Külföldi egyházi levéltári hírek

Marienstatue mit Kind gesucht

Referat für die Kulturgüter der Orden in Österreich -

Das Büro der Ordensgemeinschaften in Wien ist auf der Suche nach einer Marienstatue mit Kind. Im Zuge von Renovierungsarbeiten der Büroräume wird der Eingangsbereich neu gestaltet. Hier möchten wir als sichtbares Zeichen für unseren Glauben und unser Tätigkeitsfeld eine Marienstatue mit Kind aufstellen.

Kategorien: Schwarzes Brett

Rückschau auf den Studientag 2019

Referat für die Kulturgüter der Orden in Österreich -

Großen Andrang gab es beim diesjährigen Studientag, der traditionell am letzten Jännermontag im Archiv der Erzdiözese Salzburg im Erzbischöflichen Palais stattfand. Mehr als 50 TeilnehmerInnen sowie fünf ReferentInnen fanden sich zu der Veranstaltung ein, die traditionell einmal im Jahr gemeinsam von der Fachgruppe der Archive der Kirchen und Religionsgemeinschaften im Verband Österreichischer Archivarinnen und Archivare, der ARGE Diözesanarchive, dem Referat für die Kulturgüter der Orden und dem Archiv der Erzdiözese Salzburg organisiert wird.

Kategorien: TermineRückblickVeranstaltungshinweiseRückblickDigitale ArchiveRecords Management

Tipps zur Sicherheit und Prävention spielerisch erfahren

Referat für die Kulturgüter der Orden in Österreich -

Wissen Sie, wie es derzeit um die Sicherheitsverhältnisse in Ihrem Ordenshaus steht und was alles zu beachten ist? Wie verhält es sich mit dem Klima im Kirchenraum? Besteht die Gefahr durch Diebstahl oder Vandalismus? Gibt es Schädlinge die Ihren Kulturgütern zu schaffen machen? Viele dieser Fragen treten im Zusammenhang mit der Verantwortung über materielles und sakrales Kulturerbe in den Ordensgemeinschaften Österreich auf.  

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Ein großes Fest zum Abschied von Helga Penz

Referat für die Kulturgüter der Orden in Österreich -

Am 18. Jänner 2019 fand im Stift Herzogenburg anlässlich des Abschieds von Helga Penz ein großer Festakt statt. Die Feier begann mit einer Begrüßung durch Prälat Maximilian Fürnsinn CanReg, Propst des Stiftes Herzogenburg und langjährigen Arbeitgeber von Helga Penz, sowie durch die zu verabschiedene selbst. Der feierliche Gottesdienst in der barocken Stiftskirche Herzogenburg wurde von Propst Maximilian Fürnsinn zelebriert. Als Konzelebranten waren anwesend: Abtpräses Christian Haidinger OSB, Altbischof Maximilian Aichern OSB, Erzabt Korbinian Birnbacher OSB, P.

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Erschließungsprojekt im Archiv der Grazer Schulschwestern

Referat für die Kulturgüter der Orden in Österreich -

Anfang Jänner 2018 wurde ich auf Vermittlung vom Referat für die Kulturgüter mit der Reorganisation des Archivs der Österreichischen Provinz der Franziskanerinnen von der Unbefleckten Empfängnis, kurz „Grazer Schulschwestern“, betraut. Meine Arbeitsstätte für das nächste halbe Jahr sollte das Provinzhaus sein, ein neu renoviertes Gründerzeithaus, an der Mur gelegen, mitten in der Grazer Altstadt.

Kategorien: Nachrichten aus den OrdenAus Archiven, Bibliotheken und Sammlungen

Workshop "Was tun mit den alten Noten? Aufbau und Bewahrung kirchlicher Musikarchive" am 1./2. März 2019 in Stift Melk

Referat für die Kulturgüter der Orden in Österreich -

Am 1./2. März 2019 findet im Stift Melk ein Workshop zum Thema „historisches Notenmaterial“ statt. Dieses stellt die Verantwortlichen in Kirchen, Klöstern und Konventen oft vor die Frage, wie damit zu verfahren sei. Wie sind die Werke zu lagern, zu verwalten, zu systematisieren?

Kategorien: TermineVorschauVeranstaltungshinweiseTerminvorschauMusikarchive

Pontifikalmessen in St. Stephan vor der Bistumsgründung

Archiv des Schottenstifts -

Am 18. Jänner 1469 wurde mit der Bulle „In supremae dignitatis specula“ das Bistum Wien von Papst Paul II. errichtet. 2019 feiert die heutige Erzdiözese somit ihr 550jähriges Bestehen.

In Ermangelung eines Bischofs vor Ort griff man in der Zeit vor der Bistumsgründung für feierliche Pontifikalgottesdienste an der Stephanskirche in Wien wiederholt auch auf den infulierten Abt des Schottenklosters zurück – dies legt zumindest eine Urkunde aus dem Jahr 1449 nahe. Aus dieser geht hervor, dass Abt Martin von Leibitz (1446–1460/61) bisweilen an den höchsten Festen bei St. Stephan pontifizierte, also mit Stab und Mitra das Hochamt zelebrierte. Wie der Aussteller der Urkunde, der aus Brünn stammende Wiener Jurist Johannes Poltzmacher, aber betont, sei dies in seiner Zeit als Koadjutor des Propstes zu St. Stephan lediglich auf sein Ansuchen hin geschehen; der Schottenabt könne dazu keineswegs verpflichtet werden.

Urk 1449-08-02

Da die 1469 neu errichtete Diözese jedoch zunächst nur von Administratoren verwaltet wurde und es noch Jahrzehnte dauerte, bis der Diözesanbischof tatsächlich in Wien residierte, ist nicht auszuschließen, dass der Abt des Schottenstifts auch weiterhin noch wiederholt in den Stephansdom zum Messefeiern gerufen wurde.

Der winterliche Straßenzustand in Schottengasse und Helferstorferstraße

Archiv des Schottenstifts -

Österreich hat derzeit mit ungewöhnlich starken Schneefällen zu kämpfen. Jemand, den dieses Wetterphänomen vermutlich besonders interessiert hätte, ist P. Leander Fischer (1914–1986), der über 31 Jahre hinweg Mathematik, Physik und Chemie am Schottengymnasium unterrichtete. Fischer, ein promovierter Astronom, beschäftigte sich auch mit meteorologischen Fragen und betreute sogar eine Wetterstation im Schottenstift. In diesem Kontext entstand unter anderem auch ein kurzer Artikel, der sich mit den winterlichen Straßenzuständen in zwei an das Kloster angrenzenden Verkehrsflächen, der Schottengasse und der Helferstorferstraße, in den Jahren 1953 bis 1957 beschäftigte.

Am heutigen Tag wäre der Zustand übrigens nur punktiert darzustellen!

„Rarität im Pappumschlag“

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Dienstag, 25. Dezember 2018, im Westfalen-Blatt:

Von Burgit Hörrtrich

Bielefeld (B) Der Inhalt eines unbeschrifteten Pappumschlags, entdeckt im Sonderbestand der historischen Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums , entpuppte sich als Rarität. Carsten Gerwin und Benjamin Magofsky, die im Februar 2018 die Nachfolge von Dr. Johannes Altenberend als Bibliothekare antraten, entdeckten in dem Umschlag ein Bündel vergilbter Notenblätter. […]

Glückwunsch den aufmerksamen Bibliothekaren!

Siehe auch:

• Benjamin Magofsky, Carsten Gerwin: Ein Anliegen „von der grösten Nothwendigkeit“ – Die Schulbibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld im Spiegel ihrer Schul- und Bestandsgeschichte

Im Film: die alte Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld

Weihnachten 1818 im Kloster St. Peter

Referat für die Kulturgüter der Orden in Österreich -

Die aktuelle Ausgabe der „Blätter der Stille Nacht Gesellschaft“ (2/2018) enthält einen Beitrag zum Thema „Das Kloster St. Peter zur Entstehungszeit von „Stille Nacht!“. Stiftsarchivar Dr. Gerald Hirtner schildert darin manche Verbindungen St. Peters zur Geschichte des Liedes. Insbesondere werden überlieferte Ereignisse des Weihnachtstages 1818 im Kloster wiedergegeben. An einem so hohen Festtag kamen religiöse Andacht, leibliches Wohl und musikalische Freude nicht zu kurz.

Kategorien: Nachrichten aus den OrdenAus Archiven, Bibliotheken und Sammlungen

Weihnachten 2018

Archiv des Schottenstifts -

Dem „Stille Nacht“-Jahr – vor 200 Jahren, am 24. Dezember 1818, wurde der Weihnachtsklassiker uraufgeführt – können auch wir uns nicht ganz entziehen, weshalb an dieser Stelle ein sonst nicht unbedingt bemerkenswertes Archivale gezeigt sei: ein Faksimile-Blatt eines Autographs des Komponisten Franz Xaver Gruber (um 1860, Original im Salzburg Museum), welches gerahmt bei uns im Musikarchiv liegt.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest, besinnliche Feiertage und alles Gute im neuen Jahr!

Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber: „Stille Nacht, heilige Nacht“
Faksimile eines Autographs des Komponisten (um 1860, Original im Salzburg Museum)

Ein Anliegen „von der grösten Nothwendigkeit“ – Die Schulbibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld im Spiegel ihrer Schul- und Bestandsgeschichte

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Benjamin Magofsky, Carsten Gerwin

Als im Jahre 1750 Gotthilf August Hoffmann (1720-1769) zum neuen Rektor des Bielefelder Gymnasiums bestimmt wurde, muss ihn ein kultureller Schock erfasst haben. Hoffmann hatte zuvor in Halle bei Christian Wolff Philosophie studiert und im Rahmen seiner pädagogischen Ausbildung an den dortigen Franckeschen Stiftungen auch deren bedeutende Bibliothek kennengelernt.

In Bielefeld jedoch fand er nichts dergleichen; viel mehr noch empfander die Region, Bielefeld „und seine höhere Schule [als] eine bibliothekarische Öde“1. Denn nicht nur in der Stadt, sondern in ganz Westfalen gab es Hoffmann zufolge keine Schulbibliotheken, „die wenigstens was zubedeuten hätten“, weshalb „die Gelehrsamkeit in Westphalen so nicht, wie anderwärts, blühet“2. Hoffmann selbst aber wusste hingegen nur zu genau:

 „Eine Schulbibliothek ist so wohl in Ansehen der Lehrenden, als Lernenden von der grösten Nothwendigkeit.“3

Ist diese Anekdote bloß eines der vielen Klischees über Bielefeld? Oder ist sie tatsächlich Indiz für die kulturelle Rückständigkeit von Region, Stadt und Schule im 18. Jahrhundert? Obgleich Immanuel Kants berühmter Artikel „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ erst 1784 formuliert und veröffentlicht wurde, schien bereits 1750 festzustehen, dass Hoffmanns „Weckruf“ zum „Ausgang aus seinerselbstverschuldeten Unmündigkeit“4 die recht verschlafene preußische Provinzstadt nicht schnell würde erreichen können.

Der vorliegende Artikel versucht, diese Frage dadurch zu beantworten, dass die Geschichte der Bibliothek anhand einiger ausgewählter Bestände vor dem Hintergrund ihrer Schulgeschichte untersucht wird.

I Katholische Lateinschule oder protestantische Schulgründung? Die Entstehung des Ratsgymnasiums

Um Hoffmanns Entsetzen des Jahres 1750 zu verstehen, müssen wir ins Jahr 1293 zurückgehen. Zu dieser Zeit wurde im Kontext der Gründung des Marienstifts der ungeplant gewachsenen Neustadt südlich des 1214 vom Graf von Ravensberg gegründeten Bielefeld („Biliuelde“) auch eine mit dem Landesherrn verbundene „schola“ urkundlich erwähnt. Diese, dem katholischen Marienstift angeschlossene Lateinschule, auf der die Söhne der Bürgerschaft die Voraussetzungen für ein Universitätsstudium erhalten konnten,5 ist der Vorläufer des heutigen Ratsgymnasiums. Leider weiß man angesichts sehr weniger Quellen heute relativ wenig über diesen Abschnitt der Schulgeschichte: Lehrpläne, Schülernamen und Frequenz des Schulbesuchs sind unbekannt,6 ihr dauerhafter Bestand somit nicht gesichert. Allein indirekt weiß man, dass z.B. insgesamt über 100 Schüler aus Bielefeld an verschiedenen europäischen Universitäten Aufnahme gefunden haben. Dass diese Lateinschule aber auch eine Bibliothek hatte,7 ist unseres Wissens nach nicht nachzuweisen.

Das Ratsgymnasium selbst fußt aber nicht allein auf diesen katholischen Wurzeln, worauf schon die reichhaltige Überlieferung der Schriften Martin Luthers in der heutigen Bibliothek hindeutet. Dazu zählen frühe Drucke seltener Briefe des Reformators oder von Luther inspirierte Musiknoten protestantischer Kirchenmusik der Renaissance8 ebenso wie eine seit 1575 entstandene, weitgehend vollständig erhaltene Werkausgabe, welche u.a. seine 1524 veröffentliche Schrift „An die Bürgermeister und Rathherrn aller Stedte“ in Deutschland, „Das sie christliche Schulen auffrichten / und halten sollen“ enthält [s. Abb. 1].

Abb. 1 Martin Luther. An die Rathherrn aller Stedte in Deutschland. An die Bürgermeister und Rathherrn aller Stedte Deutschlandes / Das sie christliche Schulen auff-richten/ und halten sollen. 1524. Titel
(Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)

Luther zufolge seien es eben nicht nur große Schätze, feste Mauern oder schöne Häuser, derer eine Stadt bedürfe; denn „das ist einer Stadt bestes und aller reichest gedein / Heil und Krafft / das sie viel feiner /gelerter / vernünfftiger / erbar / wolerzogen Bürger hat“.9

Als sich um 1553 der Protestantismus auch in Bielefeld ausbreitete, nahmen nun konsequenterweise die Ratsherren um den Bürgermeister Caspar von Greste, in dessen Wohnhaus sich die Bibliothek und ein Teil des Ratsgymnasiums heute befindet [s.Abb. 2], in Luthers Sinne die Erweiterung und Umgestaltung der seit 1293 bestehenden Lateinschule „in reformatischem Sinne in die Hand“.10

Abb. 2 Ratsgymnasium Bielefeld mit Grestschem Hof links im Bild
(Foto Benjamin Magofsky, 4.2.2012)

In der Folge wurde die Lateinschule der Bielefelder Neustadt 1558 – dem offiziellen Gründungsdatum der Schule – in eine Stadtschule zur höheren Bildung umgewandelt. „Das war in doppelter Hinsicht etwas Neues. Denn bis dahin galt die höhere Schulausbildung als Aufgabe der Kirche, genauer: der katholischen Kirche. Ihrer Überlieferung und ihren Dogmen allein war die Schule unterworfen. Jetzt beanspruchte die weltliche Obrigkeit, selbst darüber zubefinden, was gelehrt und durch wen die Jugend unterrichtet werden sollte.“11 Doch auch zu jener Zeit gibt keine Quelle Auskunft darüber, ob diese Schule auch eine Bibliothek besaß.

II Gotthilf August Hoffmann und die Entstehung der Lehrerbibliothek

Daran änderte sich auch bis zum Amtsantritt des eingangs erwähnten Gotthilf August Hoffmann vermutlich nichts. Gegen den „im toten Formalismus erstarrten Unterrichtsbetrieb und gegen die geistige Trägheit der Lehrer, die im Schulamt nur das Sprungbrett in eine gutdotierte Pfarrstelle sahen“12 , gab es, wie eingangs zitiert, für Hoffmann nur eine Lösung: Eine Bibliothek müsse her!

1753 hob Hoffmann in dem von ihm so genannten „Vortrag“, der Einladungsschrift zur Feier des Geburtstages des damaligen Königs in Preußen, Friedrich II., am 24.1.1753, in mancher Anlehnung an die oben erwähnte Lutherschrift von 1524, die Notwendigkeit einer Schulbibliothek für das Bielefelder Gymnasium hervor – wohlgemerkt als Bibliothek für Lehrer und Schüler,

 „deren Kentnis und fleissiger Gebrauch einen begierigen Jüngling in wenig Zeit weiter bringt, als der mühsame Unterricht des Lehrmeisters. Sie [die Bibliothek] lockt ihn zum Lesen, sie muntert seinen Fleiß auf, und ihr hat er die Ausdehnung seiner Einsichten zu danken. Sein Lehrer brachte ihn zwar auf den Weg, er führte ihn auch eine Zeitlang darauf bey der Hand; allein hernach übergab er ihn denandern Lehrmeistern [d.h. den Büchern], und er siehet mit Freuden, wie sein Lehrling mit starken Schritten zur Weisheit eilet.“13

Auch wenn Hoffmann all dieser aufklärerischen Gedanken zum Trotz – oder gerade wegen ihres Konfliktes mit den Persistenzen in der Stadt Bielefeld – 1758 resigniert sein Amt aufgab, hatte er es zuvor geschafft, eine Lehrerbibliothek zu initiieren. Sein eigentliches pädagogisches Anliegen, dass diese Büchersammlung Lehrerbibliothek und Schülerbibliothek zugleich sei, konnte jedoch weder er noch einer seiner Nachfolger verwirklichen.14

III Der Ausbau der Lehrerbibliothek im preußischen Westfalen

So kam die Bibliothek bis 1815 trotz mancher Schenkungen der Bielefelder Bürgerschaft sowie der Unterstützung durch die Stadt über Zinseinnahmen aus einem Nachlass und sogar einer Lotterie zur Finanzierung von Buchkäufen nicht über weithin unbedeutende 400 Bücher hinaus.

Erst auf Druck des Oberpräsidenten der neu gegründeten preußischen Provinz Westfalen, Ludwig von Vincke (1774-1844), und des neuen Rektors der Schule, August Krönig (1815-1837)stellte die Stadt Bielefeld mehr Geld zur Verfügung, um die Bibliothek zweckdienlich aufzubauen und vermehrt Bücher zu erwerben. Entsprechend dieser von der preußischen Führung neu zugewiesenen Bedeutung waren Schwerpunkte des Bucherwerbs „bis zum Kaiserreich altphilologische oder solche historische Werke, welche die militärischen und staatlichen Leistungen der preußischen Monarchiehervorhoben“.15

Trotzdem wäre diese Lehrerbibliothek heute kaum mehr als „eine Durchschnittsbücherei“16 und vermutlich längst aufgelöst worden, wenn sie nicht zwei wichtige Erbschaften hätte antreten können, die sie schlagartig „zu einem auch über die Stadt Bielefeld hinaus bedeutsamen Kulturdenkmal“17 werden ließen.

IV Die Säkularisation des Franziskanerklosters St. Jodokus und die Auflösung der dortigen Klosterbibliothek

Infolge der napoleonischen Eroberungen und Besatzungen waren mit dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 und der Gründung des Rheinbundes 1806 bereits zahlreiche Klöster säkularisiert worden, deren Eigentum und Vermögen dem jeweiligen Landesherrn zugeschlagen wurde. An dieser Entwicklung änderte auch Napoleons endgültige Niederlage 1815 nichts. So verfolgte der Bielefelder Stadtdirektor Ernst Friedrich Delius seit 1817 das Ziel, das örtliche Franziskaner-Kloster aufzuheben, um darin u.a. das Gymnasium neu unterzubringen. Dies ist ihm 1829 mit Unterstützung der preußischen Regierung schließlich auch gelungen.18

Eine große Zahl der 2.300 Bücher (darunter zahlreiche mittelalterliche Handschriften und Inkunabeln) der seit 1502 zusammengetragenen Franziskaner-Bibliothek, die damals als „bedeutendste Büchersammlung Bielefelds“19 galt, ging zwar auf Anordnung der preußischen Provinzialregierung in Münster in die dortige Bibliothek des Paulinums; Bestände, die als weniger wertvoll angesehen wurden, sollten an ein Antiquariat verkauft oder sogar als Altpapier verwertet werden.20

Mit dem Umzug des Gymnasiums in das ehemalige, umgebaute Brauhaus des aufgelösten Franziskanerklosters im Jahre 1831 erhielt die Schule unter Leitung Krönigs schließlich den verbliebenen Bestand an Handschriften, Inkunabeln und Postinkunabeln, die ins Lehrerzimmer überführt wurden, das zugleich als Raum für die Lehrerbibliothek mitgenutzt wurde.21

Abb. 3 Jacobus de Voragine. Legenda aurea sanctorum seu historia Lombardica. 1480
(Ratsgymnasium Bielefeld. Bibliothek)

Eines der wertvollsten Bücher der Bibliothek ist ohne Zweifel die Handschrift der „Legenda aurea“ [s. Abb. 3], eine vom Dominikaner und Genueser Bischof Jacobus de Voragine im 13. Jahrhundert verfasste Sammlung von Heiligengeschichten. Das im Ratsgymnasium vorhandene, 1480 von einem gewissen Gerardus abgeschriebene Exemplar erhält eine kirchen- und regionalgeschichtliche Besonderheit: nämlich einen nur in dieser Fassung überlieferten Translationsbericht des Paderborner Bistumsheiligen Liborius, dessen Reliquien 836 von Le Mans nach Paderborn überführt wurden, nebst einer Kurzvita.22

Abb. 4 Thomas de Aquino.
Scriptum super quarto sententiarum. 1481
(Ratsgymnasium Bielefeld. Bibliothek)

Die Legenda aurea verdeutlicht, dass die Schwerpunkte der Sammlung des Franziskaner-Klosters auf theologischen und religionsphilosophischen, kirchenrechtlichen und kirchengeschichtlichen Büchern lagen, was auch die über 300 Postinkunabeln wie „Decivitate dei“ von Augustinus (1505) oder zahlreiche Inkunabeln, u.a. des Thomas von Aquin [s. Abb. 4], belegen.23

V Eine Gelehrtenbibliothek für ein preußisches Gymnasium: Die Privatsammlung Loebells

Abb. 5 Johann Wilhelm Löbell, gez. von C. Sohn (Ratsgymnasium Bielefeld. Bibliothek)

Die zweite für die Bibliothek bedeutsame Erweiterung ist mit dem Namen Johann Wilhelm Loebell verbunden. Loebell [s. Abb. 5] stammte aus einer jüdischen Familie und konvertierte später zum reformierten Bekenntnis. Er studierte in Heidelberg, Berlin und Breslau Philologie und wurde 1831 Professor für Geschichte in Bonn. 1848/49, also zur Zeit der Revolution, war er Rektor dieser Universität.

1856 inserierte der kinderlose Gelehrte in einer Zeitschrift, dass er nach dem Ableben seine fast 7.000 Bände zählende Büchersammlung einem preußischen Gymnasium vermachen wolle. Das Bielefelder Gymnasium hatte sich zwar auf diese Annonce beworben, war aber dennoch völlig überrascht, als man 1863 aus der Kölnischen Zeitung erfuhr, die Privatbibliothek des verstorbenen Prof. Loebell sowie dessen Privatkapital zur Erwerbung neuer Bücher geerbt zu haben.24

Eine Bedingung hatte Loebell indessen gestellt: seine Sammlung müsse zusammen aufgestellt werden.

Und so befindet sie sich die Gelehrtenbibliothek noch immer im ersten Obergeschoss des Ratsgymnasiums [s. Abb. 6]Es war und ist eine „schöne, mit Sorgfalt gesammelte Bibliothek […], die einen einheitlichen, man kann sagen, persönlichen Charakter“25 trägt.

Abb. 6 Die Loebellsche Bibliothek. Das erste Obergeschoss der Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld

Schwerpunkte seiner Sammlung sind zunächst natürlich die Geschichte, Loebells Hauptfach. Dazu zählen sein Hauptforschungsgebiet, das Frühmittelalter,26 ebenso wie eine „reichhaltige Sammlung politischer Schriften aus der Zeit der nationalen Erhebung, der Restauration, des Vormärz, des Jahres 1848 und der Paulskirche“27. Von der Ernst Moritz Arndt zugeschriebenen Flugschrift mit dem Wahlaufruf zur Frankfurter Nationalversammlung, „Wahlmann, wähle Dahlmann“, sind beispielsweise nur zwei Exemplare nachweisbar.28 Den zweiten Schwerpunkt bildet die deutsche Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, vor allem Lessing, Wieland, Goethe und sein Freund Ludwig Tieck, mit dem er im Briefwechsel stand29 und zu deren literarisch hoch bedeutender Zeit Loebell ebenfalls Vorlesungen hielt und forschte30. Dazu kommen Klassiker in lateinischer, englischer und französischer Sprache, z.B. auch eine französische Gesamtausgabe von Voltaire in 125 Bänden.

Diese Ereignisse und Entwicklungen des 19. Jahrhunderts führten dazu, dass die Zahl der Bände in der Bibliothek rasant in Zahl und Bedeutung auf 13.000 im Jahre 1875 anstieg.31

VI Humanistische Bildung und heutige Bedeutung der Bibliothek

DIe Biographie Loebells verweist zudem auf das, was das Ratsgymnasium Jahrhunderte lang ausgezeichnet hat: die humanistische Bildung. Dieser „humanistische Bildungsgedanke zielt“, wie es im Schulprogramm des Ratsgymnasiums von 2008 heißt, „auf die umfassende Bildung der Persönlichkeit“ab.32

Abb. 7 P. Virgilii Maronis. cum Veterum omnium commentarris. 1644. Titelkupfer
(Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)

In der Geschichte des Ratsgymnasiums war humanistische Bildung jahrzehntelang zunächst natürlich fast gleichzusetzen mit altsprachlicher Bildung. So hatte im Wintersemester 1815/16 am Bielefelder Gymnasium ein Schüler in der Prima, also in seinem letzten Schuljahr, 30 Unterrichtsstunden, davon 5 in Altgriechisch, 10 in Latein.33

Abb. 8 Römisches Lagerbild. Ansprache Kaiser Trajans vor der Schlacht(Ausschnitt). Carl Leonhard Becker, undatiert (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)

Entsprechend reichhaltig ist in der Bibliothek des Ratsgymnasiums noch heute die Überlieferung der alten Sprachen und der römischen Geschichte vertreten, wie die 
klassischen Werke der griechischen und lateinischen Literatur [s. Abb. 7], aber auch die Kartensammlung und zahlreiche Schautafeln belegen [s. Abb. 8].

Je mehr sich im 19. und 20. Jahrhundert nun Wissenschaften und Schulfächer ausdifferenzierten, desto stärker wurden in der Bibliothek auch neuere, indessen oftmals weit weniger bedeutende Werke gesammelt.

Diese Erweiterungen eingeschlossen zählt der Katalog der Bibliothek heute ca. 60 Handschriften und Inkunabeln sowie über 300 Postinkunabeln unter insgesamt über 25.000 Bänden. Der ehemalige Bibliothekar Karl Raab schrieb bezeichnenderweise schon im Jubiläumsjahr 1958 (man beging traditionsreich den 400. Geburtstag der Schule):

„Eine Schule aber, die solches Erbe in ihre Obhut genommen hat, besitzt gegenüber dem vielfachen Drängen nach ,realistischenʼ Unterrichtszielen ein dauerndes Memento: Wahre Bildungsarbeit darf nicht lediglich von Nützlichkeitserwägungen getragen sein“.34

Somit bleibt abschließend zu hoffen, dass sich das Ratsgymnasium seiner humanistischen Bildungstradition bewusst bleibt und der kulturellen Bedeutung seiner historischen Bibliothek weiterhin (Be-)Achtung zollt, um die künftigen Herausforderungen schulischer Praxis im (er-)kenntnisreichen Rückblick auf ihre facettenreiche Geschichte innovativ, jedoch im positiven Sinne traditionsbewusst gestalten zu können. Denn eine solche Bibliothek ist, in den Worten Gotthilf August Hoffmanns, wahrlich „von der grösten Nothwendigkeit“.

Anmerkungen

Diesen Artikel zitieren: Benjamin Magofsky / Carsten Gerwin, „Ein Anliegen ‚von der grösten Nothwendigkeit‘ – Die Schulbibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld im Spiegel ihrer Schul- und Bestandsgeschichte“, in bibliotheca.gym, 18/12/2018, https://histgymbib.hypotheses.org/6605

 

  1. Flachmann, H. (1991): Zur Geschichte der Bibliothek des Bielefelder Ratsgymnasiums von ihrer Gründung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. In: Ravensberger Blätter. Heft 2/ 1991. S. 3-16, hier S. 5.
  2. Gotthilf August Hoffmann (1953): Gotthilf August Hoffmanns Einladung zur abermaligen Feier des Königlichen Geburtstages auf den 24sten Jenner 1753. Bielefeld. S. 7. Die Schreibweise folgt dem Original.
  3. Ebd. S. 3.
  4. Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift. Dezember 1784. Heft 12. S. 481-494, hier S. 491.
  5. Vgl. dazu Korte, F. (2010): Das Ratsgymnasium Bielefeld. In Stift, Stadt und Staat seit 1293. Bielefeld. S. 5 ff., sowie zuletzt Sigler, Sebastian (2018): Wie alt ist das Ratsgymnasium? Veröffentlicht am 6.10.2018. Online unter www.rats1293.de, abgerufen am 16.11.2018.
  6. Vgl. Vogelsang, R. (2008): Bürgerschule und Gelehrtenanstalt – 450 Jahre Gymnasium in Bielefeld. In: Altenberend, J. / W. Schröder (Hrsg.) (2008): Deo et Literis. Schule mit Geschichte – Schule mit der Zeit. Festschrift zum 450-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasiums Bielefeld. Bielefeld. S. 11-48, hier S. 12.
  7. Vgl. dazu die Erläuterungen und Einschätzungen von Korte 2008: S. 14 ff., und 132.
  8. s. dazu Gerwin, C. / Magofsky, B. (2018): Eine Rarität in der Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums – David Kölers „Psalmen Davids“ aus dem Jahr 1554. In: Ravensberger Blätter. 2. Heft 2018. S. 1-13.
  9. Martin Luther, An die Rathherrn aller Stedte in Deutschland. An die Bürgermeister und Rathherrn aller Stedte Deutschlandes / Das sie christliche Schulen auffrichten / und halten sollen, in: Der ander Teil aller deutschen Bücher und Schrifften des thewren / seligen Mans Gottes D. Mart. Lutheri, gedruckt zu Jhena / durch Thomas Rebarts seligen nachgelassene Erben. Jena 1585. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek). S. 458.
  10. Herwig, C. (1908): Geschichte der Anstalt. In: Bertram, Th. u.a. (1908): Festschrift zum 350jährigen Jubiläum des Gymnasiums und Realgymnasiums zu Bielefeld am 5. und 6. August 1908. S. 1-110, hier S. 1. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  11. Vogelsang 2008: S. 11.
  12. Raab, K. (1958): Mittelalterliche Handschriften in der Bielefelder Gymnasialbibliothek. In: [o. Hrsg.]: Festschrift zum 400-jährigen Jubiläum des Staatlich-Städtischen Gymnasiums zu Bielefeld. Vom 24.-27. Juli 1958. Bielefeld. S. 237-250, hier S. 237 f. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  13. Hoffmann 1753: S. 5.
  14. Vgl. Altenberend, J. / R. Köhne (2008): Die Bibliothek des Ratsgymnasiums. In: Altenberend, J. / W. Schröder (Hrsg.) (2008): Schule mit Geschichte. Schule mit der Zeit. Festschrift zum 450-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasiums. Bielefeld. Bielefeld. S. 93-106, hier S. 93.
  15. Flachmann 1991: S. 15.
  16. Raab 1958: S. 238.
  17. Altenberend / Köhne 2008: S. 101.
  18. Ebd. S. 97.
  19. Rüthing, H. / O. Schirrmeister (1992): Bielefeld-Franziskaner. In: Hengst, K. (Hrsg.) (1992): Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung. Teil 1. Münster. S. 76-81, hier S. 79.
  20. Vgl. Altenberend / Köhne 2008: S. 97.
  21. Ebd.
  22. Jacobus de Voragine, Legenda aurea sanctorum seu historia Lombardica. Köln 1480. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  23. Thomas de Aquino. Scriptum super quarto sententiarum. Venedig. Johann von Köln, Nicolaus Jenson. 1481. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  24. Altenberend / Köhne 2008: S. 101.
  25. Bertram, T. (1908): Geschichte der Bibliothek des Bielefelder Gymnasiums. In: [o. Hrsg.]: Festschrift zum 350jährigen Jubiläum des Gymnasiums und Realgymnasiums zu Bielefeld. Am 5. und 6. August 1908. Bielefeld. S. 111-125, hier S. 119. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  26. Vgl. Loebells geschichtswissenschaftliches Hauptwerk: Loebell, J. W. (1839): Gregor von Tours und seine Zeit. Vornehmlich aus seinen Werken geschildert. Ein Beitrag zur Geschichte der Entstehung und ersten Entwickelung romanisch-germanischer Verhältnisse. Leipzig. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  27. Altenberend / Köhne 2008: S. 103.
  28. Altenberend, J. (2013): Eine Rarität in der Bibliothek des Bielefelder Ratsgymnasiums zur Bonner Revolutionsgeschichte 1848: „Wahlmann wähle Dahlmann“. In: Ravensberger Blätter. Erstes Heft 2013. S. 48-51.
  29. Vgl. dazu Isringhausen, H. (2008): „Mein teurer, geliebter Freund!“ Johann Wilhelm Loebells Briefe an Ludwig Tieck. In: In: Altenberend, J. / W. Schröder (Hrsg.) (2008): Schule mit Geschichte. Schule mit der Zeit. Festschrift zum 450-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasiums. Bielefeld. S. 107-118.
  30. Vgl. Loebell, J. W. (1854: Die Entwickelung der deutschen Poesie von Klopstock’s erstem Auftreten bis zu Goethe’s Tode : Vorlesungen, gehalt. zu Bonn i. Winter 1854.
  31. Altenberend / Köhne 2008: S. 104.
  32. Ratsgymnasium Bielefeld (2008): Schulprogramm und Schulprofil. Ratsgymnasium Bielefeld. Bielefeld. S. 3. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  33. Vgl. Vogelsang 2008: 21.
  34. Raab 1958: S. 250.

Luchts Hand

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Die Göttliche Komödie, die weltberühmte Comedia des Dante Alighieri (1265 – 1321), Beginn des 24. Gesangs im zweiten Teil, dem Purgatorio. Dante und Vergil erklimmen über insgesamt sieben Terrassen den aus einem Meer herausragenden Läuterungsberg. Auf jeder Stufe treffen sie auf die Seelen Verstorbener, die der Hölle, dem trostlosen Inferno, entronnen sind und in der Hoffnung auf das Paradies ihre Sünden in Form von deren Umkehrung ins Gegenteil büßen dürfen. Auf der sechsten Terrasse begegnen die beiden Reisenden – und damit beginnt der 24. Gesang – den Seelen der Maßlosen, die in Hunger und Durst schmachten müssen.

Es wird gebüßt. Beginn purg. XXIV, Codex Altonensis fol. 79v. Bibliothek des Christianeums, Hamburg. Signatur R 7/2

Der Künstler, der um 1360 die Szene im Codex Altonensis, der Handschrift der Comedia aus der Bibliothek des Christianeums, mit Wasserfarben in feiner Lasurtechnik illustrierte, füllte die Lücke, die der Schreiber für ihn auf dem Pergamentblatt zwischen den italienischen Terzinen, den Strophen aus drei Versen, ausgespart hatte und hielt sich dabei genau an den Text: „El [=ne il] dir landar nel andar lui piu lento / facea ma ragionando andavam forte / si come nave pinta da buon vento“ (Reden und Gehen taten wechselseitig / Sich keinen Eintrag, und wir gingen eilends / Gleich wie ein Schiff von gutem Wind getrieben)  Die untere Terzine lautet: „Et lombre che parean cosa rimorte / p[er] le fosse delli occhi ammiratione / traevan me di mio vivere accorte“. (Und jene mehr als toten Schatten starrten / Verwundert aus den Höhlen ihrer Augen / Auf mich, da sie mich lebend noch gewahrten.) 1 Neben diese Verse und unter die aus den Höhlen ihrer Augen starrenden mehr als toten Schatten, nackt und in einen Schleier aus Fegefeuer gehüllt, schrieb eine Hand des 19. Jahrhunderts mit Tinte in festen kleinen Buchstaben – und mit einem Punkt hintendran – das Wort Lucht.

Direktor Lucht. Fotografie: Archiv des Christianeums, Hamburg

Professor Dr. Marx Johannes Friedrich Lucht (1804 – 1891), Träger des Roten Adlerordens 3. Klasse, war von 1853 bis 1882 Direktor des Christianeums und hält damit den Anstaltsrekord der längsten Amtszeit. Der Philosoph und Pädagoge Friedrich Paulsen (1846 – 1908), Schüler des Christianeums von 1863 bis 1868, hinterließ in seiner autobiographischen Schrift Aus meinem Leben. Jugenderinnerungen, erschienen in Jena 1909, ein recht lebendiges Bild der Erscheinung Luchts:

Er war ein Mann zwischen 50 und 60, eine hohe, schlanke, überaus biegsame Gestalt, in beständiger Bewegung; ein kräftig gebauter hoher Schädel, von weißen Haaren weniger verdeckt als umrahmt, gab ihm etwas Ehrwürdiges. Er stand bei uns im Ruf großer Gelehrsamkeit besonders im Gebiet der römischen Altertümer.

Codex Altonensis, fol. 79v (Detail)

Professor Luchts besonderes Verdienst bestand in der Pflege der Großen Bibliothek der Anstalt, deren systematische Aufstellung er ab 1854 besorgte und gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Peter Schreiner Frandsen in insgesamt 17 Bandkatalogen erfasste. In diesen Folianten ist – neben den zahlreichen Manuskripten Luchts in den Dokumenten des Christianeumsarchivs – seine überaus charakteristische Handschrift erhalten: fest, winzig und ohne durchgehenden Duktus, d.h. die Buchstaben sind einzeln gesetzt und weisen typische kleine Schnörkeleien und Häkchen auf. Hinter seine Unterschrift setzte er stets einen Punkt. Die Schrift im Codex Altonensis, in der eine vorwitzige Hand „Lucht.“ unter die starrenden Seelen malte, ist die Luchts; aber war es wirklich seine Hand?

M. J. F. Lucht war mit Leib und Seele Philologe und hatte 1878 den Codex Altonensis ausführlich im Schulprogramm, dem jährlichen Bericht des Christianeums zu Altona, beschrieben. Er wusste um den Wert dieser Handschrift und ahnte bereits ihren hohen Rang innerhalb der Überlieferung des italienischen Nationalepos. Schwer vorstellbar ist angesichts dieser Gelehrsamkeit, dass er sich auf dem jahrhundertealten Pergamentblatt 79 verewigte, warum auch? Und warum ausgerechnet unter den augenlos starrenden mehr als toten nackten Seelen?

Unterschrift von Direktor Geheimrat Dr. Lucht unter einem Schulzeugnis. Archiv des Christianeums, Hamburg

Ein Blick durch die Lupe zeigt, dass er’s nicht war. Zwar sind die Buchstaben seiner Unterschrift perfekt nachgeahmt, aber die Tinte ist nicht die Luchts und die Buchstaben sind, im Gegensatz zu Luchts kleinen, persönlichen Federzügen, zu bewusst aufgemalt. Da hatte jemand geübt. Lucht unterschrieb alle Zeugnisse und Schriftstücke mit seinem Nachnamen: Lucht. Punkt. Jeder Kollege und jeder Schüler hatte die unverwechselbare Signatur des Christianeumsdirektors irgendwann zur Hand. Wer war der freche und geübte Vandale? Ein Kollege, den in einem unbeobachteten Moment der Hafer stach bei der Betrachtung der in Fegefeuer gehüllten Buße in einer spätmittelalterlichen grandiosen Prachthandschrift? Oder gar ein Schüler, zum Studium der großen Dichtung im Original gezwungen oder verführt?

Friedrich Paulsen erinnerte sich an Luchts Gegenwart so:

Sein Unterricht büßte an Wirksamkeit durch einen gewissen Mangel an Energie ein, er hatte nicht das Vorwärtsdrängende, das die Jugend mitnimmt; schon die schleppende, mit eingeschobenen, mißtönenden Flicklauten, die sich oft zu ganzen Reihen häuften, überladene Sprache gab seinen Stunden oft etwas Schläfrig-Mattes.

Vielleicht sah sich jemand, wer immer er auch war, angesichts der nebenstehenden Verse Dantes und des mittelalterlichen Bildes an diese Gegenwart erinnert.

Abbildungen

Beitragsbild: Codex Altonensis, fol 79v  Foto: Klaus Graf (Quelle + Lizenz); +Abb. Detail. Alle anderen Abbildungen: Bibliothek und Archiv des Christianeums, Hamburg

Editorische Notiz

Der Aufsatz erschien erstmals in:  © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 66. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2011 (online auf der Homepage des Christianeums).2

Anmerkungen Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Luchts Hand," in bibliotheca.gym, 18/12/2018, https://histgymbib.hypotheses.org/6366.
  1. Übersetzungen: Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Italienisch und Deutsch. Übersetzt von Hermann Gmelin. II. Teil: Der Läuterungsberg. Stuttgart 1974, S. 283
  2. Der Aufsatz Luchts Hand in © Christianeum  (2/2011)  wurde der erste einer Reihe von Bagatellen aus dem Codex Altonensis, die ich hier im Blog bibliotheca.gym ab 2016 fortsetzte. Intention dieser Kleinigkeiten aus dem Cod.alt. ist  nicht zuletzt,  Bilder der jpg.-Version eines Terabyte schweren Digitalisats des Codex  aus dem Jahr 2013 vorzustellen, das als Sicherung eines einmaligen schriftlichen Kulturguts Europas irgendwann einmal – so steht zu hoffen – als Ganzes der interessierten Öffentlichkeit zur Anschauung bereit gestellt werden  möge.

Die Bibliothek des Bozner Franziskanergymnasiums

Gymnasialbibliotheken und -archive -

Vor gut zweieinhalb Jahren habe ich einen kleinen Artikel zur Bibliothek des Franziskanergymnasiums in Bozen verfasst, angeregt durch ein Zitat  zu dieser Sammlung .  Dort erwähnte ich in einer Fußnote, dass eine Bestandsbeschreibung im Entstehen sei, sie ist jetzt erschienen:

Angelika Pedron, Reinhard Pichler, Manfred Schmidt:
Die Bibliothek des Bozner Franziskanergymnasiums. Erschließung Historischer Bibliotheken in Südtirol (EHB), Band 12.  – Provinz Verlag, Brixen 2018.

Die Neuerscheinung wurde am vergangenen Freitag, den 14. Dezember, in Bozen vorgestellt.  Die Bibliothek mit einem Umfang von ca. 70.000 Bänden hält unter anderem zahlreiche Frühdrucke, illustrierte naturwissenschaftliche Werke und ein Exemplar der Enzyklopädie von Denis Diderot in ihrem Bestand, Werke, auf die in der Publikation besonders eingegangen wird. In der wechselvollen Geschichte des 1872 gegründeten Gymnasiums blieb die mit seinerzeit ungefähr 5000 Bänden eingerichtete sogenannte „Professorenbibliothek“ ungeteilt an ihrem Ort erhalten.1

Angelika Pedron besorgte, unter Mitwirkung von Klara Tutzer, bereits die Darstellung der Bibliotheken des Vinzentinums und Johanneums in Brixen, zweisprachig dt./ital. 2015 als Band 10 der Reihe EHB erschienen. 2

Erschließungen historischer Schulbibliotheksbestände, so nachhaltig und großzügig finanziell gesponsert wie die in Südtirol durch die Stiftung Südtiroler Sparkassen, sind mir in Deutschland in dieser Form bislang nicht bekannt geworden. Wo bleiben hierzustaate die Stiftungen, Forschungsgemeinschaften, Gönner und Mäzene für solch vorbildliches Vorhaben?

Siehe auch bei bibliotheca.gym:

Toller Fund in der Bibliothek des Franziskanergymnasiums in Bozen
Die Büchersammlungen des Vizentinums in Brixen (Rezension)
Inkunabeln in Gymnasialbibliotheken: Brixen
Gymnasialbibliotheken in Südtirol

Anmerkungen
  1. „Dolomiten“ vom 15./16. Dezember 2018, S. 16
  2. bibliotheca.gym: Die Büchersammlungen des Vinzentinums in Brixen (Rezension)

Historische Möbel abzugeben

Referat für die Kulturgüter der Orden in Österreich -

Eine Frauenkongregation in Wien gibt aus Platzgründen historisches Mobiliar aus der Gründerzeit ab:

-Aufsatzschrank

-Tisch mit 6 Sessel (mit geprägtem Lederbezug)Vitrinenschrank

-halbhoher Kasten

-Vitrinenschrank

Alle Möbel sind in einem sehr guten Zustand und für einen angemessenen Preis zu erwerben.

Kategorien: Schwarzes Brett

Rückblick auf den Kulturtag 2018

Referat für die Kulturgüter der Orden in Österreich -

Zum Kulturtag im Rahmen der Herbsttagung der Orden am 28. November 2018 fanden sich 60 interessierte Ordensleute, darunter erfreulicherweise auch zahlreiche Obere, und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein, um einen Rückblick auf das Europäische Kulturerbejahr 2018 zu werfen. Gemäß dem Motto des Ordenstages „Prophetische Präsenzen“ wurde nach der Präsenz der Orden in Europa gefragt und danach, welche Bedeutung ihre Kultur und Geschichte in der europäischen Gesellschaft heute haben.

Kategorien: TermineRückblick

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