Gymnasialbibliotheken und -archive

Romantik in der Schulbibliothek I – Novalis zum 250. Geburtstag (2. Mai 1772)

„Wenige Bücher haben auf die Deutsche Welt einen so bestimmten Einfluss geübt, als die Schriften meines verstorbenen Freundes.“

Ludwig Tiecks Worte1 zeugen vom beträchtlichen Einfluss, den der am 2. Mai 1772, heute vor 250 Jahren, als Georg Philipp Friedrich von Hardenberg auf Schloss Oberwiederstedt geborene Novalis in seiner kurzen Schaffenszeit auf andere Schriftsteller, Maler und Komponisten ausgeübt hat.2

Während der vorliegende Beitrag zwar nicht auf Novalis’ Leben und Werk eingehen oder seine Wirkungsgeschichte nachzeichnen kann, richtet sich der Fokus auf den Bestand seiner Schriften in der historischen Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld.

Beim ersten Blick in den Zettelkatalog der heute über 25.000 Bände zählenden Schulbibliothek wird man indes jäh enttäuscht. Darin findet sich allein eine dreibändige, durch Friedrich Schlegel, Ludwig Tieck und Eduard von Bülow herausgegebene Werkausgabe der Jahre 1837 und 1846, aus der auch Tiecks einleitenden Worte und Friedrich Eduard Eichens‘ berühmter Stich des Beitragsbildes entnommen sind.3 Wie erklärt sich diese Beobachtung vor dem Hintergrund der Bestandsentwicklung der Lehrerbibliothek? Welche Rückschlüsse lässt das wiederum auf die Bibliotheks- und Bildungsgeschichte des 19. Jahrhunderts zu?

Die im Zuge der Aufklärung 1753 durch den damaligen Rektor Gotthilf August Hoffmann gegründete Schulbibliothek4 zählte bis zum Jahr 1815, als Frankreich und Napoleon gerade besiegt, die zu Preußen gehörige Provinz Westfalen gegründet und August Krönig zum Direktor des Bielefelder Gymnasium ernannt worden waren, weniger als 440, weithin unbedeutende Bände. Dass anschließend infolge der Auflösung des örtlichen Franziskanerklosters im Jahre 1829 mit der Integration zahlreicher Bücher aus der Klosterbibliothek überwiegend theologische Werke, darunter auch die sieben Handschriften und zahlreiche Inkunabeln, in die Schule gelangt sind, liegt auf der Hand.5

Parallel zu dem von Krönig forcierten Ausbau der Schule zu einem neuhumanistischen Gymnasium im Sinne Wilhelm von Humboldts und Johann Wilhelm Süverns ließen die preußischen Behörden der Einrichtung zahlreiche altphilologische Werke zukommen. Den dritten Schwerpunkt neben Religion und Altphilologie bildeten in Zeiten der repressiven Politik der Restauration historische Werke, insbesondere diejenigen, welche die politischen und militärischen Erfolge der Hohenzollern betonen und damit sowohl deren dynastische und staatliche Legitimität als auch die Obrigkeitstreue und politische Integrität der Lehrkräfte sicherstellen sollten.6

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den jährlichen eigenen Buchanschaffungen aus Zinsen oder zusätzlichen Geldern seitens der Stadt. 41 der 72 nach 1815 angeschafften Titel sind den alten Sprachen und der Geschichte zuzurechnen. Werke der deutschen Literatur finden sich bloß in wenigen Ausnahmen wie in Textausgaben des Nibelungenliedes.7

Schließlich orientierten sich auch private Buchstiftungen zumeist an klassischen Bildungsvorstellungen mit Werken der Altertumswissenschaften und der Geschichte. „Insbesondere die gebildeten und besitzenden Bielefelder zeigten so bis Anfang des 20. Jahrhunderts die enge Verbundenheit mit ,ihrem‘ Gymnasium und seinem Bildungsauftrag.“8

Das alles erklärt die Dominanz zunächst der altsprachlichen Literatur, die im Jahr 1842 unter den fast 2.000 Bänden der Schulbibliothek mehr als 40 Prozent ausmachte, gefolgt von der Geschichte mit mehr als einem Viertel.9

Wie aber sind die drei kleinen Bände mit Novalis‘ Schriften in die Bibliothek gelangt? Unter den fortlaufenden Nummern 5240 und 5241 zählen sie zum Erbe der ca. 7.000 Bände umfassenden Privatbibliothek des Bonner Historikers Johann Wilhelm Loebell, der als kinderloser Gelehrter nach seinem Tod im Jahre 1863 seine Büchersammlung der Schule vermacht hat.10 Für Loebell bedeutete humanistische Bildung eben nicht allein Kenntnis der alten Sprachen und Geschichte, sondern auch die der jeweiligen Nationalliteraturen.11

Man darf daher zusammengefasst festhalten, dass auf der einen Seite Novalis zu Loebells festem Bildungskanon zählte, während auf der anderen Seite die Lehrerbibliothek des humanistischen Gymnasiums aus Gründen des Schulprofils und der historisch-politischen Rahmenbedingungen bis zur Erbschaft seiner Privatbibliothek schlichtweg über keine geschlossene Literatursammlung verfügte. Mit Blick auf die hier exemplarisch untersuchten Werke von Novalis gab es also bis 1863 keine Romantik in der Schulbibliothek.

Trifft diese etwas überraschende Beobachtung auch auf alle anderen Autoren und Werke der Romantik zu, von Novalis‘ Freunden Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck bis hin zu Heinrich Heine? Ein Blick in den Bücherbestand der Schulbibliothek an deren runden Geburtstagen wird es jeweils zeigen…12

Beitragsbild
Frontispiz aus Novalis. Schriften. Hrsg. von Ludwig Tieck und Ed. v. Bülow. Dritter Theil. Berlin 1846 (Bielefeld Gy/ Loebellsche Bibliothek, Nr. 5241).

Anmerkungen
Diesen Artikel zitieren: Benjamin Magofsky, “Romantik in der Schulbibliothek I – Novalis zum 250. Geburtstag (2. Mai 1772)”, in bibliotheca.gym, 02/05/2022, https://histgymbib.hypotheses.org/?p=12886.

  1. Tieck, L. (1846): Vorrede. In: Novalis. Schriften. Hrsg. von Ludwig Tieck und Ed. v. Bülow. Dritter Theil. Berlin 1846. S. I-VI, hier S. I (Bielefeld Gy/ Loebellsche Bibliothek, Nr. 5241).
  2. Dabei war seine Wirkungsgeschichte stets „von Mißverständnissen geprägt“ (Saul, N. (1990): Novalis. In: Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Hrsg. von W. Killy. Band 8. München. S. 471-476, hier S. 476) und reichte von seinen glühenden Anhängern hin zu vehementen Kritikern (vgl. zur Novalis-Rezeption Uerlings, H. [Hrsg.] [2000]: Blüthenstaub. Rezeption und Wirkung des Werkes von Novalis. Tübingen).
  3. Novalis Schriften. Hrsg. von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel. 5. Aufl. Erster Teil. Berlin 1837, und Novalis Schriften. Hrsg. von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel. 5. Aufl. Zweiter Teil. Berlin 1837 (Bielefeld Gy/ Loebellsche Bibliothek, Nr. 5240) sowie Novalis. Schriften. Hrsg. von Ludwig Tieck und Ed. v. Bülow. Dritter Theil. Berlin 1846 (Bielefeld Gy/ Loebellsche Bibliothek, Nr. 5241). Hinzu kommen Abdrucke von Novalis‘ Schriften in der durch die Gebrüder Schlegel herausgegebenen Zeitschrift Athenaeum (Athenaeum. Eine Zeitschrift. Von August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel. Berlin 1798-1800 (Bielefeld Gy/ Loebellsche Bibliothek, Nr. 5219-21) (vgl. dazu den am 10. Juni 2022 hier im Blog erscheinenden Beitrag Romantik in der Schulbibliothek II – Friedrich Schlegel zum 250. Geburtstag (10. März 1772).
  4. Vgl. zur Schulgründung durch Hoffmann Magofsky, B. (2020): Das Zeitalter der Aufklärung – auch am Bielefelder Gymnasium? Gotthilf August Hoffmann und die Gründung der Bibliothek im heutigen Ratsgymnasium Bielefeld. In: bibliotheca.gym, 31.12.2020. Online unter: https://histgymbib.hypotheses.org/10729.
  5. Vgl. zur Franziskanerbibliothek Altenberend, J. (2011): Die Bibliothek des Franziskanerklosters Sankt Jodokus in Bielefeld. In: Altenberend, J. / J. Holtkotte (Hrsg.) (2011): St. Jodokus 1511–2011. Beiträge zur Geschichte des Franziskanerklosters und der Pfarrgemeinde St. Jodokus Bielefeld. Bielefeld. S. 89-106, sowie zu den in die Gymnasialbibliothek integrierten Büchern Magofsky, B. (2020): Der heilige Hieronymus im Gemäuer. Religiöse Handschriften, Inkunabeln und Bücher aus dem Bielefelder Franziskanerkloster in der Schulbibliothek des Ratsgymnasiums. In: Zeitarbeit. Aus- und Weiterbildungszeitschrift für die Geschichtswissenschaften 2/2020. S. 44-64. Online unter: https://majournals.bib.uni-mannheim.de/zeitarbeit/article/view/147/104; vgl. darunter zu den Handschriften Raab, K. (1958): Mittelalterliche Handschriften in der Bielefelder Gymnasialbibliothek. In: [o. Hrsg.]: Festschrift zum 400-jährigen Jubiläum des Staatlich-Städtischen Gymnasiums zu Bielefeld. Vom 24.-27. Juli 1958. Bielefeld. S. 237-250.
  6. Vgl. zu Ausbau und Bestandsentwicklung der Bibliothek unter Direktor August Krönig (1815-1838) Flachmann, H. (1988): Die Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums zu Bielefeld während der Zeit der preußischen Provinzialverwaltung (1815-1945) – unter besonderer Berücksichtigung des Bestandes. Hausarbeit zur Prüfung für den höheren Bibliotheksdient. Köln (unveröffentlicht). S. 5-20, sowie zum Bücherbestand 1815-1863 ebd., S. 55; vgl. gekürzt Flachmann, H. (1991): Zur Geschichte der Bibliothek des Bielefelder Ratsgymnasiums von ihrer Gründung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. In: Ravensberger Blätter 1991. Heft 2. S. 3-16, hier S. 12 und 15.
  7. Vgl. Altenberend, J. / R. Köhne (2008): Die Bibliothek des Ratsgymnasiums. In: Altenberend, J. / W. Schröder (Hrsg.) (2008): Schule mit Geschichte. Schule mit der Zeit. Festschrift zum 450-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasiums. Bielefeld. Bielefeld. S. 93-106, hier S. 94-96. Vgl. exemplarisch Der Nibelungen Lied, zum erstenmal in der ältesten Gestalt aus der St. Galler Handschrift mit Vergleichung der übrigen Handschriften herausgegeben durch Friedrich Heinrich von der Hagen. 2. Auflage. Breslau 1816 (Bielefeld Gy, K 146).
  8. Flachmann 1991: 11; vgl. zu den privaten Geschenken detailliert Flachmann 1988: 69-76.
  9. Vgl. Flachmann 1988: 86 f. Der Geschichte war im Übrigen auch die Geographie zugeordnet. Vgl. exemplarisch zum Bestand der Vergil-Textausgaben vor dem Hintergrund der Schulstunden und -lektüren Burrichter, D. / B. Magofsky (2020): Arma virumque cano – Vergils Aeneis in der historischen Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld. In: Forum Classicum. Zeitschrift für die Fächer Latein und Griechisch an Schulen und Universitäten. 2020. Heft 4. S. 219-236.
  10. Vgl. zur Loebellschen Bibliothek Feldmann, R (1992): Loebellsche Bibliothek. In: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland. Band 3. Nordrhein-Westfalen. A-I. Hrsg. von Severin Corsten. Hildesheim. S. 107-108, und Köhne, R. (2000): Prof. Johann Wilhelm Loebell (1786-1863) und die „Loebellsche Bibliothek“ in Bielefeld. In: Ravensberger Blätter 2000. Heft 1. S. 26-34.
  11. Vgl. zu Loebells Bildungsverständnis den folgenden Artikel Romantik in der Schulbibliothek II (wird im Blog am 10. Juni 2022 veröffentlicht).
  12. Während die in diesem Artikel herausgearbeiteten Ergebnisse auch auf die Schriften von E.T.A. Hoffmann übertragbar sind, dessen Todestag sich am 25. Juni zum 200. Mal jährt und dessen Werke sich allein in der Loebellschen Bibliothek finden (vgl. E.T.A. Hoffmann: Fantasiestücke in Callot’s Manier. Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten. Mit einer Vorrede von Jean Paul. 2. Aufl. Bamberg 1819) (Bielefeld Gy/ Loebellsche Bibliothek, Nr. 5320), werden in diesem Blog die Schriften von Friedrich Schlegel (10.3.2022, drei Monate verspätet am 10.6.2022), Heinrich Heine (13.12.2022) und Ludwig Tieck (31.5.2023), mit dessen Zitat diese Reihe eröffnet wurde, genauer untersucht und dabei jeweils andere Facetten ihrer Überlieferung in der Schulbibliothek aufgezeigt.

Schülerinnen und Schüler sollen im Kreis Recklinghausen für Archive begeistert werden

Artikel  im Blog Archivamt zur Kooperation von Archiven mit Schulen in Nordrhein-Westfalen und mit der Vorstellung eines Quellenhefts zu einem Thema aus der Geschichte des Kreisgebiets Recklinghausen:

[…] An die Abteilungen des Landesarchivs NRW werden seit Jahren von den Bezirksregierungen Lehrkräfte abgeordnet, die pädagogische Kompetenz und Kenntnis der Bestände des Archivs, an dem sie arbeiten, verbinden und so erfolgreich auf schulische Belange zugeschnittene Module anbieten . […]  Nun haben die Archive im Kreis Recklinghausen in Zusammenarbeit mit Lehrkräften aus dem Kreis im Rahmen eines Pilotprojektes ein eigenes Quellenheft über die Aufbruchjahre 1870 bis 1914 im Kreisgebiet herausgegeben. Tatkräftig begleitet und herausgegeben wurde die Publikation von den Bildungspartnern NRW. Das Heft wendet sich […]  speziell an die Schulen im Kreis. […] 

(Gefunden via Archivalia.)

Gymnasialarchive übrigens könnten,  sofern solche an den Schulen noch existieren, durch Schülerinnen und Schüler nebst betreuendem Lehrer auch auf umgekehrtem Wege die staatlichen Archive einer Region womöglich begeistern…?

4. Netzwerktreffen online 5. März 2022

Bereits zum zweiten Mal fand ein Treffen von Teilnehmern des #Netzwerk Historische Schulbibliotheken nicht in Präsenz, sondern online per Video statt. Schwerpunktthema war Öffentlichkeitsarbeit, die Beiträge waren reich in Vielfalt und Inspiration ihrer Aspekte. Eine Zusammenfassung ist unten vermerkt.

Zwei Aspekte fand ich persönlich bemerkenswert: Erstens die Bestätigung funktionierender Kontakte zur örtlichen, gelegentlich auch regionalen Öffentlichkeit der Schulbibliotheken mit historischen Beständen, die in den kleineren Städten existiert, und zweitens die Ignoranz überregionaler “klassischer” Medien.

Bibliothek des Francisceums, Zerbst

Das Kulturgut historischer Schulbibliotheken in unserem Land ist in größter Zahl in den Schulen ehemaliger Residenzstädte,  bei zentralen städtischen alten Klosteranlagen sowie als Ordensgründungen seit dem späten Mittelalter und der Frühen Neuzeit in der Provinz zu finden.1 Die meisten Teilnehmer des #Netzwerks kommen aus  kleineren Städten. Heimat- und Denkmalvereine sowie Landschaftsverbände sind ebenso wie die lokale Presse interessiert daran, diese Sammlungen der Öffentlichkeit als Teil ihres kulturellen Erbes zu präsentieren; Veröffentlichungen in deren Periodika zum Erbe in den Schulbibliotheken liegen vor, ebenso wie Broschüren von lokalen Museen, die ausgelagerte Bestände bewahren und präsentieren.

Nach Aussagen von Netzwerkteilnehmern funktionieren die Kontakte zu Presse, Vereinen und Verbänden der Stadt sehr gut; ein aktuelles Beispiel aus dem Norden  zeigte uns überdies einen gelungenen und mit hervorragender Bildstrecke illustrierten Artikel in einem regional vertriebenen Magazin. In den Großstädten hingegen kann ein derartiges historisches Erbe kaum konkurrieren mit dem  meist überreichen Kulturangebot und der Öffentlichkeitsarbeit von Museen und großen Bibliotheken.2

Bibliothek des Ratsgymnasiums, Bielefeld

Bislang völlig desinteressiert zeigt sich die überregionale Presse; 3 Fundierte Erfahrung aus dem Netzwerkerkreis lässt folgende Aussage zu: Es hat keinen Sinn, sich an überregionale Medien zu wenden, eine Reaktion erfolgt nie; man muss eine/n Autor/in, eine/n Journalisten/in, der/die einen Namen hat, persönlich kennen, um vielleicht für das Thema der historischen Schulbibliotheken Interesse wecken zu können.

Bibliothek des Thurmair-Gymnasiums, Straubing

Das landesweite Fernsehen verirrte sich in eine historische Schulbibliothek noch nicht. Eigentlich erstaunlich, ergeben doch stets selbst mobile Endgeräte in jedermanns Hand mit nur einem Klick hinreißende Bilder und Filme alter Buchrücken und beieindruckenede Strecken von Regalen, die voll davon sind.  Schüler und Video-AGs haben das in Einzelfällen erkannt und kleine Imagefilme produziert.4

Überdies erzählen die gymnasialen Buchsammlungen Geschichten, die weit über die Inhalte ihrer Exemplare und den nicht selten gern vermerkten Charakter von goldwertem „Schatz” hinausreichen. Vielmehr erzählen sowohl ihre in Schularchiven dokumentierten Sammlungshistorien als auch die Besitzereinträge vielfach von einer Wanderschaft seit der Frühen Neuzeit, die Grenzen überschritt und die Gelehrsamkeit durch ganz Europa trug.

Klaus Graf fordere kürzlich in seiner Rezension eines Tagungsbands zum Thema Historische Schulbibliotheken. Eine Annäherung5 am Ende:

Es wäre ein wichtiges Zeichen für die Wertschätzung des international einmaligen Ensembles der historischen deutschen Gymnasialbibliotheken und ihrer beträchtlichen Schätze, wenn ihre Eintragung als Gesamtheit in das Verzeichnis des UNESCO-Weltdokumentenerbes beantragt würde!

Tresorraum der Bibliothek des Christianeums, Hamburg (Aufstellung bis 2014)

In aller Welt gibt es historische Schulbibliotheken eher nicht; über ganz Europa verteilt aber schon:  Europäisches Kultur- und Dokumentenerbe trifft zweifellos zu. Dieses bedeutsame Erbe in die Welt zu tragen, gern auch durch die UNESCO, schadete indes nicht. Vielleicht brächte das  Forschung & Lehre an den Universitäten dazu, vom hohen Gestühl  ihrer zivilisatorischen Expertenschaften herabzusteigen und sich wissenschaftlichem Neuland zuzuwenden, das direkt vor ihrer Tür liegt.6

# ZusammenfassungThesenblatt Bestandsaufnahme; Thesenblatt Homepage; Blog: Hauseigene Publikationen; Blog: Schlagwort BibFilm

Anmerkungen Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "4. Netzwerktreffen online 5. März 2022," in bibliotheca.gym, 13/03/2022, https://histgymbib.hypotheses.org/12529.
  1. Die Lage in den Groß- und Millionenstädten Hamburgs ist anders. Hamburg ist eine Ausnahme, denn die Stadt besitzt aufgrund ihrer besonderen Geschichte zwei “lebende” historische Gymnasialbibliotheken an ihren angestammten Orten; in Köln (wie auch z. B.  in Lübeck) war die Gymnasialbibliothek immer schon Stadtbibliothek und wird dort heute jeweils als Sondersammlung geführt; München hat das Wilhelmsgymnasium, dessen Bestände aber auf der Schulhomepage keine Erwähnung finden; die Bestände in Berlin wurden bis auf Reste in der Landesbibliothek im WK II zerstört.
  2. In den Großstädten reagieren lokale Presse und  lokale Fernsehsender des Vorabendprogramms, wenn Ereignisse im Zusammenhang einer historischen Gymnasialbibliothek politische Prominenz auf eine Aulabühne bringen, so z. B. bei der Einweihung von Bibliotheksneubauten im Hamburger Johanneum 2008 und im Christianeum in Hamburg-Altona 2017.
  3. Im Kontext des spektakulären Verkaufs einer kompletten Gymnasialbibliothek aus dem Stadtarchiv in Stralsund 2012 erinnere ich mich lediglich an einen ausführlicheren Artikel in der FAZ, der seinerzeit mMn auch nur nach intensivem Drängen von Aktiven in Blogs und social media zustande gekommen war.
  4. Siehe bibliotheca.gym, Seitenmenü Schlagwort BibFilm; der einzige dort angezeigte Film, der offenbar professionell produziert wurde, war der zur Jesuitenbibliothek des St.-Michael-Gymnasiums in Bad Münstereifel.
  5. (Workshop in Halle, 2017/Tagungsband erschienen 2021; siehe auch bei bibliotheca.gym: Historische Schulbibliotheken. Eine Annäherung
  6. Das Blog Archivalia, geführt von Klaus Graf, Archivar und Blogger, bewahrt seit ca. 2004 Veröffentlichungen zu historischen Gymnasialbibliotheken und ist eine Fundgrube zum Thema.

Hauseigene gedruckte Präsentationen historischer Buchbestände der Schulen

An dieser Stelle folgt keine bibliographische oder gar wissenschaftliche Erfassung von Publikationen historischer Schulbibliotheken, sondern vielmehr der Versuch, anhand einiger Beispiele aus meiner persönlichen Sammlung  die Möglichkeiten für gedruckte hauseigene Präsentationen einer wertvollen Buchsammlung vorzustellen. Die für die Forschung wichtigen Veröffentlichungen zu den Beständen gymnasialer Buchsammlungen in den Schulprogrammen des 19. Jahrhunderts berücksichtige ich nicht.

Keine Schule, die eine historische Bibliothek betreut, hat in ihrem Etat einen Posten, der eine Finanzierung aufwendiger hauseigener Publikationen erlaubt. Die Kosten übernehmen durchweg die  Fördervereine der Schulen bzw. deren Bibliotheken, sowie Sponsoren und Einzelspender.

Die mir vorliegenden Drucke zeigen unterschiedliche Formate und monographische Konzepte; sie sprechen unterschiedliches Publikum an.

Imageblatt oben: Mariengymnasium, Jever (2021); unten: Christianeum, Hamburg (1988)

In der Tradition der jahrhundertealten Flugblätter und Gelegenheitsdrucke veröffentlichen Schulen Fotos ihrer Bestände in Flyern, Brief- und Postkarten mit dem Ziel, die Bibliothek bekannt zu machen und für das Haus zu werben. Der Druck erfolgt seitens der Fördervereine zwecks Anwerbung neuer Mitglieder oder als (oft speziell für bestimmte Anlässe) gedruckte Bildpostkarten. Abgebildet werden dann schicke Aufnahmen bibliophiler „Leuchttürme“ oder Fotos langer Regalreihen aus der Bibliothek mit beeindruckenden Buchrücken ferner Jahrhunderte. Da Bildkartendruck heute relativ preiswert ist, halten Bibliotheken solche Drucke vor, um sie z. B. Besuchern in die Hand zu drücken und beim schulischen Weihnachtsbasar, dessen Erlös als Spende für soziale Zwecke verwendet wird, für Entgelt anzubieten.

Katalog

Museumskatalogen vergleichbar, handelt es sich um Bildbände, die ihre Objekte mit entsprechenden Daten und kurzen Erläuterungen präsentieren und die Geschichte der Sammlung in einem Aufsatz darstellen.

 

Volker Bannies, Volker Herre: Freiberger Bücherschätze. Andreas-Möller-Bibliothek. Sax-Verlag, Beucha Markkleeberg 2012, 144 Seiten. ISBN 978-3-86729-114-9. 29, 50 €.

 

Die Hennebergische Gymnasialbibliothek. Verborgene Schätze im Naturhistorischen Museum Berholdsburg Schleusingen. Schleusingen 2016. gr. 8°, 56 Seiten. (Museumsführer; Heft) ISBN 978-3-00-053648-9 , 6,- €.

Wegweiser

Ausstellungsführer sind Wegweiser. Als moderne Reiseführer zeigen Wegweiser nicht selten ein besonderes Layout: durchlaufende Texte in Kapiteln, gelegentlich unterbrochen oder an den Rand gedrängt von farbig unterlegten Kästen mit Darstellungen örtlicher Besonderheiten, Personen, Ereignissen und Themen.

 

Hans Heid: Die Historische Bibliothek der Stadt Rastadt im Ludwig-Wilhelm-Gymnasium. Ein illustrierter Wegweiser für Freunde und Besucher der Sammlung. Stadt Rastatt, 2003. 4°. ISBN 3-923082-44-4 (vergriffen; ggf. bestellbar bei der Bibliothek oder bei der Stadt).

Lesebuch

Ein Lesebuch zu einer historischen Gymnasialbibliothek ist ein mit Abbildungen illustrierter Sammelband verschiedener Autoren; ein solcher Band enthält einleitend eine Darstellung  zur Geschichte der Bibliothek.

Die Bibliothek des Mariengymnasiums Jever – ein Kosmos für sich. Herausgegeben von Hartmut Peters unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Klitsch und Hartmut Kroll. Mit einem Faksimile des Briefes von Ulrich Jasper Seetzen vom 25. Mai 1809 aus Kairo an Diedrich Ulrich Heinemeyer in Jever. Förderverein Bibliothek des Mariengymnasiums e.V. Jever, Jever 2021. 374 Seiten, 2°. (keine ISBN; Bestellung bei: Hartmut Kroll, Viethstr. 23, 26441 Jever. Mail: hartmut.roll(at)ewetel.net. 39,- € (bei Postversand 44,- €)

 

 

250 Jahre Christianeum 1738-1988. Herausgegeben von Ulf Andersen im Namen des Vereins der Freunde des Christianeums. Hamburg 1988. 4 Bände, 8°,  broschiert im Schuber. (keine ISBN, vergriffen)  Band II: Kostbarkeiten der Bibliothek.

Werke der Wissenschaft

 

 

Urich Zeller (Hrsg.): 400 Jahre Suso-Bibliothek 1604-2004 Heinrich-Suso-Gymnasium Konstanz. Federsee-Verlag, Bad Buchau 2004. 2° (Sammelband) . 172 Seiten.  ISBN 3-925171-59-2 (vergriffen; Inhalt)

(Weitere Werke der Wissenschaft bei bibliotheca.gym: Die Büchersammlungen des Vinzentinums in Brixen, Die Bibliothek des Bozner Franziskanergymnasiums)

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Weitere Darstellungen aus historischen Schulbibliotheken bei bibliotheca.gym: Publikation.

Beitragsbild

Die Bibliothek des Mariengymnasiums Jever – ein Kosmos für sich (2021), Titeldetail

Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Hauseigene gedruckte Präsentationen historischer Buchbestände der Schulen," in bibliotheca.gym, 02/03/2022, https://histgymbib.hypotheses.org/12328.

Neue Homepage der historischen Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld und ihres Fördervereins online

Die historische Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld und ihr Förderverein besitzen einen neuen Auftritt auf der Schulhomepage:

Historische Bibliothek
Nach einem kurzen Überblick über die Geschichte der 1753 gegründeten Bibliothek und ihrer Bestände werden Unterrichtsbeispiele aufgelistet, Filme und ausgewählte Literatur verlinkt sowie Kontaktdaten der Ansprechpartner genannt: https://www.ratsgymnasium-bielefeld.de/index.php/schulleben/die-historische-schulbibliothek.

Eine vollständige Bibliographie zur Bibliothek finden Sie hier:

Ratsgymnasium Bielefeld. Historische Bibliothek. BibliographieHerunterladen

Die Förderer der Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld e.V.
Kurze Stichpunkte zur Zielsetzung des 1986 gegründeten Fördervereins, ein exemplarisches Restaurationsprojekt, Kontaktdaten und Beitrittserklärung sind wie ein Link zu einem vertiefenden Artikel zu finden unter: https://www.ratsgymnasium-bielefeld.de/index.php/freunde/foerderer-der-bibliothek

Landesgeschichtliche Historische Schriften aus der Bibliothek des Christianeums bei Geschichtsblog SH

Jan Wieske hat  in seinem Geschichtsblog SH unter dem Titel : Bemerkenswertes aus der Bibliothek des Altonaer Christianeums bei digishelf aus der Sammlung von unterdessen 155 Digitalisaten  jene Handschriften und Drucke des 16. und 17. Jahrhunderts aufgesammelt und zusammengestellt, die in die Landesgeschichte von Schleswig, Holstein und Lübeck weisen. Dankenswerterweise vermerkt Wieske auch die Signaturen der Bibliothek.

Die Bibliothek des Christianeums in Hamburg-Altona veröffentlicht seit geraumer Zeit Digitalisate aus ihrem historischen Buch- und Archivbestand, ich wies bereits im vergangenen Jahr darauf hin.1

Gymnasiale Sammlungen nicht nur von handschriftlichen, sondern auch von gedruckten alten Schriften mit regional- und landesgeschichtlichem Bezug sind für die historische Forschung  von großem Wert, die Drucke sind sie oft gar nicht oder nur in wenigen anderen Bibliotheken nachweisbar.2  Sammlungen dieser Art finden sich in Gymnasialbibliotheken, die sich noch weitestgehend unbeschadet und geschlossen tradiert in den Schulen befinden. Oft sind diese Schriften älter als die Schulen selbst (das Christianeum z. B. wurde 1738 gegründet) und stammen aus Schenkungen von Bürgern, Lehrern und Schülern, auch nicht selten ihrer Direktoren. Seit Ende des 18. Jahrhunderts wurden Zeitschriften und Bücher, die eigene Region betreffend, zunehmend gezielt gesammelt (am Christianeum z. B. mit dem Schwerpunkt Altona und Holstein).

Das Digitalisierungsprojekt  der Bibliothek des Christianeums scheint bislang ein Alleinstellungsmerkmal dieser Schule zu sein; aus anderen Schulen mit historischen Buchbeständen wurde mir etwas Ähnliches bislang nicht bekannt.  Überdies sind Gymnasialbibliotheken insgesamt nach wie vor noch nicht in der Geschichts- und Bildungsforschung etabliert; wertvolle Einzeluntersuchungen bleiben allein auf ihrer Flur,  Grundlagenforschung existiert nicht.3

Beitragsbild

Aus: Peter Hessel, Hertzfliessende Betrachtungen von dem Elbe-Strom […] , 1675. Bibliothek des Christianeums; Sign. P 20/11 (Digitalisat)

Anmerkungen
  1. Digishelf.de – schon mal gehört?, Matrikelbuch des Christianeums 1738-1858, Festschriften des Christianeums von 1938 und 1988
  2. Siehe Neue Beobachtungen zu Telemanns Wirken in Altona, u.a. Anm. 9 und 10
  3. Klaus Graf stellt im Rahmen seiner 2022 erschienenen Rezension des von Brigitte Klosterberg 2021 in Halle herausgegebenen Tagungsbands Historische Schulbibliotheken. Eine Annäherung” in ergänzenden Anmerkungen zum Thema den Aspekt der „schulischen Erinnerungskultur” vor, den man als Forschungsansatz lesen kann.