Archiv des Schottenstifts

Ina Serif: Chronik Jakob Twingers von Königshofen

Eine eben erschienene Monographie beschäftigt sich mit der um 1400 entstandenen deutschsprachigen Chronik des Straßburger Kanonikers Jakob Twinger von Königshofen, die in über 125 Handschriften überliefert ist:

Ina Serif, Geschichte aus der Stadt. Überlieferung und Aneignungsformen der deutschen Chronik Jakob Twingers von Königshofen (Kulturtopographie des alemannischen Raums 11, Berlin–Boston 2020).

Bei einem Großteil der bekannten Textzeugen handelt es sich nicht um bloße Abschriften, sondern um Exzerpte oder fortgesetzte Bearbeitungen. Zu diesen zählt auch die Historienbibel Cod. 263 (Hübl 205) des Schottenstifts, die in Serifs Buch nicht nur behandelt wird, sondern auch mit einer Abbildung vertreten ist. Die Autorin analysiert in ihrer Studie die unterschiedlichen Aneignungsformen der Chronik sowohl in historischen, politischen bzw. sozialen Zusammenhängen als auch im kodikologischen Kontext.

Die Ephrussis am Schottengymnasium

In unmittelbarer Nachbarschaft des Schottenstifts, an der Ecke Universitätsring/Schottengasse, liegt das markante Palais Ephrussi, ein 1872/1873 vom Architekten Theophil von Hansen für den jüdischen Bankier Ignaz von Ephrussi erbautes Ringstraßenpalais. Einem breiteren Publikum bekanntgeworden ist das Schicksal der Ephrussis und ihres Palais durch die vor einigen Jahren erschienene Familiengeschichte The Hare with Amber Eyes des britischen Keramikers Edmund de Waal.1 Das Jüdische Museum Wien, dem die Familie de Waal 2018 das Familienarchiv der Ephrussis geschenkt hat, widmete sich vor kurzem mit der Ausstellung Die Ephrussis. Eine Zeitreise der wechselvollen Geschichte dieser Dynastie zwischen Russland, Österreich, Frankreich, Großbritannien, Japan und zahlreichen anderen Ländern.2 Darin wurde der wirtschaftliche und gesellschaftliche Werdegang einer europäisch-jüdischen Familie nachgezeichnet, deren Nachfahren heute durch Flucht und Vertreibung während der Zeit des Nationalsozialismus in der ganzen Welt verstreut leben. Dieser Beitrag möge als eine kleine Fußnote zu de Waals beeindruckendem Buch und der Ausstellung im Jüdischen Museum verstanden werden.

Als Söhne eines Getreidehändlers aus Odessa am Schwarzen Meer kommend, gründeten die Brüder Leon und Ignaz Ephrussi 1857 das Bankhaus Ephrussi & Co. in Wien. 1871 errichtete Leon in Paris eine Filiale der Bank, wodurch zwei Familienzweige begründet wurden, die schon bald mit den bedeutendsten und reichsten jüdischen Dynastien Europas verschwägert waren. Ignaz wurde 1871 von Kaiser Franz Josef in den erblichen Ritterstand erhoben und ließ kurz darauf an prominenter Stelle der neu angelegten Ringstraße, gegenüber von Votivkirche und Universität, sein Familienpalais erbauen. Als er 1899 verstarb, beerbte ihn sein jüngerer Sohn Viktor, der mit seiner Frau Emmy Schey von Koromla vier Kinder hatte: Elisabeth, Gisela, Ignaz (genannt Iggie) und Rudolf. 1911 nahmen Viktor und seine Kinder anstelle der russischen die österreichische Staatsbürgerschaft an. Der Erste Weltkrieg, in dem sich die Wiener Ephrussis demonstrativ österreichisch-patriotisch positionierten, hatte beträchtliche wirtschaftliche Folgen für die Familie, ihren sozialen Status konnten sie jedoch in die Zwischenkriegszeit hinein bewahren. Allerdings sah sie sich nun zusehends mit dem immer stärker werdenden Antisemitismus konfrontiert. Kurz nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 wurde das Vermögen der Familie arisiert. Viktor und Emmy gelang zwar die Ausreise, Emmy verstarb jedoch auf der Flucht in der Tschechoslowakei. Viktor lebte bis zu seinem Tod 1945 in Großbritannien bei Elisabeth und ihrem niederländischen Ehemann Hendrik de Waal. Auch die anderen Kinder hatten bereits in der Zeit davor Österreich verlassen: Gisela nach Spanien (bald darauf nach Mexiko), Ignaz und Rudolf in die USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es der Familie Ephrussi zwar mit viel Aufwand, ihre Restitutionsansprüche geltend zu machen und einen Großteil ihres Vermögens zurückzuerhalten, doch war selbst dies, wie in den meisten solchen Fällen, noch mit Hindernissen und Einschränkungen verbunden. Das Palais am Ring konnte etwa nur zu einem sehr geringen Preis verkauft werden. Dauerhaft kehrten die Ephrussis nicht mehr nach Wien zurück, die Erinnerung an sie in der Stadt verblasste für gut 65 Jahre bis zum Erscheinen von Edmund de Waals Buch.

Auch das Schottenstift hat einen kleinen Bezug zur Familie Ephrussi, der über die reine Nachbarschaft hinausgeht. So berichtet de Waal in seinem Buch an mehreren Stellen über das Schottengymnasium:

Iggie attends the Schottengymnasium. This is a very good school run by the Benedictines round the corner, one of the two best schools in Vienna, he told me. The plaque on the wall that lists famous former poets indicates this. Though the teachers are Brothers, many of the pupils are Jewish. The school lays particular stress on the Classics, but there are also mathematics, algebra, calculus, history and geography classes. Languages are studied as well. […]

Girls are not taught at the Schottengymnasium. Gisela is taught at home by her governess in the schoolroom, next to Emmy’s dressingroom. Elisabeth has negotiated with Viktor and now has a private tutor. […] Elisabeth scrupulously follows the same curriculum as the one boys her age are taught at the Schottengymnasium, and is allowed to go to the school laboratory in the afternoons and have a lesson by herself with one of the teachers. She knows that if she wants to go to the university, then she has to pass the final examination from this school. […]

On 28th June [1918] Elisabeth receives her end-of-year report from the Schottengymnasium. Seven ‘sehr gut’ for religious study, German, Latin, Greek, geography and history, philosophy and physics. One ‘gut’ for mathematics. On 2nd July she gets her matriculation certificate, stamped with the head of the old Emperor. The printed word ‘he’ is crossed out and ‘she’ has been inscribed in blue ink.

Tatsächlich war Elisabeth von Ephrussi (1899–1991) eines der allerersten Mädchen, das das Schottengymnasium absolvierte.3 Im Schuljahr 1913/14 wurde sie als Privatistin in die 4. Klasse aufgenommen. Als solche erhielt sie den Unterricht zwar zuhause von ihrem Privatlehrer, ihre Prüfungen in den einzelnen Fächern legte sie aber am Gymnasium vor den dortigen Fachprofessoren ab. Ihre Leistungen zum Schulschluss sind in den jeweiligen Hauptkatalogen des Gymnasiums vermerkt. Ihre Jahreszeugnisse weisen in allen Fächern ausschließlich Sehr gut auf, lediglich im Zeugnis der 5. Klasse erhielt sie in Latein und Griechisch, in jenem der 8. Klasse in Mathematik jeweils ein Gut.4

Hauptkatalog, Schuljahr 1917/18, 8. Klasse (28. Juni 1918).

Eine gewisse Ausnahmestellung hatte die jüdische („mosaische“) Religionslehre, für die ein externer Prüfer herangezogen wurde. In den Katalogen wird stets auf die von einem „Prof. Pollak“ ausgestellten Zeugnisse verwiesen. Hierbei dürfte es sich um Dr. Heinrich Pollak handeln, der jüdischer Religionslehrer am nahen Gymnasium Wasagasse (damals Maximilian-Gymnasium) war.

Mit dem „Schullabor“, das Elisabeth an Nachmittagen aufsuchen durfte, ist das Mathematisch-Physikalische Kabinett des Schottengymnasiums gemeint. Verwalter dieser Sammlung und zugleich Elisabeths Prüfer für Mathematik, Physik und Chemie in der 7. und 8. Klasse war P. Dr. Vinzenz Blaha.

Mathematisch-Physikalisches Kabinett des Schottengymnasiums (um 1913).

Die schriftlichen Reifeprüfungen aus Deutsch, Latein und Griechisch legte Elisabeth von 10. bis 12. Juni 1918 ab, am 2. Juli folgten die mündlichen Prüfungen aus Deutsch, Latein, Vaterlandskunde und Mathematik. Humor schien dabei P. Peter Mang mit seiner Aufgabenstellung aus Deutsch zu beweisen: Elisabeth musste über den Beginn des 5. Akts von Goethes Egmont (Klärchen und die Bürger von Brüssel) sowie allgemein über die Frauengestalten in Goethes Dichtungen sprechen. Die Matura bestand sie mit Auszeichnung.5

Hauptprotokoll über die Reifeprüfungen, Schuljahr 1917/18 (2. Juli 1918).

Der Jahresbericht des Schottengymnasiums gibt als Berufswahl Elisabeths lediglich die Volkswirtschaft an.6 In Wirklichkeit studierte sie ab 1919 Philosophie, Rechtswissenschaften und Wirtschaft an der Universität Wien, wo sie 1923 zum Doktor des Rechts promoviert wurde. Nach einem Studienaufenthalt in New York lebte und arbeitete sie zunächst in Paris, dann in der Schweiz und schließlich in Großbritannien.

Iggie attends the Schottengymnasium reluctantly. You can run there in three minutes, though I haven’t tried this with a satchel. […] Iggie comes home each day with homework. He detests it. He is poor at algebra and calculus and hates mathematics. Seventy years on, he could give me the names of each Brother and what they tried unsuccessfully to teach him.

Auch Ignaz Leo von Ephrussi (1906–1994) begann seine Laufbahn am Schottengymnasium als Privatist, die ersten beiden Schuljahre 1917/18 und 1918/19 schloß er mit Vorzug ab. Seine Leistungen nahmen jedoch deutlich ab, als er ab dem Schuljahr 1919/20 öffentlicher (regulärer) Schüler war. Das Jahreszeugnis der 3. Klasse weist bereits vier Genügend aus, im Schuljahr 1920/21 kamen ein Genügend sowie ein Nicht genügend in Naturgeschichte, Physik und Chemie hinzu; letzteres konnte Ignaz noch durch eine Wiederholungsprüfung im Herbst zu einem Genügend ausbessern. Das folgende Schuljahr 1921/22 schloß er jedoch mit Nicht genügend in Deutsch, Griechisch, Geschichte und Geographie sowie im Freigegenstand Stenographie ab – er musste die 5. Klasse wiederholen. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte Ignaz lediglich in Religion, über die er wie schon seine Schwester Elisabeth extern von Heinrich Pollak geprüft wurde, stets ein Sehr gut vorweisen; in den beiden Folgejahren sollte es jeweils nur noch zu einem Gut reichen. In den Schuljahren 1920/21 und 1921/22 war Ignaz vom Turnunterricht befreit.7

Die Situation änderte sich nur wenig bei der Wiederholung der 5. Klasse im Schuljahr 1922/23. In fast allen Fächern wurde Ignaz mit Genügend benotet, ebenso in der 6. Klasse 1923/24. Ein Nicht genügend in Mathematik in der 7. Klasse 1924/25 machte erneut eine Wiederholungsprüfung im Herbst erforderlich. Auch in der 8. Klasse 1925/26 schloß er alle Fächer mit Ausnahme von Religion und Turnen nur mit Genügend ab. Sein Betragen wurde über die Jahre hinweg wiederholt lediglich als Entsprechend beurteilt. Zahlreiche Eintragungen der Lehrer über Ignaz in den Klassenkatalogen betreffen sein Schwätzen während des Unterrichts, oft ergänzt durch einen Hinweis auf eine vorausgegangene Ermahnung. Andere Vermerke lauten etwa „unruhig“, „träg“ und „faul“.8

There is a class photograph from 1914, third form: thirty boys in grey-flannel suits with ties, or sailor suits, leaning on their desks. Two windows are open onto the five-storey central courtyard. There is one idiot pulling faces. The teacher is implacable at the back in his monastic robes. On the reverse of the photograph are all their signatures – all the Georgs, Fritzs, Ottos, Maxs, Oskars and Ernsts. Iggie has signed in a beautiful italic hand: Ignace v. Ephrussi.

On the back wall is a blackboard scrawled over with geometry proofs. Today they have been studying how to work out the surface area of a cone.

Auch wenn die Datierung dieser Photographie schon allein aufgrund der Eckdaten von Ingaz’ Schulbesuch nicht stimmen kann, so ist doch nachvollziehbar, welches Bild de Waal hier meint. Es handelt sich um ein Klassenphoto der 5. Klasse des Schuljahrs 1922/23, also jener Klassengemeinschaft, in die Ignaz eben neu hinzugestoßen war und die ihn bis zu seiner Matura begleiten sollte.

5. Klasse des Schottengymnasiums, Schuljahr 1922/23 (Ignaz Ephrussi hinten stehend, dritter von rechts (?)).

In der Mitte steht der Mathematiklehrer und Klassenvorstand P. Dr. Vinzenz Blaha, der schon Elisabeth bei ihren nachmittäglichen Besuchen im Mathematisch-Physikalischen Kabinett betreut hatte. Blaha war 1932 bis 1938 Direktor des Schottengymnasiums, nach dessen Auflösung durch die Nationalsozialisten wurde er Pfarrer von Gumpendorf. Während des Zweiten Weltkriegs verbrachte er aufgrund politischer Aussagen einige Monate im Gefängnis.

Seit 1924 war für die Reifeprüfung auch eine schriftliche Hausarbeit, vergleichbar der späteren Fachbereichsarbeit und heutigen Vorwissenschaftlichen Arbeit, abzufassen. Ignaz widmete sich für das Fach Deutsch dem Thema „[Heinrich] Laube als Theaterdirektor in Wien“; die Hausarbeit wurde von seinem Deutschlehrer P. Meinrad Sadil mit Gut benotet. Die schriftlichen Reifeprüfungen, die er von 14. bis 17. Juni 1926 ablegte, waren weniger erfolgreich: Auf die Prüfungen aus Deutsch, Griechisch und Mathematik erhielt er jeweils ein Genügend, auf jene aus Latein gar ein Nicht genügend. So kam am 6. Juli zu den beiden regulär gewählten mündlichen Prüfungen aus Deutsch und Geographie noch eine weitere Prüfung aus Latein hinzu. Aus Deutsch musste er über den achten Gesang von Goethes Epos Hermann und Dorothea sowie allgemein über die literarische Gattung des Idylls sprechen, aus Geographie über die Gliederung der Zentralalpen in Österreich sowie die Hochländer der Erde.9

Hauptprotokoll über den Jahresabschluss der 8. Klasse und die Reifeprüfungen, Schuljahr 1925/26 (6. Juli 1926).

Iggie graduated from the Schottengymnasium […]. I have his graduation photograph and can’t find him at first, until I suddenly recognise a rather portly young man in the back row in a double-breasted suit. He looks like a stockbroker. Bow-tie and handkerchief, a young man practising how to stand properly, how to look convincing. Do you, for instance, stand with one hand in your pocket? Or are two hands in pockets better? Or even, this is most endearing, one hand inside the waistcoat, a clubman pose.

Maturaklasse 1926 (Ignaz Ephrussi in der letzten Reihe, fünfter von links).

De Waals Beschreibung des Maturaphotos ist wohl mit einer Portion dichterischer Freiheit zu sehen (oder vermischt er hier zwei unterschiedliche Photographien?), weicht sie doch ein wenig von den tatsächlichen Gegebenheiten ab. Ignaz ist darauf anders gekleidet (heller Dreiteiler, Krawatte), aber doch aufgrund seiner Statur leicht in der letzten Reihe zu identifizieren (fünfter von links). In der ersten Reihe sitzen der Direktor und die Lehrer der Klasse: Direktor P. Dr. Albert Hübl (fünfter von rechts), zu seiner Linken sein baldiger Nachfolger Blaha, zu seiner Rechten P. Dr. Leopold Eigl, welcher für das letzte Schuljahr das Amt des Klassenvorstands übernommen hatte.

Das Photo ist für die Geschichte des Schottengymasiums von besonderer Bedeutung, denn es zeigt auch die beiden ersten Mädchen, die hier als öffentliche Schülerinnen maturierten: Hermine Dvořák, Tochter des Kunsthistorikers Max Dvořák, und Charlotte Schaukal, Tochter des Dichters Richard Schaukal. In einer kurzen Phase der 1920er-Jahre, in den Schuljahren 1921/22 bis 1926/27, gab es an der eigentlich reinen Knabenschule nicht nur Privatistinnen, die ihre Prüfungen am Schottengymnasium ablegten, sondern auch einige wenige öffentliche Schülerinnen, die ganz regulär gemeinsam mit den Buben den Unterricht besuchten. Dvořák (?) ist auch auf dem Klassenphoto aus 1922/23 zu sehen (vorne links).

Rückseite des Maturaphotos 1926 mit Unterschriften der Maturanten.

Unter den Klassenkollegen Ignaz’ waren auch der Historiker Erwin M. Auer (1968–1972 Erster Direktor des Kunsthistorischen Museums Wien) und der Botaniker Karl Heinz Rechinger (1963–1971 Erster Direktor des Naturhistorischen Museums Wien).

Nach der Matura studierte Ignaz und arbeitete unter anderem in Frankfurt und Paris als Bankier, übersiedelte bald aber in die USA und wurde dort, zunächst in New York, dann in Los Angeles, Modedesigner. Er erhielt die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und leistete im Zweiten Weltkrieg Militärdienst in Europa. Nach Kriegsende lebte und arbeitete er (nach einem kurzen Aufenthalt im Kongo) bis an sein Lebensende in Japan in der Agrarwirtschaft und im Bankwesen. 1965 nahm Ignaz anstelle der US-amerikanischen erneut die österreichische Staatsbürgerschaft an.

Über Rudolf Ephrussis (1918–1971) Schullaufbahn weiß de Waal in seinem Buch nichts zu berichten, doch auch er besuchte das Schottengymnasium. Wie sein Bruder war er in seinem ersten Schuljahr 1928/29 Privatist, bereits ab dem folgenden Schuljahr 1929/30 wurde er jedoch öffentlicher Schüler. Seine schulischen Leistungen waren ähnlich jenen seines Bruders. Lediglich in Religion, aus der er seine Prüfungen zuerst noch wie seine Geschwister bei Heinrich Pollak, später aber bei Dr. Heinrich Redisch ablegte, erhielt er stets ein Sehr gut. Schon die Zeugnisse der 1. und 2. Klasse weisen jeweils drei Genügend aus. Im Schuljahr 1930/31 hatte Rudolf sein erstes Nicht genügend in Latein. Auf fünf Genügend im Schuljahr 1931/32 folgten in der 5. Klasse sieben Genügend und ein Nicht Genügend in Griechisch – wobei sein Betragen in diesem Schuljahr als Sehr gut benotet wurde (und auch davor im Gegensatz zu jenem seines Bruders nie schlechter als Gut war). Allerdings sind in diesem Schuljahr ganze 242 entschuldigte Fehlstunden vermerkt, was der Gesamtstundenzahl von fast acht Schulwochen entspricht und möglicherweise auf gesundheitliche Einschränkungen hindeuten könnte.10

Jedenfalls machte das Nicht Genügend in Griechisch eine Wiederholungsprüfung im Herbst erforderlich. Rudolf bestand diese Prüfung zwar, verließ das Schottengymnasium aber trotzdem nach der 5. Klasse. Wo er die 6. und 7. Klasse absolvierte, konnte für diesen Beitrag nicht recherchiert werden. Erst im Schuljahr 1936/37 kehrte er nach Ablegung einer Aufnahmeprüfung für die 8. Klasse als Privatist zurück, um hier zu maturieren. Es ist dies ein Jahr später als zu vermuten wäre, offenbar hatte er also zuvor eine Klasse wiederholen müssen.

Besser wurden seine schulischen Leistungen jedoch nicht: In der 8. Klasse 1925/26 schloß er alle Fächer mit Ausnahme von Religion mit Genügend ab, Latein mit Nicht Genügend. Auf die schriftlichen Reifeprüfungen, die er von 10. bis 14. Mai 1937 ablegte, erhielt er aus Mathematik ein Gut, aus Deutsch und Griechisch jeweils ein Genügend, aus Latein ein Nicht genügend. Die mündlichen Prüfungen folgten am 31. Mai, als Fächer hatte Rudolf Latein, Mathematik und Philosophie gewählt. Aus letzterer hatte er über die logischen Kategorien sowie Affekt und Leidenschaft zu sprechen. In Latein war er auch bei diesem Anlauf nicht erfolgreich; er musste die Prüfung am 22. September 1937 wiederholen.11

Hauptprotokoll über den Jahresabschluss der 8. Klasse und die Reifeprüfungen, Schuljahr 1936/37 (22. September 1937).

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 gelang Rudolf nach einer kurzen Inhaftierung die Flucht und Emigration in die USA. Wie sein Bruder Ignaz leistete er im Zweiten Weltkrieg Militärdienst in Europa. Nach dem Krieg studierte er in New York und arbeitete bis zu seinem frühen Tod für einen Chemiekonzern.

Jüdische Schüler am Schottengymnasium

Obwohl das Schottengymnasium eine katholische Ordensschule ist, wurde es bereits ab 1817 auch von jüdischen Schülern besucht, wenn auch in der Regel in geringer Zahl. Im dritten Drittel des 19. Jahrhunderts kam es zu einem leichten Anstieg, Juden machten fortan meist zwischen 5 und 10 Prozent der Gesamtschülerzahl aus. Die Zahl der jüdischen überragte dabei stets jene der evangelischen Schüler, häufig gleich um ein Mehrfaches. Besonders starke Jahre stellten die 1870er dar, den absoluten Höchststand gab es im Schuljahr 1877/78, als 73 von 472 Schülern Juden waren (15,5 %).12 Als Elisabeth von Ephrussi 1918 maturierte, waren immerhin noch 25 von 396 Schülern des Schottengymnasiums jüdischen Glaubens (6,3 %). In der Zwischenkriegszeit erfolgte jedoch eine zunehmende Verengung zu einer rein katholischen Schule. Im Schuljahr 1925/26, in dem Ignaz Ephrussi maturierte, waren es nur mehr 10 von 392 Schülern (2,6 %). 1936/37 war Rudolf Ephrussi nicht nur der einzige jüdische Schüler dieses Schuljahrs, sondern auch der letzte des Schottengymnasiums vor der Schließung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938.13

In seiner Klasse war Ignaz Ephrussi einer von drei jüdischen Schülern, darüber hinaus waren aber, was sich nicht in der offiziellen Statistik niederschlägt, noch weitere Schüler jüdischer Herkunft. Drei dieser Mitschüler emigrierten 1938 in die USA: der Chemiker Hans (John) Pollak; der Mediziner Christopher Tietze, Sohn des Kunsthistorikerpaares Hans Tietze und Erica Tietze-Conrat, der später Bekanntheit als Experte für Schwangerschafts- und Geburtsmedizin erlangen sollte; sowie der Unternehmer Kurt Lichtenstern, der seinen Namen zu Conrad H. Lester änderte, nach dem Krieg in Etappen nach Österreich zurückkehrte und hier mit der familieneigenen Porzellanfabrik unter anderem das bekannte Lilienporzellan erzeugte. Der Diplomat Max Löwenthal-Chlumecky, der jüdische Wurzeln hatte, blieb in Österreich und wurde von den Nationalsozialisten lediglich in den Ruhestand versetzt. Der Pilot Otto Mendl, Sohn bzw. Neffe der Gründer der Ankerbrotfabrik, überlebte den Holocaust hingegen nicht. Er wurde deportiert und starb unter nicht näher geklärten Umständen im Jahr 1942.

In der Klasse waren aber auch aktive illegale Nationalsozialisten, etwa der Schauspieler Erik Frey, der seine Theaterkarriere auch nach dem Krieg ohne große Einschränkungen fortsetzen konnte, sowie die Publizisten Roman Hädelmayr-Kühn und Adalbert Spann, letzterer Sohn des Nationalökonomen und Theoretikers des Ständestaates Othmar Spann, die sich später beide jedoch vom Nationalsozialismus abwandten und einer Widerstandsgruppe angehörten.14

Bemerkenswert erscheint, dass auch jene ehemaligen Schüler, die nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin in der Emigration lebten, trotzdem ihre Verbundenheit zu ihrer einstigen Schule durch den Beitritt zu den Alt-Schotten, der 1947 gegründeten Absolventenvereinigung des Schottengymnasium, zum Ausdruck brachten.15 Nicht so jedoch die Ephrussis. Möglicherweise waren die nach dem Krieg im Kontakt mit dem offiziellen und inoffiziellen Österreich erlittenen Enttäuschungen zu groß gewesen. Ignaz Ephrussi wurde 1965 zwar erneut österreichischer Staatsbürger, über eine Begegnung mit einstigen Lehrern oder Kommilitonen ist jedoch nichts überliefert. Mit der Matura Rudolf Ephrussis im Jahr 1937 endete die Beziehung der Familie zum Schottengymnasium und damit auch zum Schottenstift.

  1. Edmund de Waal, The Hare with Amber Eyes. A Hidden Inheritance (London 2010, sowie zugleich New York 2010); deutsch: Der Hase mit den Bernsteinaugen. Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi (Wien 2011).
  2. 6. November 2019 bis 13. April 2020 (ab 12. März 2020 aufgrund der Covid-19-Pandemie geschlossen). Katalog: Gabriele Kohlbauer-Fritz–Tom Juncker (Hg.), Die Ephrussis. Eine Zeitreise (Wien 2019). Die nicht-schulischen Daten zu den Ephrussis in diesem Beitrag sind einerseits de Waals Buch, andererseits den einzelnen Aufsätzen des Ausstellungskatalogs entnommen. Zur Geschichte des Schottengymnasiums: Albert Hübl, Geschichte des Unterrichtes im Stifte Schotten in Wien (Wien 1907); Johannes Jung–Gerhard Schlass–Friedrich Wally–Edgar Weiland, Das Schotten­gymnasium in Wien. Tradition und Verpflichtung (Wien–Köln–Weimar 1997).
  3. Zeitgleich mit ihr maturierten als erste Mädchen auch Irmingard Friedwagner, Tochter des Romanisten Matthias Friedwagner, und Marianne Paschkis, Tochter des Direktors der Bukowinaer Bodencreditanstalt Moritz Paschkis.
  4. Gymnasialarchiv Schottengymnasium (=GymA), Hauptkataloge, Schuljahre 1913/14, 4. Kl.; 1914/15, 5. Kl.; 1915/16, 6. Kl.; 1916/17, 7. Kl.; 1917/18, 8. Kl.
  5. GymA, Hauptprotokoll über die Reifeprüfungen, Schuljahr 1917/18.
  6. Jahresbericht des Schottengymnasiums in Wien, Schuljahr 1918/19 (Wien 1919) 59. Die Liste der Maturanten eines Schuljahres findet sich zu dieser Zeit stets im Jahresbericht des Folgejahres.
  7. GymA, Hauptkataloge, Schuljahre 1917/18, 1. Kl.; 1918/19, 2. Kl.; 1919/20, 3. Kl.; 1920/21, 4. Kl.; 1921/22, 5. Kl.
  8. GymA, Klassenkataloge, Schuljahre 1920/21, 4. Kl.; 1921/22, 5. Kl.; Hauptkataloge und Klassenkataloge, Schuljahre 1922/23, 5. Kl.; 1923/24, 6. Kl.; 1924/25, 7. Kl.; Haupt- und Klassenkatalog, Schuljahr 1925/26, 8. Kl.
  9. GymA, Hauptprotokoll über den Jahresabschluss der 8. Klasse und die Reifeprüfungen, Schuljahr 1925/26.
  10. GymA, Haupt- und Klassenkataloge, Schuljahre 1928/29, 1. Kl.; 1929/30, 2. Kl.; 1930/31, 3. Kl.; 1931/32, 4. Kl.; 1932/33, 5. Kl.
  11. GymA, Hauptprotokoll über den Jahresabschluss der 8. Klasse und die Reifeprüfungen, Schuljahr 1936/37.
  12. Die hier angegebenen Zahlen fassen stets die öffentlichen Schüler und die Privatisten zusammen. Vgl. hierzu die Tabelle bei Hübl, Geschichte des Unterrichtes 271, sowie die Tabellen in den Jahresberichten des Schottengymnasiums.
  13. Der letzte jüdische öffentliche Schüler, Peter Fleischmann, hatte ein Jahr zuvor 1936 maturiert.
  14. Reinhard Müller, Othmar Spann und der »Spannkreis« (2015), http://agso.uni-graz.at/spannkreis [Zugriff: 16.04.2020].
  15. Mitgliederverzeichnisse der Alt-Schotten aus den Jahren 1949, 1951, 1958, 1965, 1971, 1976 und 1982.

Bestandsbeschreibung der Matrikenbücher

Auf den Bestand der Matrikenbücher der Schottenpfarre, der aus klimatischen Gründen sowie zur sicheren Verwahrung als Depositum im Stiftsarchiv aufgestellt ist, wurde an dieser Stelle bereits mehrmals eingegangen. Neben den Matriken der Schottenpfarre selbst enthält dieser Bestand auch Bücher anderer Institutionen, die sich im einstigen Pfarrgebiet befanden, aber als Hauspfarren über eine eigene Matrikenführung verfügten: des Großarmenhauses, des Krankenhauses Bäckenhäusel mit der Kapelle St. Rosalia, des Spitals (Gebärhauses) in der Rossau sowie von Maria am Gestade mit dem Passauer Hof.

Nun wurde vom Stiftsarchiv eine neue Beschreibung des Bestands Matriken des Pfarrarchivs Unsere Liebe Frau zu den Schotten (Depositum) verfasst, die nicht nur ausführlicher auf die Verwaltungs- und Bestandsgeschichte sowie die Ordnung der einzelnen Teilbestände eingeht, sondern auch sämtliche vorhandenen Bände auflistet – also auch solche, die nicht über Matricula einsehbar sind. Die Beschreibung, in der die digitalisierten Bände auch direkt mit ihren Digitalisaten auf Matricula verlinkt sind, kann von der Webseite des Archivs heruntergeladen werden.

Erstnennung der Wiener Stephanskirche

Der Ursprungsbau des Wiener Stephansdoms entstand bereits Mitte des 12. Jahrhunderts, in Schriftquellen finden sich aber lange Zeit keine oder nur indirekte Hinweise auf dieses neue Kirchengebäude.1 Die älteste dezidierte Nennung der Kirche mit ihrem Stephanus-Patrozinium datiert vom 30. März 1220 und findet sich in einer Urkunde des Schottenstifts.

Urk 1220-03-30

Der österreichische Herzog Leopold VI. beurkundet darin eine Schenkung des Grafen Konrad von Hardegg von Weingärten und Äckern zu Pulkau an das Schottenkloster. Ausstellungsort der Urkunde ist dabei die Wiener Stephanskirche (Actum publice in ecclesia sancti Stephani Wienne).

Urk 1220-03-30 (Ausschnitt)

Zwar mag der Stephansdom also um einiges älter sein, namentlich ist er aber im heurigen Jahr 2020 genau seit 800 Jahren belegt!

Die Urkunde kann derzeit bis Ende Juni 2020 im Museum im Schottenstift besichtigt werden. Der Zugang erfolgt über den Klosterladen (Freyung 6, 1010 Wien).

  1. Zuletzt zu diesem Thema: Ferdinand Opll, Die Wiener Stephanskirche vor ihrer Erstnennung, in: Studien zur Wiener Geschichte. Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 75 (2019) 153–179.

Digitalisat von Terenz-Handschrift online

Seit kurzem ist eine weitere Handschriften des Schottenstifts online im Webportal „Manuscripta.at – Mittelalterliche Handschriften in Österreich“ als Volldigitalisat frei einsehbar: Cod. 212 (Hübl 218) wurde Mitte des 15. Jahrhunderts in Wien geschrieben und enthält die Komödien des antiken römischen Dichters Publius Terentius Afer.

Die Digitalisate scheinen bereits vor 15 Jahren angefertigt worden zu sein, wurden jedoch erst jetzt auf einer CD-ROM wiederentdeckt und an das Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zur Online-Stellung weitergegeben!

Acht Volldigitalisate von Handschriften des Schottenstifts finden sich bereits seit 2017 auf Manuscripta.at, weitere Digitalisierungen sind nach Maßgabe der Möglichkeiten des Archivs geplant.

Zwei Autographe Ludwig van Beethovens

Im heurigen Jahr wird allerorts des 250. Geburtstages des Komponisten Ludwig van Beethoven (1770–1827) gedacht. Dem kann sich auch das Schottenstift nicht entziehen!

Im Archiv des Schottenstifts finden sich im Nachlass von P. Andreas Oberleitner (1789–1832), Mönch des Schottenstifts und Universitätsprofessor für orientalische Sprachen, zwei eigenhändige Schriftstücke Beethovens, ein Brief und ein Notenblatt. Diese sind derzeit im Rahmen einer Sonderpräsentation im Museum im Schottenstift zu sehen. Oberleitner erhielt die beiden Stücke auf eigenes Bitten hin von Beethovens Sekretär und späterem Biographen Anton Schindler (1795–1864).

Scr. 165/166 Nr. 18 m)
Brief Anton Schindlers an P. Andreas Oberleitner (6. Juli 1830, Ausschnitt).

Der autographe Brief Beethovens vom 22. Mai 1823 steht im Zusammenhang mit dem sogenannten „Neffenkonflikt“ Ludwigs mit seinem Neffen Karl van Beethoven (1806–1858; mehr dazu auf Wikipedia). Schindler geht in seinem Brief an Oberleitner oberflächlich auf die Umstände ein.

Scr. 165/166 Nr. 18 n)
Brief Ludwig van Beethovens an Karl van Beethoven (22. Mai 1823).

Das autographe Notenblatt scheint Schindler Oberleitner erst zu einem späteren Zeitpunkt zugesandt zu haben. Es enthält aber ebenfalls einen Vermerk Schindlers.

Scr. 165/166 Nr. 18 o)
Autographes Notenblatt Ludwig van Beethovens (undatiert).

Hinweise, um welches Stück es sich hierbei handelt, werden gerne entgegengenommen.

Die Sonderpräsentation kann von 27. Februar bis 26. September 2020 im Museum im Schottenstift besichtigt werden. Der Zugang erfolgt über den Klosterladen (Freyung 6, 1010 Wien).