Gymnasialbibliotheken und -archive

Archivführerschein

Das Stadtarchiv Koblenz bietet den Erwerb eines  Archivführerscheins an:

Archive haben als außerschulische Lernorte großes Lern- und Erkenntnispotential.  […] Deren Nutzung ist ein zentrales Recht aller Bürgerinnen und Bürger und sollte den Schülerinnen und Schülern gerade im Sinne der Demokratieerziehung unbedingt nahegebracht werden.

Man erfahre nicht nur etwas zur Geschichte des Archivs, sondern auch über „den Entstehungsweg von städtischem Archivgut sowie die eigentliche Arbeit mit den Quellen in ihrer ganzen Vielfalt auf der einen, aber auch ihren Herausforderungen und «Tücken» auf der anderen Seite” .  Zum Lehrangebot gehörten ein „Archivkoffer, ein «Damals-und-heute-Memory», ein kleiner Schreib- und Lesekurs in Sütterlin und Fraktur, aufgabengeleitete Erkundungs- und Recherchetouren” durch die das Archiv beherbergende Alte Burg.

Solche Ideen sind auch für Schulen mit historischen Archiv- und Buchbeständen überaus geeignet, jungen Leuten (aber auch den Lehrern!) schriftliches Kultugut zu vermitteln. Wie wär’s denn, in der Gymnasialbibliothek den  Inkunabelführerschein zu erwerben und im alten Schularchiv das Kurrentschriftzertifikat?  Hört sich doch magisch an, oder?

(Hinweis auf den Archivführerschein gefunden bei Archivalia)

Beitragsbild

Blick auf Koblenz (1825). Stahlstich von Johann Baptist Bachta. Quelle: Stadtarchiv Koblenz

Stadtarchiv Freiberg ersteigert Stammbuch

Link auf folgende Meldung gefunden bei Archivalia:

Stadtarchiv ersteigert wertvolles Stammbuch (Freie Presse vom 2. Juli 2019)

Leiterin Ines Lorenz hat das Erinnerungsalbum eines Freiberger Gymnasiasten aus der Zeit um 1790 in Hamburg erstanden. Eine Spurensuche begann. […]

Zur Bedeutung von Stammbüchern, auch gerade in Gymnasialbibliotheken mit historischen Altbeständen, siehe bei bibliotheca.gym: Freundschaftsalben.

Handschriften und Inkunabeln aus dem Ernestinum Gotha

Die Library of Congress, größte Bibliothek der Welt, digitalisiert auch Kleines. In den Digital Collections finden wir unter anderem ein Schulprogramm aus Gotha von 1893, den Schuljahresbericht des Ernestinums, der in diesem Fall für die Schulöffentlichkeit zudem als Einladung zu den Abschlussfeierlichkeiten fungierte.

Diesen Berichten war stets ein wissenschaftlicher Aufsatz beigegeben.  1893 beschrieb Rudolf Ehwald (1847-1927), laut Deutscher Biographie ein Bibliothekar und Anglist, die Handschriften und Inkunabeln in der Bibliothek des Ernestinums.1 Die Handschriftenliste enthält 10 Titel frühneuzeitlichen und neuzeitlichen Datums, darunter Sammlungen an Briefen, vier sind im selben Heft ediert und kommentiert, und 22 Inkunabeln.

Ernestinum Gotha, 19. Jahrhundert

Das Ernestinum in Gotha ist das älteste Gymnasium im deutschsprachigen Raum, gegründet 1524, abgeschafft für 46 Jahre zwischen 1945 und 1991. Die Schulhomepage zitiert auf der Seite für die Schulgeschichte zum 17. Jahrhundert, “dasz hier die Bauern gelehrter seyen als anderswo die Edelleut!” Eine Bibliothek erwähnt die Homepage in ihrem tabellarischen Jahrhunderteabriss indes nicht.

Andreas Reyher (1601-1673, Rektor des Gymnasium illustre, Gotha): Entwurf einer Universaldidaktik (FB Gotha Gym 10, Bl. Vv-1r)

Dennoch hatte sie eine, und zwar eine mit einer recht rasanten Bestandsgeschichte, die die Geschichte der Gothaer Anstalt spiegelt, die in Klosterräumen begann, in denen ein Freund Luthers für ein Gothaer Gymnasium sorgte, das bei Herzog Ernst dem Frommen im 17. Jahrhundert als Gymnasium illustre landesweit reüssierte und 1859 mit dem Gothaer Herzoglichen Realgymnasium2 in einem schicken, 1837/38 errichteten klassizistischen Neubau zum Gymnasium Ernestinum Gothae zusammengelegt wurde.  Die Bücher und Schriften wurden der Anstalt im Zuge der Jahrhunderte geschenkt, von woanders im Lande übernommen, wanderten herum, kamen durch Zusammenlegungen von Anstalten hinzu, wurden aus Platzmangel dem Gothaer Herzog  ins Schloss Friedenstein weitergegeben, der wiederum zahlreiche Dubletten aus seinem Hause anlieferte,3  bis die ganze Sammlung, die  jener Ehwald 1893 mit 20 000 Bänden nebst 10 000 Schulprogrammen angegeben hatte,4 1945 erstmal  verschwand, das Gymnasium geschlossen und  1991 im alten Gebäude neugegründet wurde.

Die Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt auf Schloss Friedenstein zeigt sich bildungsbewusst,5 verlinkt  unter Gymnasialbibliothek das Fabian-Handbuch6, hat einen hübschen Flyer, aus dem hervorgeht, dass man 1945 die gymnasiale Sammlung von 50000 Exemplaren übernahm und damit eine der größten Gymnasialbibliotheken hält  –  Wikipedia klärt kurz und knapp auf: Die herzogliche Bibliothek  in Gotha mit ca. 330 000 Handschriften und alten Drucken  wurde nebst Gothaer Münz- und Kunstsammlungen  1946 von der Roten Armee als Kriegsbeute in die Sowjetunion abtransportiert7, aber die stattliche Bibliothek des Gymnasiums Ernestinum, die 1945 von der russischen Armee ins Schloss Friedenstein verbracht worden war,8  blieb dortselbst9 – und wurde somit zum Grundstock der heutigen Forschungsbibliothek Gotha. Das könnte man ja auch mal deutlicher sagen in dieser Forschungsbibliothek der Universität Erfurt auf Schloss Friedenstein in Gotha.10

Online

• Ehwald, Rudolf (1847-1927): Beschreibung der Handschriften und Inkunabeln der Herzogl.  Gymnasialbibliothek zu Gotha nebst vier Briefen von Eobanus Hessus, Melanchthon und Niclas von Amsdorff. In: Programm des Herzoglichen Gymnasium Ernestinum zu Gotha als Einladung zu der am 25. März 1893 stattfindenden Schlussfeier.  Engelhard-Reyhersche Hofbuchdruckerei, Gotha 1893. S.  3 – 20
–  Digitalisat11
–  LCCN Permalink12

•Fabian Handbuch der historischen Buchbestände: Forschungs- und Landesbibliothek Gotha (1.33 ff. und 2125 ff.)

• Forschungsbibliothek Gotha, Schloss Friedenstein, Gotha: Gotha Portal zur Bildungsgeschichte der Frühen Neuzeit

Weblinks zu Digitalisaten von Schulprogrammen bei der deutschsprachigen Wikipedia

Beitragsbild

Schloss Friedenstein Gotha, um 1900; Library of Congress, Washington, D.C.  (Quelle + Lizenz)

Anmerkungen
  1. Digitalisat eines Schulprogramms durch die Library of Congress, Washington, zur Verfügung gestellt via LCCN Permalink als Seitenansichten und als Pdf
  2. Realgymnasien wurden im 19. Jahrhundert neu gegründet als moderne Variante des Humanistischen Gymnasiums, und zwar mit der Betonung auf den naturwissenschaftliche Fächern und Latein als alter Sprache, aber ohne das Griechische.
  3. Zur Geschichte der Bibliothek ein Abriss bei Ehwald (1893), S. 3[7]-4[8]
  4. Ehwald (1893),  S. 4 [8]
  5. Siehe Portal Bildungsgeschichte der Forschungsbibliothek Gotha, dort weiterführende Links und Datenbanken
  6. 2.125 Gymnasiale Sammlung
  7. Die Ottheinrich-Bibel ging nicht mit nach Osten und wurde später von Familie Gotha geschickt und gewinnbringend auf den Markt gebracht. Siehe dazu u.a. online bei Archivalia#Kulturgut
  8. Fabian Handbuch  1.33
  9. Die Vorstellung, die russischen Sieger könnten die Gymnasialbibliothek einfach vergessen oder angesichts der anderen Schätze liegengelassen haben, finde ich verlockend, zumal vor nicht so langer Zeit 2012 eine 1945 vor der russischen Armee in einem Stadtarchiv versteckte und dort unbeachtert gealterte Gymnasialbibliothek in den Handel gegeben wurde, vermutlich aus Unwissenheit, was eine Gymnasialbibliothek ist. Der Fall ging seinerzeit als Causa Stralsund in die Weblog- und Social-Media-Geschichte ein.
  10. Der Online-Katalog der Universitätsbibliothek Erfurt und der Forschungsbibliothek Gotha reagiert bei der Eingabe von provenienz ernestinum mit 1596 erfassten Titeln, verzeichnet unter Provenienz: Gymnasium Ernestinum <Gotha>, dabei eine Inkunabel von 1498. Scheint, als sei dort noch einiges nachzuholen.
  11. Ehwald (1893): [7]-[24]
  12. Die Fehler der Groß- und Kleinschreibung in den Metadaten der LoC habe ich in meiner Titelangabe korrigiert.

“… in Schularchiven schlummern stumme Zeugen”

Archiv des Christianeums, Hamburg. Foto: Klaus Graf, 2011 (Quelle + Lizenz)

Das Stadtarchiv Kiel hat sich auf Schatzsuche begeben in die Schularchive der Stadt, so berichtet Thomas Eisenkrätzer in den Kieler Nachrichten von 19. Mai 2019: Schatzsuche in Kiels Schularchiven. 28 Archive von 61 wurden ausgewählt, um sie zu erfassen und öffentlich zugänglich zu machen. Auch, wenn das „nur″ einige von allen sind, so ist die Erfassung und Zugänglichmachung ein wichtiges  Signal – denn in der Regel werden Schularchivalien in ihrer Bedeutung für die Forschung unterschätzt und deshalb weitestgehend ignoriert.  So hat zum Beispiel Hamburg zwei alte Schulen, das Johanneum in Winterhude und das Christianeum in Altona, die beide ihre Archive nicht nur am Ort behalten durften, sondern auch längst selbst erschlossen haben und zugänglich halten.

Das war Bedingung.  Denn die beiden Anstalten wurden aufgrund ihrer historischen Bedeutung von der Verpflichtung durchs Hamburger Archivgesetz von 1991 zur Abgabe ihrer Archivalien ans Hamburger Staatsarchiv ausgenommen und dürfen als sogenannte Archiv-Schulen ihre Archive per Verwaltungsvereinbarung als Teil des Hamburger Staatsarchivs am angestammten Ort bewahren.

Das Archiv des Christianeums zum Beispiel (mit Dokumenten seit Anfang des 18. Jahrhunderts in ca. 800 Archivkartons) ist in einem Findbuch erfasst, das digital, als Pdf und gedruckt in der Schule und im Staatsarchiv vorliegt. Ob aber auch bekannt geworden ist, dass man’s anfragen kann? Fragen Sie nach!

Siehe auch:
• Archivalia: Stadtarchiv Kiel ließ nur für 28 von 61 Schul-“Archiven” Findmittel erstellen
• bibliotheca.gym: Gymnasialarchiv
• Homepage des Christianeums: Archiv des Christianeums
• bibliotheca.gym: Lesezeichen