Gymnasialbibliotheken und -archive

Eine alte Universität

Die hohe Schuhle zue Freyburge

(Schaut her: hier ist überall geheizt! Seht das Thesenblatt, das am Tor flattert, das Tor ist offen: Sei willkommen, tritt ein, lerne und disputiere! Schau nach der Au, dann findest du den Weg.) 

Mir gefällt diese hübsche  aquarellierte Federzeichnung von 1799 mit dem  liebevoll ausgeführten Straßenpflaster und den kräftig dampfenden Schornsteinen – eine selbstbewusste visuelle Einladung ins akademische Haus. Das Blatt (so wie auch die Zeichnung der alten Schule im vorherigen Beitrag) stammen aus derselben Feder und illustrieren folgenden Band:

Joseph Felizian Geissinger (1740-1806): Orbis Litteratus Academicus Germanico Europaeus Praecipuas Musarum Sedes Fundationes Privilegia Sigilla Prototypis Conformia. [Buchholz?], 1799. (Quelle: Freiburger historische Bestände – digital. Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)

Zu dem Illustrator Geissinger erfahren wir nicht viel. Die Deutsche Biographie hat lediglich einen Eintrag im Index, dort indes der Verweis auf die Deutsche digitale Bibliothek, die uns immerhin einiges von Geissingers Arbeiten zeigen kann.  Im Eintrag der DNB findet sich eine kurze biographische  Information: Pfarrer; Sohn des Schneiders Karl Joseph Geissinger, 1773 in Meersburg zum Priester geweiht, Vikar in Bleichheim und Kappel und seit 1783 Pfarrer in Buchholz, fertigte 1787 Abschriften der Epithaphien im Freiburger Münster und kolorierte Federzeichnungen dort befindlicher Gegenstände und Kunstwerke an.

Rätsel: eine alte Schule

Wer kann es erraten: Um welches Gymnasium handelt es sich?

Hilfen: 1. die Zeichnung stammt von 1799 und 2. die Schule gehörte zu einer der ältesten Universitäten unseres Landes.

(Mit Dank an Klaus Graf, der nicht mitraten darf…)

Zusatzfrage: Wie ist das Wort in der Mitte des Spruchbands zu lesen: …der… oder …oder…?

Beschreibstoff Pergament

Bei Archivalia gefunden:  einen Beitrag zur Geschichte des Beschreibstoffs Pergament mit zwei Links, zum einen zu einem Text und zum anderen zu drei Videos, alle englischsprachig.

Hieronymus (re) beim Pergamenthersteller (Hamburger Bibel MS, GKS 4, vol. I-III, 2°. Fol. 183v. Königliche Bibliothek Kopenhagen)

Für (vor allem in Norden gern mal) verregnete Julitage im Sommerferienloch eventuell ein hübsches Thema zum Fortbilden bzw. für Ideen zur Vermittlung alten Schriftguts an Schüler. Das Netz bietet auch Deutschsprachiges zur Herstellung und Geschichte des Pergaments, via Google in Text und Bild zu finden. Hier eine kleine Auswahl:

Literatur

Gedruckte Darstellungen zur Geschichte und Herstellung von Pergament sind dem Alter des Beschreibstoffs entsprechend überaus zahlreich. Einen Überblick bietet die

  • Internationale Bibliographie zur Papiergeschichte (IBP) Berichtszeit: bis einschließlich Erscheinungsjahr 1996. Bearbeitet von: Elke Sobek und Frieder Schmidt. De Gruyter Saur 2003.  (DOI; teilweise online via google books)

Fundstück bei google books:

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Urkunde eines Notars (Detail), Pergament, 16. Jahrhundert. (Quelle + Lizenz)

ProvenienzWiki GBV

Bereits seit 2008 installiert und betreut von der Staatsbibliothek zu Berlin: ProvenienzWiki – Plattform für Provenienzforschung und Provenienzerschließung.

Das Wiki hat auch eine Kategorie Gymnasium. Hier sind zahlreiche Gymnasien östlich der Elbe verzeichnet, gezeigt werden die Bibliotheksstempel, Exlibris und Supralibros, gelegentlich auch mit einem kurzen Text zur Sammlung. So gibt es zum Beispiel einen kleinen Artikel über das einstmals berühmte Joachimsthalsche Gymnasium, gegründet 1607. Das Gymnasium existiert seit 1953 nicht mehr, seine Sammlung galt 1935 als „die größte Schulbibliothek im deutschsprachigen Raum”. Die Abbildungen stammen aus einzelnen Exemplaren, die von der SBB gehalten werden. Aus noch „lebenden“ Gymnasialbibliotheken sind  (so jedenfalls die Stichproben) keine Angaben verzeichnet, für die Rekonstruktion von zerstörten und zerschlagenen gymnasialen Buchsammlungen, vor allem des Ostens, indes hilfreich.

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Alter Stempel der Bibliothek des Christianeums, Hamburg

Verzeichniss deutscher Schulbibliotheken (1869)

Neuer Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekswissenschaft, Band 18, Schönfeld: Dresden 1869, herausgegeben von Julius Petzholdt: darin findet sich, in vier Abschnitten über den Band verteilt, ein Verzeichniss Deutscher Schulbibliotheken, alphabetisch geordnet nach ihren Orten und mit Zahlenangaben zum jeweiligen Umfang ihrer Bestände versehen.

  • S. 143 –147 (Altdorf – Culm)
  • S. 177 – 180 (Fortsetzung: Culm – Germersheim)
  • S. 203 – 206  (Fortsetzung: Gingst auf Rügen – Inowraclaw)
  • S. 251– 262 (Schluss: Insterburg – Zwickau)

Siehe dazu auch: Listen der Gymnasialbibliotheken

Die Gymnasialbibliothek in Lemgo

Die Gymnasialbibliothek Lemgo mit historischem Altbestand befindet sich im Stadtarchiv.  Auf einer nunmehr modernisierten Homepage – die ältere Version hatte bereits die Gymnasialbibliothek nachgewiesen – werden diese seit 1955 ins Archiv ausgelagerten Bestände  als Sondersammlung eigens präsentiert. Die Sammlung ist im Rahmen der Archivbibliothek erschlossen.

Abriss der Schulgeschichte Schulmatrikel: die ersten Schüler 1631 (Quelle + Lizenz)

Die Stadt Lemgo hatte im späten Mittelalter eine Lateinschule. Im 16. Jahrhundert richtete man sich ein Gymnasium ein im Süsterhaus, dem ehemaligen Schwesternhaus eines aufgegebenen Nonnenklosters, seit 1605 belegt als Gymnasium Lemgoviensium, erhaltene Schulmatrikel überliefern  Schüler ab 1631. Seit 1872  befindet sich  das Gymnasium  in den einst fürstlichen Gebäuden des Lippehofs. 1938 erhielt das Gymnasium seinen heutigen Namen nach einem ehemaligen Schüler, dem Arzt und Forschungsreisenden Engelbert Kaempfer (1651–1716).1 

Zur Bestandsgeschichte Engelbert-Kaempfer-Gymnasium in Lemgo, Hauptgebäude (Foto: K.deerberg, 2007; Quelle + Lizenz)

Seit dem 15. Jahrhundert verfügte die Stadt im Laufe der Zeit   über verschiedene klösterliche Buchsammlungen, die nach dem Umzug des Gymnasiums in das neue Gebäude in den 1870er Jahren der Anstalt übergeben wurden, 1880 wurden erstmals die wertvollen Werke verzeichnet, um die Jahrhundertwende besaß die Bibliothek bereits 5300 Bände, darunter 37 Inkunabeln und 11 Handschriften, vermehrt durch Schenkungen und Ankäufe.2

Während des Zweiten Weltkrieges war die Bibliothek ausgelagert und und erlitt keine nenneswerten Schäden.  Nach dem Krieg kamen die Bestände sowohl ans Gymnasium zurück als auch in Teilen  an die Lippische Landesbibliothek und ans damalige Staatsarchiv  in Detmold.3 Ab 1955 übergab das Gymnasium die ihm verbliebenen Bestände dem Stadtarchiv. 4

Erschließung Stadtarchiv Lemgo, Süsterhaus (Foto: Tsungam, 2012; Quelle + Lizenz)

Das Stadtarchiv weist ca. 670 Exemplare der Gymnasialbibliothek  nach, die in der Archivbibliothekskartei erschlossen sind, ältere Kataloge und eine Standortkartei sind ebenfalls vorhanden.5

Ein  Service des Archivs ist eine Literaturliste, die ältere und gemeinfreie Darstellungen zur Gymnasialbibliothek Lemgo im Pdf-Format anbietet.6

In den Detmold bin ich online noch nicht fündig geworden. Die Lippische Landesbibliothek weist per Schlagwortsuche nur rudimentäre Bestände nach, das meiste aus der Gegenwart, das Detmolder Landesarchiv Abteilung Ostwestfalen-Lippe gar nichts. Da ist wohl noch einiges zu entdecken, Literatur gibt’s gratis, archivierte alte Kataloge auch. Die Schule liegt nur einen Steinwurf entfernt vom Archiv.

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Stadtarchiv Lemgo, Süsterhaus (Foto: Tsungam, 2012; Quelle + Lizenz)

Literatur

Von der Homepage des Stadtarchivs Lemgo:

Schacht, [August]: Verzeichnis der vor dem Jahre 1500 erschienen Druckwerke der Lemgoer Gymnasialbibliothek. In: Steusloff, Jahresbericht über das Gymnasium zu Lemgo (Lemgo 1880), S. 17-20 (Pdf)

Weißbrodt, [Ernst]: Die fünfzig ältesten Druckwerke der Lemgoer Gymnasialbibliothek. Lemgo 1907 (Pdf)

Weißbrodt, [Ernst]: Die ältesten Bestände der Lemgoer Gymnasialbibliothek. In: Zeitschrift für Bücherfreunde 12 (1908/09) Bd. 2, S. 489-499  (Pdf)7

Weißbrodt, Ernst: Die Lemgoer Kirchenbibliotheken. In: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde, Band IX (1911), S. 184 – 208f. (Pdf)

Gerlach, Friedrich: Aus mittelalterlichen Klosterbüchereien und Archiven. Lemgo 1934  [Auszug] (Pdf)

Fischer, Stefan: Die alten Schulbibliotheken. in: Engelbert-Kämpfer-Gymnasium 1583-1983. Festschrift zur 400-Jahr-Feier, Lemgo 1983, S. 64-65 

Weiß, Lothar: Kostbarkeiten aus der alten Gymnasialbibliothek Lemgo. Lemgo 2009 

Weblinks

Stadtarchiv Lemgo: Gymnasialbibliothek

• Wikipedia: Engelbert-Kämpfer-Gymnasium

Homepage  der Schule: Schulgeschichte

• Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Österreich und Europa (Fabian Handbuch): Bibliothek des Stadtarchivs

Anmerkungen Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Die Gymnasialbibliothek in Lemgo," in bibliotheca.gym, 26/05/2020, https://histgymbib.hypotheses.org/9368.
  1. Homepage der Schule: Schulgeschichte; siehe auch Wikipedia-Artikel
  2. Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Österreich und Europa (Fabian Handbuch): Bibliothek des Stadtarchivs
  3. 2004 wurde das Staats- und Personenstandsarchiv als Abteilung 6 in das neue Landesarchiv NRW eingegliedert und Ende 2008  in Abteilung Ostwestfalen-Lippe umbenannt, Standort weiterhin Detmold.
  4. Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Österreich und Europa (Fabian Handbuch): Bibliothek des Stadtarchivs
  5. Homepage des Stadtarchivs: Gymnasialbibliothek
  6. Homepage des Stadtarchivs: Literatur
  7. Auch als Digitalisat via archive.org. Mit Dank an Klaus Graf für den Hinweis

Der seit Oktober 2012 geschlossene Lesesaal des Stralsunder Stadtarchivs wieder geöffnet

https://stadtarchiv.stralsund.de/
https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Lesesaal-des-Stralsunder-Stadtarchivs-oeffnet-wieder,stadtarchiv146.html

Ich zitiere Klaus Graf aus dem Blog Archivalia:

“Auch von den damals knapp 6.000 widerrechlich verkauften Büchern der Gymnasialbibliothek sind rund 90 Prozent wieder nach Stralsund zurückgekehrt.“ Das bezweifle ich. […]

Zur Causa Stralsund siehe bei  Archivalia:

https://archivalia.hypotheses.org/?s=causa+stralsund&submit=Suchen

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Schulprogramm Gymnasium Stralsund, 1929

Handschriften und Inkunabeln der Herzogl. Gymnasialbibliothek zu Gotha (1893)

Schulprogramm des Gothaer Gymnasiums Ernestinum (1893), aus der Digital Collection der Library of Congress, Washington, D.C.

Prof. Dr. Ehwald, Beschreibung der Handschriften und Inkunabeln der Herzogl. Gymnasialbibliothek zu Gotha nebst vier Briefen von Eobanus Hessus, Melanchthon und Niclas von Amsdorff. Gotha 1893

Metadaten: https://www.loc.gov/item/03027005/

Digitalisat: http://lcweb2.loc.gov/cgi-bin/ampage?collId=gdc3&fileName=scd0001_20020929001bepage.db

Die verstreute Gymnasialbibliothek

Gefunden bei Archivalia:

Band aus der Gymnasialbibliothek Greifswald wird für 1250 Euro angeboten

„M. Fabii Quintiliani Rhetoris Clarissimi Oratoriarum Institutionum libri XII […] (Bound with:) Isagoge, de recto decem praedicamentorum usu, inter profitendum Dialectica Trapezontii, a Christophoro Hegendorphino, in rem studiosorum dictata. […] Verlag: Ad 1: Köln (Apud Coloniam Agripp.), In officina Gymnici, 1534. Ad 2: Hagenau (Haganoae), Per Iohannem Secerium, 1529., 1534 […] Verkäufer Antiquariaat Fragmenta Selecta (AMSTERDAM, Niederlande) […] 8vo. Ad 1: (XVI),783,(1 blank) p. Ad 2: (79),(1 blank) p. 16th century calf over wooden boards. 17 cm Two works on rhetoric (Ref: Ad 1: VD16 Q 93; Schweiger 2,843; cf. Fabricius/Ernesti 2,271; Graesse 5,528/29; cf. Ebert 18448. Ad 2: Not in VD16!, we nevertheless traced a few German copies in KVK) (Details: Back, with three raised bands, expertly repaired in antique style. Boards decorated with 2 rows of blind-stamped rolls, the first one with portraits, the second with floral motives. […]) (Condition: Boards chafed, portraits worn away. Some wear to the joints. Clasps and catches gone. Oval stamp on the first title; Ownership entry on the front pastedown […]“

Quelle: ZVAB

Die im Stempel ausgewiesene „Lehrerbibliothek” gehörte dem Städtischen Gymnasium zu Greifswald,  als  Ratsschule 1561 gegründet und seit 1937 Friedrich-Ludwig-Jahn-Oberschule, heute  Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium. Über die wechselvolle Geschichte der Anstalt informiert die Schulhomepage nur rudimentär (und recht versteckt)1, fündiger wird man bei Wikipedia:  Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium, der Artikel gibt auch erste Literaturhinweise, traditionell die Darstellungen in Festschriften zu den Schuljubiläen.2 Im Rahmen der Festschrift zum 350jährigen Jubiläum 1911 erfahren wir auch etwas über eine Lehrerbibliothek:

Das Alte Gymnasium in Greifswald, Mühlenstraße. Aquarell von Anton Heinrich Gladrow (1785–1855), vor1856 (Quelle)

Nirgends spiegelt sich der Fortschritt der Zeit seit 1861 so wieder wie in den Sammlungen, Lehrmitteln und Apparaten der Schule. […] Am ehesten entsprach wohl vor 50 Jahren die Lehrerbibliothek den an sie gestellten oder zu stellenden Anforderungen, spez. aufdem Gebiete der alten Sprachen und der Geschichte. Ganz kümmerlich bedacht waren, selbst nach dem damaligen Stande der betr. Wissenschaften, die neueren Sprachen und die Erdkunde. Da ist nach allen Seiten hin gebessert worden. Die Bibliothek zählt heut 3500 Werke mit über 10000 Bänden, und für die Vermehrung und Vervollständigung sind seit einigen Jahren 500 M jährlich im Etat ausgeworfen. Alle Nachschlagewerke sind als Handbibliothek in dem geräumigen neuen Konferenz-Zimmer aufgestellt. Bibliothekare waren in dem verflossenen Zeitraume: Ob.-L. Dr. Hayduck (bis 1876), Prof. Bode, der, wie oben (S. 45) bemerkt, eine Neu-Ordnung und -Katalogisierung vornahm (bis 1903), Prof. Dr. Olsen (bis 1907) und Prof. Dr. Wildenow.3

Das Neue Gymnasium in Greifswald. Lithographie von Robert Geissler (1819–1893),1869. (Quelle)

Dieselbe Quelle erwähnt auch eine Schüler-Bibliothek:

Die Schüler-Bibliothek wurde 1900 erheblich gesichtet und dann durch eine Menge guter Jugendschriften bereichert. Sie war bis 1903 dem Prof. Bode mit unterstellt; seit dieser Zeit ist Prof. Dr. Friebe ihr Bibliothekar. Ihr Etat betrug bis 1908 400 M. ist jetzt auf 300 herabgesetzt. Sie zählt ca. 2100 Bde. – Daneben besteht seit lange […] eine Primaner-Bibliothek; sie beläuft sich jetzt auf 1870 Bde. und wird von einem, durch die Klasse für ein Jahr gewählten Oberprimaner verwaltet. Der in die Prima eintretende Schüler zahlt 3 M Eintrittsgeld, und es werden monatlich von ihm 10 Pf. Beitrag erhoben. – Auch eine Sekundaner-Bibliothek wurde (nachdem die frühere in den 90 er Jahren eingegangen) durch Prof. Dr. Wildenow neu begründet (200 Bände).4 Ein luxuriöses Lernangebot für die Eleven und ein schöner Beleg nebenbei, dass Gymnasialbibliotheken von den gelehrten Gymnasialprofessoren, Direktoren und Mitgliedern des Lehrerkollegiums, verwaltet wurden. *** Die Greifswalder Gymnasialbibliothek existiert nicht mehr. Sie kam im 20. Jahrhundert abhanden, das Fabian Handbuch der historischen Buchbestände liefert keine Treffer. Das bedeutet, dass die Bibliothek nicht, wie manche andere Gymnasialbibliothek, in der Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und der jüngeren Gegenwart an große Bibliotheken abgegeben wurde; in öffentliche Sammlungen  ausgelagerte oder abgegebene, aber dort vorhandene Bestände werden im Fabian-Handbuch ausgewiesen. Wahrscheinlicher ist, dass die Bibliothek nach 1952 im Zuge der Zerschlagung von Schul-, Hof-, Stifts-, Rats- und Kirchenbibliotheken durch die Behörden der DDR verstreut worden ist. Der 1949 neu gegründete Staat einer Deutschen Demokratischen Republik verfolgte das Ziel, die gesellschaftliche Vergangenheit vollständig zu tilgen.  Die eingesammelten Bestände wurden nach Leipzig gebracht, dort selektiert und was wertlos erschien, makuliert; wertvolle Dubletten gingen in den westdeutschen Antiquariatshandel.5 Die nach 1989 noch vorhandenen Bestände der Staatlichen Antiquariate der DDR, vor allem in Leipzig, fanden zwischen 2006 und 2010 via Ebay den Weg in den Handel. Im Jahr 2012 hatte das Münchner  Antiquariat Zisska & Schauer (heute: Zisska & Lacher) ein Exemplar eines Reineke Fuchs aus der Greifswalder Gymnasialbibliothek im Angebot gehabt.6 Der niederländische Anbieter des hier annoncierten Stücks ist ein Hinweis darauf, dass das Exemplar bereits einen längeren (Besitzer-)Weg zurückgelegt haben könnte, Provenienzangaben fehlen heute wie seinerzeit bei Zisska & Schauer völlig. *** Der Scan des Titels mit dem Bibliotheksstempel ist bei Archivalia markiert mit stralsund2020. Die Causa Stralsund, der Verkauf einer komplett erhaltenen Gymnasialbibliothek 2012 aus dem städtischen Archiv, liegt indes anders.7 In dem Stralsunder Fall spielte das Vergessen eine große Rolle. Die Bibliothek war 1945 vor dem Einmarsch der Russen in die Archivgewölbe verbracht worden; man hatte gehört, dass die Rote Armee Bücher vernichtet haben soll. In diesem Archiv lagerte sie über 40 Jahre lang, unbemerkt durch die Russen und die Staatlichen Antiquariate der DDR. Der Verkauf 2012 zeigte, dass die Strategie der DDR in den 1950er Jahren erfolgreich gewesen war: die Vergangenheit war tatsächlich vergessen worden, weder die amtierende Antiquarin noch die politische Führung der sich zum UNESCO-Welterbe gemauserten Stadt hatten eine Ahnung, welch einen verstaubten und verschimmelten Schatz sie da gehabt und nicht erkannt hatten: die Bildungsgeschichte ihrer Stadt. Beitragsbild Frontansicht des Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasiums in Greifswald, 2012. Foto: Moritz Cordes, Quelle + Lizenz Anmerkungen Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Die verstreute Gymnasialbibliothek," in bibliotheca.gym, 08/05/2020, https://histgymbib.hypotheses.org/9266.
  1. Das Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium Greifswald: Geschichte unserer Schola Senatoria
  2. Zur Geschichte des Gymnasiums zu Greifswald: Hermann Friedrich Christoph Lehmann: Geschichte des Gymnasiums zu Greifswald. Greifswald 1861. – Max Schmidt: Geschichte des Gymnasiums und der Realschule zu Greifswald von 1861 bis 1911.  Bei: Festschrift zur Feier des 350jährigen Bestehens des Gymnasiums zu Greifswald : 15611911. Greifswald ,1911 (Digitalisat)
  3. Max Schmidt: Geschichte des Gymnasiums und der Realschule zu Greifswald von 1861 bis 1911.  Bei: Festschrift zur Feier des 350jährigen Bestehens desGymnasiums zu Greifswald : 15611911. Greifswald, 1911. S. 53–54.
  4. ebenda S. 54
  5. Felicitas Noeske, „Aus meinem Journal des Luxus und der Moden (3): Barbaren (2005),“ in bibliotheca.gym, 13/09/2017, https://histgymbib.hypotheses.org/2854.
  6. Zisska & Schauer, Auktion 59, 2012. Katalog Teil 1, Teil 2
  7. Siehe dazu zum Beispiel: weblog kulturgut: stralsund