengelernt und war demgegenüber entsetzt ob der aus seiner Sicht mangelnden Gelehrsamkeit sowie des Fehlens einer Bibliothek an seiner neuen Wirkungsstätte in Bielefeld. „Eine Schulbibliothek ist so wohl in Ansehen der Lehrenden, als Lernenden von der grösten Nothwendigkeit“13, forderte er 1753, dem Gründungsjahr der zunächst noch bescheidenen Bibliothek.

Nun wird es für den durch die Aufklärung geprägten Hoffmann sicher nicht das primäre Anliegen gewesen sein, seine neue Bibliothek mit Bibeln, kirchengeschichtlichen und theologischen Werken, wie dem des Kirchenvaters Augustinus, auszustatten, brauchte es für das altsprachliche Gymnasium doch vorrangig Werke der antiken griechischen und lateinischen Klassiker, die Hoffmann über Spenden, eine Lotterie und Zinsen zu besorgen suchte. Und tatsächlich stammt die vorliegende Werkausgabe von Augustinus‘ Gottesstaat auch gar nicht aus der Zeit der Aufklärung, sondern ist als Resultat der Kirchen- und Stadtgeschichte Bielefeld bedeutend älter.

Zwischen 1507 und 1511 zogen lokale Franziskanerobservanten aus dem Bielefelder Umland in die Altstadt, wo sie in den folgenden Jahrzehnten als einzige katholische Kirchengemeinschaft Bielefelds die Reformation überstanden und ihren katholischen Glauben bewahren konnten. Bereits 1502 hatten die Franziskaner begonnen, eine Bibliothek aufzubauen, deren Schwerpunkt sie verständlicherweise auf religiöse Literatur gelegt hatten. Ihre Bücher wurden in der Regel mit dem Besitzvermerk „Conventus Bilvendensis“ versehen und sind daher in der heutigen Bibliothek zumeist leicht zu identifizieren. Hierunter ragen sicher die sieben Handschriften heraus, die sich noch immer im Bestand der Bibliothek befinden. Die älteste dieser Handschriften ist das vermutlich aus dem 13. Jahrhundert stammende, auf Pergament verfasste Brevier eines gewissen Volckmar Schoppe aus dem Kloster Reifenstein im heutigen Thüringen.14

Abb. 1: Jacobus de Voragine, Legenda aurea sanctorum seu historia Lombardica, 1480, S. 139 (linke Seite)

Die bekannteste Handschrift der Bibliothek dürfte indessen die in den 1480er-Jahren entstandene und bedeutend erweiterte Abschrift der Legenda aurea des Jacobus de Voragine (1228/1229–1298) sein. Diese Sammlung von Heiligengeschichten, die in der im Bielefelder Ratsgymnasium vorliegenden Ausgabe auch den regionalgeschichtlich bedeutsamen Translationsbericht des Heiligen Liborius von Le Mans nach Paderborn enthält, umfasst selbstverständlich auch die Vita des Heiligen Augustinus. Hieraus sei exemplarisch der Anfang herausgegriffen, der in der vorliegenden Handschrift ebenso wie die ‚Überschrift‘ aufgrund der rubrizierten Lettern hervorsticht und der das Ansehen des Augustinus verdeutlicht (s. Abb. 1).

Gleich zu Beginn der Vita des Bischofs von Hippo Regius wird die Wahl des Namens ‚Augustinus‘ auf die Vorzüglichkeit seines Ansehens (propter excellentiam dignitatis), auf die Leidenschaftlichkeit seiner Liebe zu Gott (propter fervorem dilectionis) sowie auf die Etymologie im Allgemeinen (propter etymologicam nominis) zurückgeführt. Denn so wie Augustus alle anderen Kaiser an Erhabenheit und Ansehen übertroffen habe, so übertreffe Augustinus alle anderen Kirchenlehrer: Propter excellentiam dignitatis, quia sicut Augustus praecellebat omnes reges, sic et ipse [d.h. Augustinus] praecellit omnes doctores.

Neben diesen Handschriften durften in der klösterlichen Bibliothek natürlich auch gedruckte Werke bedeutender Theologen nicht fehlen. Hierzu zählen u.a. acht Inkunabeln von Werken des Thomas von Aquin sowie mehrere Werkausgaben der Kirchenväter, u.a. Ambrosius, Hieronymus und eben Augustinus.15

Abb. 2: Aurelius Augustinus, De civitate Dei, Basel 1505, S. 1
(Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek).
Ergänzend zum klassischen Besitzvermerk des Klosters, „Conuentus Bilveldensis“ (hier in der Schreibweise „Conuentus Biluentiensis“) wurden der Stempel der Schulbibliothek „Gymnasialbibliothek zu Bielefeld“ sowie die Signatur „B 159“ vermerkt.

Nun war das Bielefelder Franziskanerkloster zunächst noch von der im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses 1803 und der Gründung des Rheinbundes 1806 vollzogenen ersten Welle der Säkularisation verschont worden. Mit der Integration der Stadt in die preußische Provinz Westfalen im Jahre 1815 verfolgte der Bielefelder Stadtdirektor Ernst Friedrich Delius jedoch konsequent das Ziel, das ortsansässige Franziskanerkloster aufzuheben. Als ihm dies schließlich 1829 mit preußischer Unterstützung gelungen war, kam ein Großteil der in über drei Jahrhunderten zusammengetragenen Klosterbibliothek mit etwa 2.300 Büchern in die damals nur etwas über 400 Bücher umfassende Bibliothek des Bielefelder Gymnasiums. Dieses richtete sich ab 1831 im ehemaligen Brauhaus der Franziskaner am heutigen Bielefelder Klosterplatz ein und stellte die Bücher ins Lehrerzimmer, das zugleich als Bibliothek diente.16 Eines der Bücher war auch Augustinus‘ De civitate Dei, das in der Auflage von 1505, also etwa dem Jahr des Aufbaus der klösterlichen Bibliothek, von Johannes Amerbach in Basel gedruckt worden war (s. Abb. 2).

III Amerbachs Werkausgabe von De civitate Dei

Johannes Amerbach wurde um 1440/45 im unterfränkischen Amorbach, vermutlich als Sohn des dortigen Bürgermeisters, geboren. Nachdem er in seinem Studium in Paris Kontakt zu deutschen Buchdruckern erfahren hatte, nahm er selbst diese Tätigkeit im Jahre 1475 in Basel auf, wo er auch 1483 die Tochter eines dortigen Ratsherren heiratete17. und wie viele andere Buchdrucker der – übrigens noch immer existierenden – Safranzunft beitrat, eine der vier Baseler Herrenzünfte.18 Bereits in den 1460er-Jahren waren in der verkehrsgünstig gelegenen, wirtschaftlich prosperierenden Kaufmannsstadt erste Druckereien entstanden. Diese konnten sich zur Ausschmückung ihrer Werke auch der Expertise dort ansässiger Karten- und Briefmaler, Kalendermacher und Formenscheider bedienen, weshalb ihr Gewerbe wohl auch nicht als Handwerk, sondern als freie Kunst angesehen wurde. Ihr „glänzendes Vorbild“19 wurde eben jener Johannes Amerbach, der seit 1484 auch Bürger dieser Stadt war. Spezialisiert auf großformatige Folianten der Kirchenväter und der Bibel sowie zeitgenössischer Humanisten hat er mehrere Antiquaschrifttypen verwendet und damit maßgeblich zur Verbreitung ebendieser Schrift anstelle der bis dahin üblichen gebrochenen, gotischen Schrifttypen im deutschsprachigen Raum beigetragen.20 Die 1489 erstmals erschienene Ausgabe von De civitate Dei, welche der Bielefelder Bibliothek in einer Werkausgabe aus dem Jahre 1505 vorliegt, entstand in der fünf Jahre zuvor gegründeten Druckergemeinschaft mit Amerbachs fränkischen Landsleuten Johannes Froben und Johannes Petri.21

Bereits zehn Jahre zuvor war – ebenfalls in Basel – eine 248-seitige Werkausgabe von De civitate Dei gedruckt worden.22 Diese enthielt ebenfalls den gemeinsamen Kommentar der Oxforder Dominikaner Thomas Waleys (1287–1349) und Nicholas Trivet (um 1258–1328). Doch kamen Amerbach in dieser Konkurrenzsituation für seine 1489 in Folio erschienene Ausgabe gleich mehrere originelle Ideen. So ergänzte er den Kommentar von Waleys und Trivet durch den Kommentar des Florentiner Dominikanermönchs Jacopo Passavanti (um 1302–1357) sowie durch die „theologischen Wahrheiten“ des Franziskanermönchs Franciscus de Mayronis (um 1280–1328). Zudem gestaltete Amerbach – die Expertise der Stadt Basel nutzend und dem Begriff ‚Buchdruckkunst‘ alle Ehre machend – den Druck in zwei oder mehr Spalten visuell sehr ansprechend, indem jede der 268 Seiten ein unterschiedliches Layout erhielt (s. Abb. 3).

Abb. 3: Doppelseite aus Aurelius Augustinus, De civitate Dei, Basel 1505, o.S.
(civ. 4, 6–8 [Auszug]; Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek).

Auf der vorliegenden Doppelseite befindet sich der Text von De civitate Dei beispielsweise jeweils in den beiden inneren Spalten, während der lateinische Kommentar gewissermaßen eine Art ‚Rahmen‘ um diesen herum bildet. Ergänzend lassen sich die „theologischen Wahrheiten“ des Franziskanermönchs Franciscus de Mayronis, hier die quarta sowie die quinta veritas, graphisch in den Augustinus-Text integriert erkennen.

Doch auch ein Blick auf den Anfang der Ausgabe verdeutlicht die Buchdruckkunst Amerbachs. So stellte er der Werkausgabe, frei nach dem Motto One Picture is Worth a Thousand Words23 , zudem einen 16,9 x 21,6 cm großen Holzschnitt voran. Solche Holzschnitte, wie in diesem Fall der des Meisters des Haintz Narr (s. Abb. 4), gewannen seit dem Ende des 15. Jahrhunderts auch künstlerisch immer mehr an Bedeutung.24

Abb. 4: Holzschnitt aus Aurelius Augustinus, De civitate Dei, Basel 1505, S. 2
(Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek).

Zu guter Letzt lässt sich in der vorliegenden Ausgabe noch eine weitere Besonderheit festhalten: Um einen leichten Überblick über die auf 268 Seiten verteilten 22 Bücher des Gesamtwerkes zu erhalten, befindet sich in der Werkausgabe heute an den jeweiligen Kapitelanfängen eine Art spätmittelalterlicher Post-Its, die an die Nachschlaghilfen etwa von modernen Wörterbüchern erinnern (s. Abb. 5).

Abb. 5: Seitenansicht von Aurelius Augustinus, De civitate Dei, Basel 1505
(Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek).

IV Fazit

Der vorliegende Artikel hat am Beispiel einer Postinkunabel von Augustinus‘ Werk De civitate Dei gezeigt, wie sich auf verschlungenen Wegen in einer historischen Schulbibliothek theologische Werke der Weltliteratur mit der lokalen Kloster- und Stadtgeschichte verbunden haben. Die Integration von Amerbachs 1505 gedruckter Werkausgabe erklärt sich dabei nicht nur aus der weltgeschichtlichen Bedeutung des Kirchenvaters sowie eines seiner beiden Hauptwerke, sondern auch aus dem Sammlungsschwerpunkt der seit 1502 aufgebauten Bibliothek des Franziskanerklosters. Diese umfasste größtenteils theologische, religionsgeschichtliche und scholastische Werke. Mit der Aufhebung des Klosters 1829 und der Integration des Großteils des Bücherbestandes in die seit 1753 bestehende Bibliothek des Bielefelder Gymnasiums gelangte neben den sieben Handschriften und über 50 Inkunabeln auch die Werkausgabe von De civitate Dei in die Schulbibliothek.

Heute stellen diese Schriften die mit Abstand bedeutendsten und kostbarsten Werke der Schulbibliothek des heutigen Ratsgymnasiums Bielefeld dar. Ausgaben griechischer oder lateinischer Klassiker, wie sie weit besser zum humanistischen Profil der Schule gepasst hätten25, entstammen viel öfter erst dem 17. und 18. Jahrhundert und stehen in Druckqualität und künstlerischem Anspruch deutlich hintan. Sie waren in der Regel nicht im Bestand des vormaligen Klosters, sondern kamen als Schenkungen und Zukäufe erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts in die Schule und deren historische Bibliothek.

 

Beitragsbild

Diui Augustini librorum pars septima. Libri de ciuitate dei XXII. In eosdem comme[n]taria Thome Valois et Nicolai Triueth: cum additionibus Iacobi Passaua[n]tii, et theologice veritates Francisci Maronis, Basel 1505, S. 2 (Ausschnitt).

Anmerkungen

Diesen Artikel zitieren: Benjamin Magofsky / Dennis Burrichter (2020): Augustinus´ De civitate Dei – Christliche Heilsgeschichte in einer provinziellen Kloster- und Schulbibliothek in Bielefeld, in bibliotheca.gym, 08/02/2020, https://histgymbib.hypotheses.org/6687‎

  1. Diui Augustini librorum pars septima. Libri de ciuitate dei XXII. In eosdem comme[n]taria Thome Valois et Nicolai Triueth: cum additionibus Iacobi Passaua[n]tii, et theologice veritates Francisci Maronis, Basel 1505 (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek).
  2. Vgl. den Inkunabel-Katalog der British Library unter https://data.cerl.org/istc/ia01243000?style=expanded (zuletzt abgerufen am 23.10.2019).
  3. Vgl. z.B. die Illustration Die Höllenstrafen in einer französischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts (Jacoby, E. [2010]: 50 Klassiker Philosophen, 8. Aufl., Hildesheim, S. 74).
  4. Vgl. z.B. die älteste Darstellung des Augustinus überhaupt im Lateran (Santuario della Scala Santa im Lateran, Rom) sowie zeitgenössisch zum Amerbach-Druck Sandro Botticellis Der Heilige Augustinus in seinem Studierzimmer (Fresko, San Salvatore di Ognissanti, Florenz 1480; später Tempera auf Holz, Galleria degli Uffizi, Florenz 1494) und Vittore Carpaccios Der Heilige Augustinus in seinem Studierzimmer (Tempera auf Holz, Scuola di San Giorgio degli Schiavoni, Venedig 1502).
  5. [1] Hirschberger, J. (1980): Geschichte der Philosophie, Band I: Altertum und Mittelalter, Freiburg, S. 345.
  6. Höffe, O. (2001): Kleine Geschichte der Philosophie, München, S. 88.
  7. Vgl. Balthasar, H. U. v. (Hrsg.) (2012): Augustinus – Der Gottesstaat (Christliche Meister, Bd. 16), 5. Aufl., Freiburg, S. 21.
  8. Vgl. Aug. civ. 14,28; 15,1.
  9. Balthasar (1960): S. 40.
  10. Höffe (2001): S. 91.
  11. Rath, J. (2019): Bielefeld. Eine Stadtgeschichte, Regensburg, S. 44.
  12. Vgl. Vogelsang, R. (2008): Bürgerschule und Gelehrtenanstalt – 450 Jahre Gymnasium in Bielefeld, in: Altenberend, J. /Schröder, W. (Hrsg.) (2008): Deo et Literis. Schule mit Geschichte – Schule mit der Zeit. Festschrift zum 450-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasiums Bielefeld. Bielefeld, S. 11-48, hier S. 11 f.
  13. Gotthilf August Hoffmann (1953): Gotthilf August Hoffmanns Einladung zur abermaligen Feier des Königlichen Geburtstages auf den 24sten Jenner 1753, Bielefeld, S. 7. – Die Schreibweise folgt dem Original, vgl. hierzu sowie allgemein zur Geschichte der Bibliothek Magofsky, B./Gerwin, C. (2018): Ein Anliegen „von der grösten Nothwendigkeit“ – Die Schulbibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld im Spiegel ihrer Schul- und Bestandsgeschichte, in: bibliotheca.gym, 18/12/2018. Online unter: https://histgymbib.hypotheses.org/6605.
  14. Vgl. zu den sieben Handschriften Raab, K. (1958): Mittelalterliche Handschriften in der Bielefelder Gymnasialbibliothek, in: [o. Hrsg.:] Festschrift zum 400-jährigen Jubiläum des Staatlich-Städtischen Gymnasiums zu Bielefeld, vom 24.–27. Juli 1958, Bielefeld, S. 237–250 (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek).
  15. Vgl. zu den Inkunabeln Bertram, Th. (1906): Beschreibung der Inkunabeln, die sich in den Bibliotheken des Gymnasiums und der Altstädter Kirche zu Bielefeld befinden, Leipzig (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek).
  16. Vgl. Altenberend, J./Köhne, R. (2008): Die Bibliothek des Ratsgymnasiums, in: Altenberend, J./Schröder, W. (Hrsg.) (2008): Schule mit Geschichte. Schule mit der Zeit. Festschrift zum 450-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasiums Bielefeld, Bielefeld, S. 93–106, hier S. 97–101. – Zur Geschichte der Bibliothek allgemein vgl. ebd. sowie in Kürze Magofsky/Gerwin (2018).
  17. Vgl. Scarpatetti, B. v. (2010): Johannes Amerbach, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). Online unter: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/015300/2010-10-07/ (zuletzt abgerufen am 08.02.2020).
  18. Während die Safranzunft selbst sowie Amerbachs Beitritt in der deutschen Biographie auf das Jahr 1481 datiert werden, gibt das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) das Jahr 1483 an (vgl. E.E. Zunft zur Safran Basel [o.J.]: Zünftige Berufe – Buchdrucker. Online unter: http://www.safranzunft.ch/historisches/thema.php?WRID=12&WTID=41 [zuletzt abgerufen am 08.02.2020]; Hartmann, A. [1953]: Amerbach, Johannes, in: Neue Deutsche Biographie 1, S. 247–248; Scarpatetti [2010]).
  19. E. E. Zunft zur Safran Basel (o.J.).
  20. Vgl. Mengelt, C. (2013): Basel Antiqua – Eine historische Druckschrift in neuer Gestalt / Basel Antiqua – The New Design of a Historical Typeface, Basel, S. 6; Schmidt, R. (1902): Deutsche Buchhändler – Deutsche Buchdrucker, Band 1, Berlin/Eberswalde, S. 7.
  21. Vgl. Mengelt (2013): S. 6.
  22. Augustinus, Aurelius: De civitate Dei (Comm: Thomas Waleys and Nicolaus Trivet), Basel, 1479.
  23. Vgl. zur Etymologie dieses geflügelten Wortes Frühbeis, X. (2017): 8. Dezember 1921 – „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“. Online unter: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/0812-ein-blick-sagt-mehr-als-1000-worte-102.html (zuletzt abgerufen am 08.02.2020).
  24. Auf den Meister des Haintz Narr gehen auch diverse Holzschnitte für Daß Narrenschyff des Sebastian Brant (1457/58–1521) zurück, das 1494 in Basel gedruckt wurde und in dem er einen der Holzschnitte mit Haintz Nar beschriftet hat (vgl. Reske, Christoph [2013]: Holzschnitt (15./16. Jahrhundert), in: Historisches Lexikon Bayerns. Online unter: http://historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Holzschnitt_(15./16._Jahrhundert)#Konsolidierung_der_Buchinllustration (zuletzt abgerufen am 17.09.2019). – Da dieser Holzschnitt bereits an anderer Stelle einer genaueren Untersuchung und fachdidaktischen Aufarbeitung unterzogen wurde, kann hier auf eine inhaltliche Auseinandersetzung verzichtet werden (vgl. Burrichter, D./Magofsky, B. [2020]: Ein spätmittelalterlicher Holzschnitt zur Begleitung und Vertiefung lateinischer Textlektüre. Das Beispiel der Darstellung von Gottes- und Menschenstaat in Augustinus’ Schrift De civitate Dei, in: Sauer, J. (Hrsg.): Augustinus – De civitate Dei. Fachwissenschaftliche und fachdidaktische Zugänge, Heidelberg, S. 117–151).
  25. Vgl. z.B. zu den Vergil-Ausgaben der Bibliothek Burrichter, D./Magofsky, B. (2019): Arma virumque cano – Vergils Aeneis als lateinischer Klassiker zwischen wissenschaftlicher Textkritik und Schullektüre in der historischen Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld, in: Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologen-Verbandes, Landesverband Nordrhein-Westfalen, 67. Jahrgang, Heft 2/2019, S. 4–27.

Weihnachten 2019

Archiv des Schottenstifts -

O magnum mysterium et admirabile sacramentum, ut animalia viderent Dominum natum, iacentem in presepio. – O großes Geheimnis und wunderbares Sakrament, dass Tiere den neugeborenen Herrn sahen, in einer Krippe liegend.

Mit diesem Fragment eines Chorbuchs aus der Zeit des irischen Konvents des Wiener Schottenklosters (2. Hälfte 12. Jahrhundert), dem vierten Responsorium aus der Vigil an Weihnachten, wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest, besinnliche Feiertage und alles Gute im neuen Jahr!

Fragm. liturg. 1
Fragment eines Chorbuchs, Gesänge für Weihnachten (12. Jh.).

Konstruierte Fremdheit der irischen Mönche

Archiv des Schottenstifts -

In der aktuellen Nummer der Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken (QFIAB) ist ein kurzer Aufsatz von Stiftsarchivar Maximilian Alexander Trofaier erschienen:

Maximilian Alexander Trofaier, Konstruierte Fremdheit. Die Beziehungen der irischen Mönche des Schottenklosters in Wien zu ihrem Umfeld, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 99 (2019) 18–26.

Es handelt sich dabei um die Verschriftlichung eines Vortrags, den der Autor im September 2018 am Deutschen Historikertag in Münster im Rahmen der Sektion „Sprach- und ethnische Konflikte in Klöstern nördlich und südlich der Alpen im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit“ gehalten hat. Als Teil des Themenschwerpunkts finden sich im Band außerdem Beiträge von Andreas Rehberg (Rom), Gabriela Signori (Konstanz) und Petr Hlaváček (Prag).

Überlegungen zur Anlage einer Bildsammlung

Archiv des Schottenstifts -

Bereits seit einiger Zeit wird im Archiv des Schottenstifts an der Anlage einer eigenen Bildsammlung gearbeitet. Sowohl von außen als auch hausintern war das Archiv immer wieder mit Anfragen zu Fotografien konfrontiert worden, die aber in den meisten Fällen nicht wirklich zufriedenstellend beantwortet werden konnten. Dies lag vor allem daran, dass sich Fotografien und andere Abbildungen, konservatorisch schlecht verwahrt, verstreut in unterschiedlichen Beständen des Archivs befanden, was eine gezielte Suche nach einzelnen Bildern kaum erlaubte. Die fachgerechte Verwahrung, Ordnung und Verzeichnung dieses nicht unbedeutenden Bestands stellte daher ein unbedingtes Desiderat dar.

Bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der Ordensarchive Österreichs im April 2019, die sich dem Thema „Bilder archivieren. Wie, womit und weshalb?“ widmete, gab Stiftsarchivar Maximilian Alexander Trofaier einen kurzen Erfahrungsbericht über die Vorgehensweise zur Anlage, nun ist in den Mitteilungen des Referats für die Kulturgüter der Orden (MiRKO) ein gemeinsam mit Archivmitarbeiterin Larissa Rasinger, auf deren Schultern die eigentliche Durchführung der Arbeiten lastet, verfasster Aufsatz erschienen, welcher auch anderen Archiven allgemein als Hilfestellung dienen soll:

Larissa Rasinger–Maximilian Alexander Trofaier, Zur Anlage einer Bildsammlung in einem Ordensarchiv. Theoretische und praktische Überlegungen aus dem Archiv des Schottenstifts Wien, in: MiRKO 4 (2019) 118–130.

Zunächst behandelt werden darin der Prozess der Entwicklung einer Bestandstektonik und eines Signaturensystems, dann die Vorgehensweise bei der Zuordnung und Verzeichnung einzelner Fotografien sowie darüber hinaus allgemeine und konkrete Fragen der Bewertung fotografischer Bestände. Auch ganz praktische Überlegungen zur Verpackung und Erhaltung von Bildmaterial spielen im Aufsatz eine Rolle.

MiRKO Heft 4 (2019) ist erschienen!

MiRKO -

Wir freuen uns, dass die neueste Ausgabe unseres Jahresjournals, die „Mitteilungen des Referats für Kulturgüter“ - kurz MiRKO genannt - pünktlich zur Herbsttagung fertiggeworden ist! Das Heft 4 (2019) umfasst 19 Beiträge aus allen Fachbereichen (Ordensarchive, Ordensbibliotheken, Kunst und Denkmalpflege sowie der Kirchenpädagogik). Es handelt sich zumeist um Vorträge, die bei unseren Veranstaltungen und Tagungen gehalten wurden, sowie um Beiträge von Mitarbeiter*innen in Ordensgemeinschaften zu ordenshistorischen bzw. fachspezifischen Themen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht die Redaktion!

MiRKO Heft 4 (2019) ist erschienen!

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Viel Spaß beim Lesen wünscht die Redaktion!

Einladung November 2019: Benefizführung beim Schottenadvent

Archiv des Schottenstifts -

Beim diesjährigen Schottenadvent, dem Adventmarkt der Schottenpfarre, findet am Freitag, 29. November 2019, 15.00 Uhr, wieder eine spezielle Benefizführung mit Stiftsarchivar Maximilian Alexander Trofaier zum Thema „Advent und Weihnachten in der Stiftsbibliothek – ein zweiter Blick“ statt. Für die Teilnahme wird eine Spende von € 10,- pro Person zugunst der SCHOTTEN+SOLIDARITÄT erbeten; zwei Drittel des Betrags kommen Projekten in der Dritten Welt zugute, ein Drittel der Pfarrcaritas der Schottenpfarre. Treffpunkt für die Führung ist beim Eingang zur Aula des Schottenstifts. Das vollständige Programm des Schottenadvents gibt es hier.

Call for Papers: 6th Croatian ICARUS days

International Centre for Archival Research (ICARUS) -

From 25th to 27th March 2020, ICARUS Hrvatska, ICARUS, the University of Rijeka (Faculty of Humanities and Social Sciences) and other partners will organize the 6th Croatian ICARUS days archives – borders, identities, reflections  intending to emphasize the current importance of archival institutions and records for societies. The conference will take place in Rijeka, Croatia, […]

Auf zur zweiten Runde: Netzwerktreffen in Ellwangen 9./10. November 2019

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Es lag kein Schnee auf dem Dach des Rathauses von Ellwangen (Jagst) am Ende Württembergs, noch nicht ganz Bayern. Aber es schüttete, als man am Freitag, den 8. November, am späten Nachmittag am Bahnhof den Zug verließ, das Hotel  Roter Ochsen fußläufig und ohne Schirm erreichend. Das Abendessen im Roten Ochsen war hervorragend, der Nachtisch pures Hüftgold, das Zimmer hatte WLAN.

Tagungsort: Rathaus der Stadt Ellwangen, ehemals Spital zum Heiligen Geist. (Foto: Atamari, Quelle und Lizenz)

Unsere Netzwerktagung fand dann am 9. November im Rathaus statt, bestens vorbereitet von Stadtarchivar Christoph Remmele, dem das Peutinger-Gymnasium und die Stadt Ellwangen vor recht genau zwei Jahren die Fürsorge für ihre historische Lehrerbibliothek überlassen haben. Wie schon in Rastatt 2018 ließen sich auch in diesem Jahr die Teilnehmer der Runde – diesjährig schon fast doppelt so viele –  unverzüglich auf das Lebhafteste ins Gespräch ein, gemäß Programm zu Fragen der Vermittlung von schriftlichem Kulturgut in Gymnasien.  Nach dem Mittagessen – wieder im Ochsen, diesmals bei einigen nur mit Salat – dann die Besichtigung der historischen Lehrerbibliothek des Peutinger-Gymnasiums, seit 1963 in einem Neubau, nachdem der alte barocke Bau am Markt direkt neben der Basilika St. Veit und der (evangelischen) Stadtkirche zu klein geworden war für die Erfordernisse eines modernen Gymnasiums.

Tagungsort: Historische Lehrerbibliothek des Peutinger-Gymnasiums Ellwangen (Foto: Felicitas Noeske, CC BY-SA 4.0)

Die Bibliothek zog mit der Schule um an den Hang unterhalb des Ellwanger Schlosses;  die ca. 4500 Bände des 16. bis 18. Jahrhunderts einer insgesamt ca. 15.000 Exemplare umfassenden Gymnasialbibliothek befinden sich dort in einem gut temperierten Souterrain. Seit 1994 erschlossen,1 blieben sie indes weitestgehend hinter Schloss und Riegel; erst in jüngster Zeit führte Stadtarchivar Remmele schon mal an “Offenen-Denkmal-Tagen” Besucher hinter die verschlossene Bibliothekstür.2

Historische Lehrerbibliothek des Peutinger-Gymnasiums Ellwangen (Foto: Felicitas Noeske, CC BY-SA 4.0)

Was wir mochten: Stella Herden, Leiterin des Peutinger-Gymnasiums seit 2018, nahm im weiteren Verlauf des Tagungsnachmittags an der Runde teil – sie hat die Absicht, die Bibliothek aus ihrem Dornröschenschlaf im Souterrain hinauf ins Schulleben zu holen, und wir konnten als Runde ihre vielen Fragen offenbar für sie hilfreich beantworten. War das womöglich das erste, sich vielleicht gar weiterentwickelnde kleine Pflänzlein einer Nützlichkeit unserer Runde nicht nur für uns, sondern auch für die Administration? Bonne chance, Frau Herden!

Anhang

#Programm (Pdf)
#Thesenblatt (Pdf)
#Protokoll (Pdf)
#Strategien zur Vermittlung von Kulturgut am Beispiel Rastatt (Pdf)
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Ehemaliges Jesuitenkolleg (heute Landgericht) am Markt von Ellwangen, seit 1658 bis 1963 Gebäude des Gymnasiums, das nach dem Stiftsdekan Ignatius Desiderus von Peutingen (1641-1718)3 benannt wurde. Rechts die Basilika St. Veit, dahinter die (ev.) Stadtkirche. Das Peutinger-Gymnasium befindet sich seit 1963 in einem Neubau unterhalb des Ellwanger Schlosses. (Foto: Felicitas Noeske, CC BY-SA 4.0)

Anmerkungen
  1. Beatriz Wagner-Hertel: Katalog der Historischen Lehrerbibliothek des Peutinger-Gymnasiums Ellwangen/Jagst. Mit einem Vorwort von Hans-Peter Geh und einer Einleitung von Horst Hilger. Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart 1994.
  2. Verborgene Schönheiten. Bei: Schwäbische Ellwangen, 11. September 2016.
  3. Siehe zum Stiftsdekan von Peutingen die Homepage der Schule mit einem Lebensabriss des Namensgebers und einem Porträtmedaillon.

Prohibitum alienari – die Bibliothek des Peutinger-Gymnasiums in Ellwangen (Jagst)

Gymnasialbibliotheken und -archive -

1658 gründeten die Jesuiten in  Ellwangen ein Gymnasium. Die wechselvolle Geschichte dieser Schule, heute das Peutinger-Gymnasium, spiegelt sich in den Bewegungen ihrer Bibliothek wider.

Als Kern der Buchsammlung werden die Bestände dieser Jesuitenschule angesehen, heute erkennbar an den schwarzen Streifen am unteren Ende der Buchrücken.

Bestände aus der alten Jesuitenschule, erkennbar an der schwarzen Markierung am unteren Teil des Buchrückens. Bibliothek des Peutinger-Gymnasiums, Ellwangen. Besitzervermerk des Ignatius Desiderius von Peutingen. Bibliothek des Peutinger-Gymnasiums, Ellwangen. Band aus dem Franziskanerkloster zu Ehingen, erkennbar an der roten Einfassung der Beschriftung auf dem Buchrücken. Bibliothek des Peutinger-Gymnasiums, Ellwangen

Im Jahr 1718 erhielt die Anstalt die ihr vermachte Privatbibliothek  des Ignatius Desiderius von Peutingen (1641-1718), Stiftsdekan und Namensgeber der Schule;1  Ignatius hatte gelegentlich seinen Besitzervermerk mit dem Verbot, das Buch aus der Hand zu geben,  versehen. Aus der Sammlung seines Augsburger Vorfahren Konrad Peutinger (1465-1547), der berühmten Bibliotheca Peutingiana, kamen in Augsburg nicht mehr benötigte Stücke nach Ellwangen, zusammen mit anderen Ellwanger Beständen vereinigt  in einer Art Zentralbibliothek, die wiederum 1806 nach Stuttgart verfügt wurde, ein Vorhaben, das nie ausgeführt wurde. Der Wunsch, eine Seminar- und Universiätsbiblitek zu haben, schaffte 1812 aus zahlreichen Bibliotheken der Umgebung Säkularisationsbestände nach Ellwangen, die allerdings wiederum 1818 nach Tübingen wanderten, nachdem die katholische Fakultät der dortigen Universität angegliedert und das Priesterseminar nach Rottenburg verlegt worden waren. Die Restbestände übernahm 1824 das Gymnasium, das 1939 gut zweieinhalbtausend Bände an die Württembergische Landesbibliothek abgab.

1990 bis 1992 wurde die Bibliothek des Peutinger-Gymnasiums mit Mitteln der DFG und mit Unterstützung der WLB in Stuttgart erfasst und katalogisiert.2

Historische Bibliothek des Peutinger-Gymnasiums, Ellwangen.

Der Gesamtbestand umfasst circa 15.000 Bände; der historische Teil, der katalogisiert wurde, besteht in etwa 4300 Bänden mit ungefähr 1500 Titeln, davon zwei Drittel aus dem 16. bis 18. Jahrhundert.3 Die Bücher sind heute im Schulgebäude trocken und gut temperiert aufgestellt, sie befinden sich in einem guten Zustand. Seit 2017 wird die Sammlung vom Stadtarchiv Ellwangen (Leitung: Christoph Remmele) verwaltet.

Literatur

Heribert Hummel: Habent sua fata libelli: Zur Geschichte der Ellwanger Gymnasialbibliothek. In: Festschrift zum 325-jährigen Jubiläum. Ellwangen 1983; S. 65-80.

Wolfgang Irtenkauf: Alte Bibliotheken in Ellwangen. In: Ellwanger Jahrbuch 20, 1962-64;  S. 54-77.

Beatriz Wagner-Hertel: Katalog der Historischen Lehrerbibliothek des Peutinger-Gymnasiums Ellwangen/Jagst. Mit einem Vorwort von Hans-Peter Geh und einer Einleitung von Horst Hilger. Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart 1994. (Digitalisat online)

Weblinks

Klaus Graf: Katalog der Historischen Lehrerbibliothek des Peutinger-Gymnasiums Ellwangen, Jagst. bei: Archivalia 15. Dezember 2017

Wilfried Sühl-Strohmenger: Bibliothek des Peutinger-Gymnasiums. (Stand: November 1992) Bei: Fabian Handbuch: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Österreich und Europa. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB).

Fotos

Felicitas Noeske, CC BY-SA 4.0  Beitragsbild: Aus der historischen Lehrerbibliothek des Peutinger-Gymnasiums in Ellwangen (Jagst).

Anmerkungen Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Prohibitum alienari – die Bibliothek des Peutinger-Gymnasiums in Ellwangen (Jagst)," in bibliotheca.gym, 20/11/2019, https://histgymbib.hypotheses.org/7925.
  1. Siehe Homepage der Schule mit Abb. eines Porträtmedaillons.
  2. Horst Hilger: Das Ellwanger Katalogisierungsprojekt. In: Beatriz Wagner-Hertel: Katalog der Historischen Lehrerbibliothek des Peutinger-Gymnasiums Ellwangen/Jagst. Mit einem Vorwort von Hans-Peter Geh und einer Einleitung von Horst Hilger. Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart 1994. S. II-IV.
  3. Eine genaue Bestandsbeschreibung findet sich im Fabian Handbuch.

Rettung vor Vergessenheit und Verfall: Wiederentdeckung und Restaurierung kostbarer Notenbestände aus einer historischen Gymnasialbibliothek am Beispiel von David Kölers „Psalmen Davids“ aus dem Jahr 1554

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Benjamin Magofsky / Carsten Gerwin

Nur wenige Bibliothekare dürften einen genauen Überblick über jedes einzelne Werk „ihres“ Bestandes und dessen jeweiligen Wert besitzen – wir hatten das jedenfalls nicht, als wir 2018 als vollberufliche Lehrkräfte mit der Leitung der über 25.000 Bände umfassenden Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld beauftragt wurden.

Natürlich war uns die Existenz ihrer sieben Handschriften sowie der wichtigsten der insgesamt 60 Inkunabeln bekannt, ebenso die wertvollsten Erstausgaben der Bibliothek.1 Dennoch waren wir erstaunt, bei Aufräumarbeiten in einem unbeschrifteten Pappumschlag auf ein Bündel vergilbter, sehr schlecht erhaltener Notenfragmente aus der Renaissance zu stoßen.

Abb. 1 Titelblatt des Tenor-Stimmbuches und „Register über die Psalmen“, darunter ein Notenblatt; unrestaurierter Zustand; Foto: Carsten Gerwin, 10.4.2018

Das zerrissene und abgeschnittene Titelblatt des ungebundenen Tenor-Stimmbuches (s. Abb. 1) sprach von den „Zehen Psalmen Davids des Propheten / mit vier / fünf / und sechs Stimmen gesatzt durch David Köler von Zwickaw […] Gedruckt zu Leipzig durch Wolffgangum Günther. Anno MDLIIII“. 2

Diese Noten bieten sich im Kontext der Erforschung historischer Gymnasialbibliotheken dazu an, exemplarisch den Weg ihres jahrhundertelangen Verfalls in weitgehender Vergessenheit (Kap. I) über deren Wiederentdeckung und besonderen historischen Wert (Kap. II) hin zur Restaurierung (Kap. III) darzustellen.3

I In Vergessenheit, im Verfall? Dem Notenfund auf der Spur

Das vorliegende Konvolut aus der Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld umfasst das unvollständige Notenmaterial der Einzelstimmen der „Psalmen Davids“, einen Teil der Vorrede (s. Abb. 2) des Komponisten David Köler an den Rat seiner Heimatstadt Zwickau, seinerzeit zum Kurfürstentum Sachsen gehörend, sowie ein Inhaltsverzeichnis der zehn umfänglichen Kompositionen. Zudem findet sich auf den Bögen des Erstdrucks von 1554 der älteste vollständig erhaltene Druck eines aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzten Briefes Martin Luthers an den Komponisten Ludwig Senfl (s. Abb. 4).4

Abb. 2 Vorrede Kölers zu den Psalmen (Fragment mit Bezug zum Passauer Vertrag 1552); darunter ein Notenblatt; unrestaurierter Zustand; Foto: Carsten Gerwin, 10.4.2018

Im internationalen Quellenlexikon der Musik (Répertoire International des Sources Musicales, kurz: RISM), einer online verfügbaren Recherchemöglichkeit für musikalische Archivalien, wird der Erstdruck der Psalmen von David Köler insgesamt nur fünfmal aufgeführt. Das weltweit einzig bekannte, vollständige Notenmaterial aller Stimmen befindet sich in der Ratsschulbibliothek in Zwickau – Kölers letztem Arbeitsplatz (s. Kap. II).5 Das in der Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums befindliche Bielefelder Exemplar ist damit als sehr selten und allein insofern als wertvoll einzustufen.

Dennoch bleiben wichtige Teile seiner Provenienzgeschichte im Dunkeln. Es lässt sich heute leider nicht mehr ausfindig machen, wie genau die Noten in die seit 1753 bestehende Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld gelangt sind. In dem im Jahr 1908 durch den damaligen Bibliothekar Theodor Bertram erstellten „Verzeichnis der in der Gymnasialbibliothek zu Bielefeld befindlichen Drucke aus dem XVI. Jahrhundert“ ist das Notenmaterial auch nicht leicht zu finden. Während darin keine Kategorie wie „Musik“ oder „Musikalien“ existiert, wird der Druck schließlich als Nummer 126 unter den theologischen Schriften aufgeführt und näher beschrieben: „Vorhanden ist außer dem Vorstück der größte Teil der Stimmen Tenor, Diskant, Alt; je 6 Lagen zu 6 Blt., quer 4O, mit Signaturen A-F, a-f, aa-ff.“6 Diese Beobachtungen decken sich mit den auf RISM katalogisierten Stimmenangaben (Sopran, Alt, Tenor) des Bielefelder Exemplars.

Demgegenüber behauptet der Köler-Biograph Georg Eismann 1956, es gebe neben dem Exemplar in Zwickau ein zweites vollständiges Druckexemplar von Kölers Psalmen in der Bielefelder Gymnasialbibliothek. Er führt dazu Theodor Bertrams Verzeichnis der Drucke aus dem 16. Jahrhundert von 1908 als Quelle an.7 Hatte Bertram vielleicht doch etwas übersehen? Gab es wirklich ein komplettes Bielefelder Exemplar aller Stimmen von Kölers Psalmen? Und falls ja: Wo befinden sich die restlichen Notenblätter? Oder sind sie in den letzten 111 Jahren verlorengegangen?

Jedenfalls findet sich in keinem bekannten Schriftstück der Schule und Bibliothek ein Vermerk eines vollständigen Bielefelder Exemplars von Kölers Psalmen. Bertram selbst gibt aber im kurzen Vorwort seines Verzeichnisses einen eindeutigen Hinweis auf die Herkunft der Noten:

„Die Fragmente [!] […] der Psalmen von David Köhler [sic; …] waren zur Herstellung der Pappdeckel alter Einbände benutzt und sind aus diesen mühsam durch Aufweichen und Zerlegen gewonnen.“8

Abb. 3 eingerissenes Notenblatt der Sopranstimme des ersten von Köler vertonten Psalmes; unrestaurierter Zustand; Foto: Carsten Gerwin, 10.4.2018

Es handelt sich bei den schlecht erhaltenen, oftmals eingerissenen und verklebten Einzelseiten (s. Abb. 3) also um Makulatur – „Restbestände“ alter Druckbogen, die zur Verstärkung von Buchrücken oder Einbänden benutzt wurden. Die 1908 von Bertram beschriebenen „alten Einbände“ können entweder nur aus kostbaren privaten Buchschenkungen stammen oder sogar Bücher aus dem ehemaligen Franziskanerkloster St. Jodokus geziert haben, dessen Bestand an Handschriften und Inkunabeln nach der Säkularisation des Klosters 1829 zum großen Teil in die Gymnasialbibliothek überführt worden war.9

Leider notiert Bertram aber nicht, aus welchen alten Einbänden Kölers Noten gewonnen worden waren. Es ist daher nicht auszuschließen, dass sich unter den Deckeln verwandter oder ähnlicher Bücher – sollten sie sich (noch) in der Gymnasialbibliothek befinden – tatsächlich noch die restlichen, verlorenen Stimmen verbergen könnten. Bis dahin müssen die fehlenden Noten also stumm bleiben – Puncta ignota Bieleveldensis tacent.

II Wiederentdeckung! David Kölers „Psalmen Davids“ und der übersetzte Lutherbrief

Wirklich (wieder-)entdeckt wurde also nur ein Teil der Noten des ersten gedruckten Werkes von David Köler, eines in Zwickau geborenen und ebendort 1565 mit 33 Jahren gestorbenen Musikers. Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Köler konnte aufgrund seiner stimmlichen Begabung die Zwickauer Lateinschule besuchen, deren Schulgeld er sich als Kurrendesänger auf Zwickaus Straßen verdient haben dürfte,10 während sich seine Heimatstadt als Teil des Schmalkaldischen Bundes im Krieg mit Kaiser Karl V. und den kaiserlichen Heeren befand. In diesem kriegerischen Kontext nimmt Köler in seiner Vorrede zu den Noten Bezug auf den Passauer Vertrag von 1552, einem wichtigen Kompromiss auf dem Weg zum Augsburger Religionsfrieden drei Jahre später11:

„Also das sich zuerhoffen / das vnser liebes Vaterlandt durch den vertrag der löblichen Landsfürsten / vnsere gnedigen Herren / widerumb zu rhu kommen werde.“12

Nach einem Studium in Ingolstadt verschlug es Köler nach Schönfeld in Böhmen, wo er, vermutlich als Kantor tätig, die Veröffentlichung seiner Psalmen durch den Leipziger Drucker Wolfgang Günther am 1. Juni 1554 veranlasste,13 und sie dankbar dem Zwickauer Stadtrat und seiner alten Ausbildungsstätte widmete,

„damit ich mich gegen der breit berühmten ewer Schulen, in welcher ich erstlich in dieser (nämlich in der holdseligen Musica) und andern Künsten erzogen und trewlich unterrichtet worden bin, als ein dankbar Stadtkind vnd Schüler erzeigen möchte“14.

In der Vorrede zu den Psalmen an den Zwickauer Stadtrat führt der 22jährige Köler auch eine Übersetzung eines Briefes von Martin Luther an den Komponisten Ludwig Senfl (1486 – 1542) an, den Luther am 4. Oktober 1530 auf der Veste Coburg schrieb (s. Abb. 4).

Abb. 4 Übertragung des Luther-Briefes an Senfl durch Köler ins Deutsche (Auszug); unrestaurierter Zustand; Foto: Carsten Gerwin, 10.4.2018

Der zu dieser Zeit noch immer unter päpstlichem Bann und Reichsacht stehende Reformator bat darin seinen Freund, ihm eine – eigene oder fremde – polyphone Ausarbeitung der Antiphon „In pace, in idipsum, dormiam et requiescam“ (Psalm 4, 9: „In Frieden, in ihm selbst, werde ich schlafen und ruhen“) zu übersenden. Als beziehungsvolle Freundschaftsgeste und Mahnung zur Standhaftigkeit schickte Senfl dem mutlosen Reformator eine eigene, vierstimmige Motette über „Non moriar, sed vivam, narrabo opera domini“ (Psalm 118, 17: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Werke des Herrn verkündigen“), eine Melodie, die Luther auch selbst vertonte.15 In Kölers Übersetzung des original lateinisch verfassten Briefes beschreibt Luther selbst in bewegenden Worten die außergewöhnliche Trostkraft der Musik:

„Aber meine Liebe ist gegen dieser edlen Kunst so gros / das mein hertz gantz auffwallet / unnd uberleufft gegen ir / denn sie hat mich so offt und viel erquicket / unnd von vielen grossen unlustigen und schweren verdrieslichen gedancken / und hendeln erledigt / unnd widerumb zu ruh bracht / und guts muts gemachet.“

Diese besondere Bedeutung der Musik findet in der Singpraxis der Anhängerschaft Luthers deutlichen Niederschlag. Luther öffnet die Musik im Gottesdienst für die Gemeinde, deren Gesang nun – wie einst das Musizieren Davids – tönendes Gotteslob sein sollte. Luther schreibt:

„Daher kömpt es auch / das die heiligen Propheten kein andere kunst gebrauchet haben / also das sie wider in der Geometria / Arithmetica / oder Astronomia / ire Propheceien und Theologey gefasset haben / Sondern allein sich der Musica darzu gebrauchet haben / welche Musica sie mit der Theologia gentzlich vereinigt / unn ire predigten / sampt dem willen Gottes in Geseng unnd Psalmen verfasset.“

Dem Propheten David, wie er in den Noten genannt wird, kommt dabei eine Vorreiterrolle zu. Der laut biblischer Überlieferung musizierende Hirte und spätere König Israels, der mittels Gesang und Harfenspiel den trübsinnigen König Saul zu trösten vermocht haben soll, wurde vom Musikpädagogen Karl-Heinrich Ehrenforth nicht nur treffend als „Orpheus der Bibel“ und „Urvater der Musiktherapie“ beschrieben; inden Psalmen Davids lägen vielmehr „die Wurzeln der europäisch-abendländischen Musikkultur überhaupt […]“16.

Dies wird besonders bei Kölers Vertonung des zehnten Psalmes deutlich (s. Abb. 5), der – vergegenwärtigt man sich die Zeitumstände in Sachsen um 1554 – einen besonders symbolträchtigen Text beinhaltet: „Verlast euch nicht auff Fürsten / denn sie sind Menschen / die können ja nicht helffen“17. Mögen solche Personen höheren Standes, Adlige wie Gutsherren, auch guten Willens sein oder sich als Kurfürsten gar von Gott zur weltlichen Herrschaft eingesetzt fühlen – nur Gott selbst kann durch sein Erbarmen dem Menschen nachhaltig zur Seite stehen und dessen Seele retten. Der Bezug zur reformatorischen Lehre wird hier nur allzu deutlich.

Abb. 5 Beginn der Sopranstimme des zehnten Psalmes Lobe dem Herrn, meine Seele; Foto: Benjamin Magofsky, 16.11.2019

Luthers dreifache „sola-Theologie“ eröffnete jedem Menschen einen Zugang zum Seelenheil, indem der Mensch allein durch Gnade, Glauben und die Schrift zu Gott in Beziehung trete, ohne dass es einer Vermittlung durch Priester oder Heilige bedurfte.18 Luthers „sola-Theologie“ bewirkte für das Selbstverständnis der protestantisch gesinnten Zeitgenossen der 1520er- bis 1550er-Jahre, wie eben offenbar auch für Köler, eine fundamentale Neuausrichtung. In diesem Bezug zu Luther spiegelt sich die Biographie Kölers mit der Schulgeschichte und dem -profil des Bielefelder Gymnasiums.

III Restaurierung! Bewahrung vor dem Verfall als zentrale Aufgabe einer Schule mit altsprachlich-humanistischer Tradition

Der Vorläufer des heutigen Ratsgymnasiums Bielefeld war 1293 im Zuge der Stadterweiterung als Lateinschule an der Marienkirche der Neustadt errichtet, 1558 aber mit dem Wechsel der Stadt zum protestantischen Glauben in eine Stadtschule zur höheren Bildung umgewandelt worden. „Jetzt beanspruchte die weltliche Obrigkeit, selbst darüber zu befinden, was gelehrt und durch wen die Jugend unterrichtet werden sollte.“19 Die Bildungsziele solcher neu gegründeten oder umgewandelten protestantischen Schulen lagen in der Ausbildung eines gelehrten Nachwuchses, um später die Ämter in den städtischen Verwaltungen zu übernehmen oder, in Luthers eigenen Worten: „das ist einer Stadt bestes und aller reichest gedein / Heil und Krafft / das sie viel feiner / gelerter / vernünfftiger / erbar / wolerzogen Bürger hat“20

Einer in dieser Tradition stehenden Schule muss es auch heute noch ein zentrales Anliegen sein, solche vor dem Verfall bedrohten Werke zu schützen, zumal wenn sie für das altsprachlich-humanistische Profil der Schule von solch herausragender Bedeutung sind wie die Noten Kölers und der Lutherbrief. Das Ratsgymnasium kann sich daher glücklich schätzen, vom 1986 gegründeten Verein „Die Förderer der Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld e.V.“ unterstützt zu werden. Dessen Mitglieder haben es sich zur Aufgabe gemacht, langfristig die „Restaurierung des wertvollen Buchbestandes der Gelehrtenbibliothek des Ratsgymnasiums“21 zu erreichen.

Dadurch kann einmal im Jahr ein wertvolles Exemplar der historischen Schulbibliothek zur Restauration gegeben werden, zuletzt im Schuljahr 2018/19 eine 1505 entstandene Postinkunabel von Augustinus De civitate dei (ein Beitrag dazu folgt hier im Blog). Im vorliegenden konkreten Fall der Noten ist die Finanzierung der Restaurierung einer sehr großzügigen Privatspende zu verdanken, mit der sie 2018/19 restauriert werden konnten (s. Abb. 5 und 6).

Abb. 6 Titelblatt des Tenor-Stimmbuches und „Register über die Psalmen“; restaurierter Zustand; Foto: Benjamin Magofsky, 16.11.2019,

Anmerkungen

Diesen Artikel zitieren: Benjamin Magofsky / Carsten Gerwin, “Rettung vor Vergessenheit und Verfall: Wiederentdeckung und Restaurierung kostbarer Notenbestände aus einer historischen Gymnasialbibliothek am Beispiel von David Kölers „Psalmen Davids“ aus dem Jahr 1554“, in bibliotheca.gym, 20/11/2019, https://histgymbib.hypotheses.org/7715

 

  1. Vgl. zu Geschichte und Bestand der historischen Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld Magofsky, B. / C. Gerwin, Ein Anliegen „von der grösten Nothwendigkeit“ – Die Schulbibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld im Spiegel ihrer Schul- und Bestandsgeschichte. In: bibliotheca.gym. 18/12/2018. Online unter: https://histgymbib.hypotheses.org/6605, abgerufen am 6.10.2019.
  2. Auf der Titelseite eines anderen Stimmbuches findet sich die Angabe „Wolff Günther / wonhafftig bey S. Nicolaus.“
  3. zur Einordnung der Noten in ihren historischen Kontext sowie zur Erläuterung ihrer musikalischen Bedeutung unseren weit ausführlicheren Beitrag in den Ravensberger Blättern des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (vgl. Gerwin, C. / B. Magofsky (2018): Eine Rarität in der Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums – David Kölers „Psalmen Davids“ aus dem Jahr 1554. In: Ravensberger Blätter. Zweites Heft 2018. S. 1-13).
  4. „Epistel Doctoris Martini Lutheri / an Ludovicum Senfel / aus dem Latein verdeutscht“. Vgl. Möller, E. / G. Eismann (2015): Art. „David Köler“. In: Finscher, L. (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG). Allgemeine Enzyklopädie der Musik begründet von Friedrich Blume, Personenteil. Band 10. 2. Auflage Kassel u. a. Sp. 447- 449, Sp. 447. Alle hier angeführten Zitate werden, wenn nicht anders ausgewiesen, nach dem Bielefelder Notenexemplar der Psalmen wiedergegeben.
  5. https://opac.rism.info/metaopac/singleHit.do?methodToCall=showHit&curPos=1&identifier=251_SOLR_SERVER_1879379872, zuletzt abgerufen am 6. Oktober 2019.
  6. Bertram, Th. (1908): Verzeichnis der in der Gymnasialbibliothek zu Bielefeld befindlichen Drucke aus dem XVI. Jahrhundert. Beilage zu dem Schulprogramm des Bielefelder Gymnasiums Ostern. Nr. 126. S. 20.
  7. Eismann, G. (1956): David Köler. Ein protestantischer Komponist des 16. Jahrhunderts. Berlin. S. 104. Eismann gibt als Quelle für seine Hypothese an: „Verzeichnis der in der Gymnasialbibliothek zu Bielefeld befindlichen Drucke aus dem 16. Jahrhundert (Schulprogramm, Beil. Ostern 1908, S. 126.“ Die Angabe „S. 126“ wäre dementsprechend als Nr. 126 in Bertrams Register in der Abteilung „Theologie“ (S. 22) zu lesen.
  8. Bertram 1908: S. I.
  9. Vgl. zur Auflösung des Klosters Köhne, R. / J. Altenberend (2008): Die Bibliothek des Ratsgymnasiums. In: Altenberend, J. / W. Schröder (Hrsg.) (2008): Deo et Literis. Schule mit Geschichte – Schule mit der Zeit. Festschrift zum 450-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasiums Bielefeld. Bielefeld. S. 93-106, hier S. 97 f. Ein Teil der wertvollen Inkunabeln gelangte nach Münster in die Paulinische Bibliothek.
  10. Eismann 1958: S. 31.
  11. Der provisorische Ausgleich der Religionsparteien im Passauer Vertrag vom 2. August 1552 kann als Vorläufer des berühmten „cuius regio, eius religio“ im Augsburger Religionsfrieden von 1555 gesehen werden (vgl. Lautemann, W. / M. und Schlenke (Hrsg.) (1976): Geschichte in Quellen. Band. 3: Renaissance, Glaubenskämpfe. Absolutismus.  2. Auflage, München. S. 204-210).
  12. zit. nach Eismann 1958: S. 49.
  13. Vgl. Möller / Eismann 2005: S. 48-49.
  14. zit. nach Möller / Eismann 2015: S. 49. Da im Bielefelder Exemplar die wichtige Vorrede Kölers leider nur fragmentarisch erhalten ist, werden Passagen daraus im Folgenden nach Georg Eismanns Köler-Monographie zitiert, in der die komplette Vorrede wiedergegeben ist.
  15. Geck, M (2017): Luthers Lieder. Leuchttürme der Reformation. 2. Auflage Hildesheim. S. 25. Auf der Veste Coburg sind diese berühmten Worte, die Luther selbst an die Wand seiner Stube geschrieben haben soll, auch heute noch als Wandschmuck in einer Stube und einem Innenhof zu besichtigen.
  16. Vgl. Ehrenforth, K.-H. (2005): Geschichte der musikalischen Bildung. Von den antiken Hochkulturen bis zur Gegenwart, Mainz. S. 99. Man denke etwa an die wesentlich bekannteren „Psalmen Davids“ von Heinrich Schütz aus dem Jahr 1619.
  17. Im MGG-Artikel zu Köler weist Eberhard Möller ausdrücklich darauf hin, dass die „Texte [von Kölers Psalmmotetten] im Zusammenhang mit dem tiefen religiösen Ernst der Zeit und den Machtkämpfen (Schmalkaldischer Krieg) stehen.“ (vgl. Möller, E. MGG 2005: Sp. 448, s. a. Fußnote 4.
  18. Vgl. Schilling, H. (2017): 1517. Weltgeschichte eines Jahres. München. S. 301 f.
  19. Vgl. Vogelsang, R. (2008): Bürgerschule und Gelehrtenanstalt – 450 Jahre Gymnasium in Bielefeld. In: Altenberend / Schröder 2008: S. 11-48, Zitat S. 11.
  20. Martin Luther, An die Rathherrn aller Stedte in Deutschland. An die Bürgermeister und Rathherrn aller Stedte Deutschlandes / Das sie christliche Schulen auffrichten / und halten sollen, in: Der ander Teil aller deutschen Bücher und Schrifften des thewren / seligen Mans Gottes D. Mart. Lutheri, gedruckt zu Jhena / durch Thomas Rebarts seligen nachgelassene Erben. Anno MDLXXXV. S. 458.
  21. Vgl. die Schulhomepage mit der betreffenden Seite des Fördervereins: https://www.ratsgymnasium-bielefeld.de/index.php/freunde/foerderer-der-bibliothek, zuletzt abgerufen am 6.10.2019.
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