Gymnasialbibliotheken und -archive

“… in Schularchiven schlummern stumme Zeugen”

Archiv des Christianeums, Hamburg. Foto: Klaus Graf, 2011 (Quelle + Lizenz)

Das Stadtarchiv Kiel hat sich auf Schatzsuche begeben in die Schularchive der Stadt, so berichtet Thomas Eisenkrätzer in den Kieler Nachrichten von 19. Mai 2019: Schatzsuche in Kiels Schularchiven. 28 Archive von 61 wurden ausgewählt, um sie zu erfassen und öffentlich zugänglich zu machen. Auch, wenn das „nur″ einige von allen sind, so ist die Erfassung und Zugänglichmachung ein wichtiges  Signal – denn in der Regel werden Schularchivalien in ihrer Bedeutung für die Forschung unterschätzt und deshalb weitestgehend ignoriert.  So hat zum Beispiel Hamburg zwei alte Schulen, das Johanneum in Winterhude und das Christianeum in Altona, die beide ihre Archive nicht nur am Ort behalten durften, sondern auch längst selbst erschlossen haben und zugänglich halten.

Das war Bedingung.  Denn die beiden Anstalten wurden aufgrund ihrer historischen Bedeutung von der Verpflichtung durchs Hamburger Archivgesetz von 1991 zur Abgabe ihrer Archivalien ans Hamburger Staatsarchiv ausgenommen und dürfen als sogenannte Archiv-Schulen ihre Archive per Verwaltungsvereinbarung als Teil des Hamburger Staatsarchivs am angestammten Ort bewahren.

Das Archiv des Christianeums zum Beispiel (mit Dokumenten seit Anfang des 18. Jahrhunderts in ca. 800 Archivkartons) ist in einem Findbuch erfasst, das digital, als Pdf und gedruckt in der Schule und im Staatsarchiv vorliegt. Ob aber auch bekannt geworden ist, dass man’s anfragen kann? Fragen Sie nach!

Siehe auch:
• Archivalia: Stadtarchiv Kiel ließ nur für 28 von 61 Schul-“Archiven” Findmittel erstellen
• bibliotheca.gym: Gymnasialarchiv
• Homepage des Christianeums: Archiv des Christianeums
• bibliotheca.gym: Lesezeichen

Eine vergessene Anstalt

Die deutschsprachige Wikipedia ist in vielen Artikelbereichen ein Schatzkästlein, zum Beispiel für den Erhalt längst vergessenen Wissens um unsere Bildungsgeschichte. So lernen wir in der Wikipedia das Gymnasium Marienwerder kennen, eine Anstalt, deren Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht: als Gründung einer Domschule um 1300 im Gebiet des Deutschen Ordens zwischen Weichsel und Memel.

Der ausführliche Artikelabschnitt zur Geschichte des später westpreußischen Gymnasiums bricht 1945 ab, Marienwerder gehörte nunmehr zu einem anderen Staat mit einer anderen Sprache und die Stadt hatte einen neuen Namen. Über den weiteren Weg der Schule sagt der Artikel nichts; nach einem Beleg von 1964 aus der Feder eines ehemaligen Schülers, der offenbar auch die Geschichte der Anstalt zusammengefasst hat, gab’s in den 1950er Jahren noch eine „Patenschaft“. Das Gymnasium hatte laut Artikel in der Wikipedia eine Bibliothek besessen. Eine Beschreibung im Fabian existiert nicht, das Schicksal der Sammlung ist unbekannt.

Gymnasium Marienwerde, ca. 1920er Jahre (Quelle + Lizenz)

Ein Schwarzweißfoto des Schulgebäudes „ca. 1920er Jahre“ mit Schillerbüste davor existiert.1 Woher aber stammt ohne  den archivischen Beleg einer Bibliothek und ohne schulische und amtliche Dokumente das Wissen über die jahrhundertealte historische Existenz einer solchen Anstalt? Der Wikipedia-Artikel gibt Antwort in der Angabe der Weblinks: einer Darstellung  der Schulgeschichte im „Programm Marienwerder Gymnasium“ von 1838, 1851 und 1862.

Schulprogramm Culm/Chelmnie, 1854. Bibliothek des Christianeums, Hamburg

Als Programme oder Schulprogramme werden die jährlichen Berichte der Gymnasien bezeichnet, die von ca. 1830 bis etwa 1920 zunächst in Preußen, später auch darüber hinaus angefertigt, abgeliefert und im gedruckten Austausch von hunderten von Gymnasien abonniert worden waren.  Erhaltene Sammlungen von Schulprogrammen2 umfassen um die 70 000 Jahreshefte, die spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg vielerorts auch im Westen als Platzkiller  (eine komplette Sammlung benötigt mehr als 100 Regalmeter) entsorgt worden sind; der Wert der Schulprogramme wird seit etwa 20 Jahren zunehmend erkannt, erhaltene Sammlungen werden erfasst,3  geschützt  und digitalisiert4 – eine Voraussetzung, um die Gymnasialbibliotheken hinter den vor dreißig Jahren gehobenen eisernen Vorhängen überhaupt erst einmal einzusammeln zu können5 (weitere Forschungsaufgaben nicht ausgeschlossen).6 Für viele der 1945 hinter eisernen Vorhängen verschwundenen Bildungsanstalten und deren Bibliotheken sind diese Berichte heute die einzige verbliebene Quelle ihrer einstigen Existenz.

Gelegentlich sah man in vergangenen Jahren schon mal die eine oder andere Inkunabel, die den Stempel  einer Gymnasialbibliothek jenseits der Oder aufwies, im Angebot bei Ebay; heute werden solche Stempel im Angebot des Online-Handels vermieden oder erkennbar vorher entfernt. Vielleicht war und ist da auch gelegentlich etwas aus Kwidzyn dabei gewesen.

Anmerkungen Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Eine vergessene Anstalt," in bibliotheca.gym, 06/04/2019, https://histgymbib.hypotheses.org/7405.
  1. Aus dem Archiv Heimatkreis Marienwerder (Hanno Schacht), bei Wikimedia Commons
  2. Siehe dazu zum Beispiel in der Bibliothek des Christianeums in Hamburg
  3. Justus-Liebig-Universität Giessen Universitätsbibliothek: Schulprogramme
  4. ULB Düsseldorf, UB Giessen
  5. Siehe die dazu noch sehr zarte Liste der zerschlagenen und zerstörten Gymnasialbibliotheken bei bibliotheca.gym, die der Erweiterung harrt.
  6. Offenbar wusste man noch Ende des 19. Jahrhunderts ungleich mehr über die jahrhundertealte Geschichte der eigenen Bildungsanstalten und deren Bibliotheken als wir heute, wenn wir Schulpolitik mit Medien zu machen uns anschicken.

Forschung in der Gymnasialbibliothek

Domgymnasium, Verden

Geschah laut Verdener Nachrichten vom 24. Februar 2019 im Domgymnasium der Stadt:

Die historische Bibliothek des Domgymnasiums birgt so manchen Schatz. Für einen Katalog über die Sammlung von Gottlieb Pfannkuche recherchierte ein Lehrer-Schüler-Duo nun die Geschichte eines Geistlichen.[…]

Siehe dazu:
https://histgymbib.hypotheses.org/3251
https://histgymbib.hypotheses.org/3112
https://www.domgymnasium-verden.de/buch/historische-bibliothek.html
https://www.domgymnasium-verden.de/buch/files/dom/bibliothek/bibliothek.MP3

Gymnasialbibliotheken sind Forschungsbibliotheken

Blick in den ehemaligen Tresorraum der Bibliothek des Christianeums in Hamburg (Foto: Klaus Graf, Quelle + Lizenz)

Michael Knoche, von 1991 bis 2016 Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, benennt unter dem Titel Was ist eine Forschungsbibliothek? Die 80/20-Regel vier unerlässliche Bedingungen Merkmale, die eine „Forschungsbibliothek“ erfüllt:

1. die programmatische Einbindung von Forschung in die Bibliothek

2. das Angebot besonderer Erschließungsleistungen

3. die dauerhafte Zugänglichkeit der Sammlung (Archivfunktion)

4. einen Vermittlungsauftrag gegenüber der Öffentlichkeit.

Die „80/20-Regel“, so Knoche, besage,

dass etwa 80 Prozent der Bibliotheksfragen in der Regel mit einem Kern von 20 Prozent der Basisressourcen beantwortet werden können. In Forschungsbibliotheken können Nutzer auch den Fragen nachgehen, für die die Basisressourcen nicht ausreichen und für die die 80 Prozent der weniger verbreiteten Materialien notwendig sind.

So unterschiedlich in einzelnen Sammlungsschwerpunkten Gymnasialbibliotheken mit erhaltenen historischen Altbeständen sein mögen: diese vier Anforderungen erfüllen sie alle.  Erschlossen sind sie zugänglich für die Erforschung ihrer historischen Bestände, deren Vermittlung somit auch über die Schulöffentlichkeit hinaus erfolgt.  Unschätzbar sind dabei die nicht seltenen Verbindungen zu erhaltenen Schularchiven, deren Dokumente zum Beispiel auch über Personen der Vergangenheit Auskunft geben können. Damit unterscheidet sich die Gymnasialbibliothek von den  Informations- und Medienzentren der Schulen modernen Zuschnitts, die im Wesentlichen Material bereitstellen, dass den Unterricht für Lehrer und Schüler stützt oder auch deren Unterhaltung dient. Die Sammlungsform der Gymnasialbibliothek hingegen ist, sofern sie sich an den Schulen selbst ohne nennenswerte Verluste erhalten hat, dadurch gekennzeichnet, dass ihre Altbestände nicht selten die Basisresourcen für den heutigen Schulgebrauch bei weitem übersteigen. Die Präsenz der zum Teil Jahrhunderte alten Werke an den Schulen prägen Historizitzät und Identität der sie hütenden Anstalten – und zwar vor den Augen von Kindern und Heranwachsenden,  die die Chance haben, auch in modernen Betonmauern Geschichte anzuschauen, zu fassen und zu riechen. Gymnasialbibliotheken schaffen nicht nur Erkenntnisse über vergangene Zeiten, sondern prägen auch Erinnerung.