Gymnasialbibliotheken und -archive

„Rarität im Pappumschlag“

Dienstag, 25. Dezember 2018, im Westfalen-Blatt:

Von Burgit Hörrtrich

Bielefeld (B) Der Inhalt eines unbeschrifteten Pappumschlags, entdeckt im Sonderbestand der historischen Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums , entpuppte sich als Rarität. Carsten Gerwin und Benjamin Magofsky, die im Februar 2018 die Nachfolge von Dr. Johannes Altenberend als Bibliothekare antraten, entdeckten in dem Umschlag ein Bündel vergilbter Notenblätter. […]

Glückwunsch den aufmerksamen Bibliothekaren!

Siehe auch:

• Benjamin Magofsky, Carsten Gerwin: Ein Anliegen „von der grösten Nothwendigkeit“ – Die Schulbibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld im Spiegel ihrer Schul- und Bestandsgeschichte

Im Film: die alte Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld

Ein Anliegen „von der grösten Nothwendigkeit“ – Die Schulbibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld im Spiegel ihrer Schul- und Bestandsgeschichte

Benjamin Magofsky, Carsten Gerwin

Als im Jahre 1750 Gotthilf August Hoffmann (1720-1769) zum neuen Rektor des Bielefelder Gymnasiums bestimmt wurde, muss ihn ein kultureller Schock erfasst haben. Hoffmann hatte zuvor in Halle bei Christian Wolff Philosophie studiert und im Rahmen seiner pädagogischen Ausbildung an den dortigen Franckeschen Stiftungen auch deren bedeutende Bibliothek kennengelernt.

In Bielefeld jedoch fand er nichts dergleichen; viel mehr noch empfander die Region, Bielefeld „und seine höhere Schule [als] eine bibliothekarische Öde“1. Denn nicht nur in der Stadt, sondern in ganz Westfalen gab es Hoffmann zufolge keine Schulbibliotheken, „die wenigstens was zubedeuten hätten“, weshalb „die Gelehrsamkeit in Westphalen so nicht, wie anderwärts, blühet“2. Hoffmann selbst aber wusste hingegen nur zu genau:

 „Eine Schulbibliothek ist so wohl in Ansehen der Lehrenden, als Lernenden von der grösten Nothwendigkeit.“3

Ist diese Anekdote bloß eines der vielen Klischees über Bielefeld? Oder ist sie tatsächlich Indiz für die kulturelle Rückständigkeit von Region, Stadt und Schule im 18. Jahrhundert? Obgleich Immanuel Kants berühmter Artikel „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ erst 1784 formuliert und veröffentlicht wurde, schien bereits 1750 festzustehen, dass Hoffmanns „Weckruf“ zum „Ausgang aus seinerselbstverschuldeten Unmündigkeit“4 die recht verschlafene preußische Provinzstadt nicht schnell würde erreichen können.

Der vorliegende Artikel versucht, diese Frage dadurch zu beantworten, dass die Geschichte der Bibliothek anhand einiger ausgewählter Bestände vor dem Hintergrund ihrer Schulgeschichte untersucht wird.

I Katholische Lateinschule oder protestantische Schulgründung? Die Entstehung des Ratsgymnasiums

Um Hoffmanns Entsetzen des Jahres 1750 zu verstehen, müssen wir ins Jahr 1293 zurückgehen. Zu dieser Zeit wurde im Kontext der Gründung des Marienstifts der ungeplant gewachsenen Neustadt südlich des 1214 vom Graf von Ravensberg gegründeten Bielefeld („Biliuelde“) auch eine mit dem Landesherrn verbundene „schola“ urkundlich erwähnt. Diese, dem katholischen Marienstift angeschlossene Lateinschule, auf der die Söhne der Bürgerschaft die Voraussetzungen für ein Universitätsstudium erhalten konnten,5 ist der Vorläufer des heutigen Ratsgymnasiums. Leider weiß man angesichts sehr weniger Quellen heute relativ wenig über diesen Abschnitt der Schulgeschichte: Lehrpläne, Schülernamen und Frequenz des Schulbesuchs sind unbekannt,6 ihr dauerhafter Bestand somit nicht gesichert. Allein indirekt weiß man, dass z.B. insgesamt über 100 Schüler aus Bielefeld an verschiedenen europäischen Universitäten Aufnahme gefunden haben. Dass diese Lateinschule aber auch eine Bibliothek hatte,7 ist unseres Wissens nach nicht nachzuweisen.

Das Ratsgymnasium selbst fußt aber nicht allein auf diesen katholischen Wurzeln, worauf schon die reichhaltige Überlieferung der Schriften Martin Luthers in der heutigen Bibliothek hindeutet. Dazu zählen frühe Drucke seltener Briefe des Reformators oder von Luther inspirierte Musiknoten protestantischer Kirchenmusik der Renaissance8 ebenso wie eine seit 1575 entstandene, weitgehend vollständig erhaltene Werkausgabe, welche u.a. seine 1524 veröffentliche Schrift „An die Bürgermeister und Rathherrn aller Stedte“ in Deutschland, „Das sie christliche Schulen auffrichten / und halten sollen“ enthält [s. Abb. 1].

Abb. 1 Martin Luther. An die Rathherrn aller Stedte in Deutschland. An die Bürgermeister und Rathherrn aller Stedte Deutschlandes / Das sie christliche Schulen auff-richten/ und halten sollen. 1524. Titel
(Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)

Luther zufolge seien es eben nicht nur große Schätze, feste Mauern oder schöne Häuser, derer eine Stadt bedürfe; denn „das ist einer Stadt bestes und aller reichest gedein / Heil und Krafft / das sie viel feiner /gelerter / vernünfftiger / erbar / wolerzogen Bürger hat“.9

Als sich um 1553 der Protestantismus auch in Bielefeld ausbreitete, nahmen nun konsequenterweise die Ratsherren um den Bürgermeister Caspar von Greste, in dessen Wohnhaus sich die Bibliothek und ein Teil des Ratsgymnasiums heute befindet [s.Abb. 2], in Luthers Sinne die Erweiterung und Umgestaltung der seit 1293 bestehenden Lateinschule „in reformatischem Sinne in die Hand“.10

Abb. 2 Ratsgymnasium Bielefeld mit Grestschem Hof links im Bild
(Foto Benjamin Magofsky, 4.2.2012)

In der Folge wurde die Lateinschule der Bielefelder Neustadt 1558 – dem offiziellen Gründungsdatum der Schule – in eine Stadtschule zur höheren Bildung umgewandelt. „Das war in doppelter Hinsicht etwas Neues. Denn bis dahin galt die höhere Schulausbildung als Aufgabe der Kirche, genauer: der katholischen Kirche. Ihrer Überlieferung und ihren Dogmen allein war die Schule unterworfen. Jetzt beanspruchte die weltliche Obrigkeit, selbst darüber zubefinden, was gelehrt und durch wen die Jugend unterrichtet werden sollte.“11 Doch auch zu jener Zeit gibt keine Quelle Auskunft darüber, ob diese Schule auch eine Bibliothek besaß.

II Gotthilf August Hoffmann und die Entstehung der Lehrerbibliothek

Daran änderte sich auch bis zum Amtsantritt des eingangs erwähnten Gotthilf August Hoffmann vermutlich nichts. Gegen den „im toten Formalismus erstarrten Unterrichtsbetrieb und gegen die geistige Trägheit der Lehrer, die im Schulamt nur das Sprungbrett in eine gutdotierte Pfarrstelle sahen“12 , gab es, wie eingangs zitiert, für Hoffmann nur eine Lösung: Eine Bibliothek müsse her!

1753 hob Hoffmann in dem von ihm so genannten „Vortrag“, der Einladungsschrift zur Feier des Geburtstages des damaligen Königs in Preußen, Friedrich II., am 24.1.1753, in mancher Anlehnung an die oben erwähnte Lutherschrift von 1524, die Notwendigkeit einer Schulbibliothek für das Bielefelder Gymnasium hervor – wohlgemerkt als Bibliothek für Lehrer und Schüler,

 „deren Kentnis und fleissiger Gebrauch einen begierigen Jüngling in wenig Zeit weiter bringt, als der mühsame Unterricht des Lehrmeisters. Sie [die Bibliothek] lockt ihn zum Lesen, sie muntert seinen Fleiß auf, und ihr hat er die Ausdehnung seiner Einsichten zu danken. Sein Lehrer brachte ihn zwar auf den Weg, er führte ihn auch eine Zeitlang darauf bey der Hand; allein hernach übergab er ihn denandern Lehrmeistern [d.h. den Büchern], und er siehet mit Freuden, wie sein Lehrling mit starken Schritten zur Weisheit eilet.“13

Auch wenn Hoffmann all dieser aufklärerischen Gedanken zum Trotz – oder gerade wegen ihres Konfliktes mit den Persistenzen in der Stadt Bielefeld – 1758 resigniert sein Amt aufgab, hatte er es zuvor geschafft, eine Lehrerbibliothek zu initiieren. Sein eigentliches pädagogisches Anliegen, dass diese Büchersammlung Lehrerbibliothek und Schülerbibliothek zugleich sei, konnte jedoch weder er noch einer seiner Nachfolger verwirklichen.14

III Der Ausbau der Lehrerbibliothek im preußischen Westfalen

So kam die Bibliothek bis 1815 trotz mancher Schenkungen der Bielefelder Bürgerschaft sowie der Unterstützung durch die Stadt über Zinseinnahmen aus einem Nachlass und sogar einer Lotterie zur Finanzierung von Buchkäufen nicht über weithin unbedeutende 400 Bücher hinaus.

Erst auf Druck des Oberpräsidenten der neu gegründeten preußischen Provinz Westfalen, Ludwig von Vincke (1774-1844), und des neuen Rektors der Schule, August Krönig (1815-1837)stellte die Stadt Bielefeld mehr Geld zur Verfügung, um die Bibliothek zweckdienlich aufzubauen und vermehrt Bücher zu erwerben. Entsprechend dieser von der preußischen Führung neu zugewiesenen Bedeutung waren Schwerpunkte des Bucherwerbs „bis zum Kaiserreich altphilologische oder solche historische Werke, welche die militärischen und staatlichen Leistungen der preußischen Monarchiehervorhoben“.15

Trotzdem wäre diese Lehrerbibliothek heute kaum mehr als „eine Durchschnittsbücherei“16 und vermutlich längst aufgelöst worden, wenn sie nicht zwei wichtige Erbschaften hätte antreten können, die sie schlagartig „zu einem auch über die Stadt Bielefeld hinaus bedeutsamen Kulturdenkmal“17 werden ließen.

IV Die Säkularisation des Franziskanerklosters St. Jodokus und die Auflösung der dortigen Klosterbibliothek

Infolge der napoleonischen Eroberungen und Besatzungen waren mit dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 und der Gründung des Rheinbundes 1806 bereits zahlreiche Klöster säkularisiert worden, deren Eigentum und Vermögen dem jeweiligen Landesherrn zugeschlagen wurde. An dieser Entwicklung änderte auch Napoleons endgültige Niederlage 1815 nichts. So verfolgte der Bielefelder Stadtdirektor Ernst Friedrich Delius seit 1817 das Ziel, das örtliche Franziskaner-Kloster aufzuheben, um darin u.a. das Gymnasium neu unterzubringen. Dies ist ihm 1829 mit Unterstützung der preußischen Regierung schließlich auch gelungen.18

Eine große Zahl der 2.300 Bücher (darunter zahlreiche mittelalterliche Handschriften und Inkunabeln) der seit 1502 zusammengetragenen Franziskaner-Bibliothek, die damals als „bedeutendste Büchersammlung Bielefelds“19 galt, ging zwar auf Anordnung der preußischen Provinzialregierung in Münster in die dortige Bibliothek des Paulinums; Bestände, die als weniger wertvoll angesehen wurden, sollten an ein Antiquariat verkauft oder sogar als Altpapier verwertet werden.20

Mit dem Umzug des Gymnasiums in das ehemalige, umgebaute Brauhaus des aufgelösten Franziskanerklosters im Jahre 1831 erhielt die Schule unter Leitung Krönigs schließlich den verbliebenen Bestand an Handschriften, Inkunabeln und Postinkunabeln, die ins Lehrerzimmer überführt wurden, das zugleich als Raum für die Lehrerbibliothek mitgenutzt wurde.21

Abb. 3 Jacobus de Voragine. Legenda aurea sanctorum seu historia Lombardica. 1480
(Ratsgymnasium Bielefeld. Bibliothek)

Eines der wertvollsten Bücher der Bibliothek ist ohne Zweifel die Handschrift der „Legenda aurea“ [s. Abb. 3], eine vom Dominikaner und Genueser Bischof Jacobus de Voragine im 13. Jahrhundert verfasste Sammlung von Heiligengeschichten. Das im Ratsgymnasium vorhandene, 1480 von einem gewissen Gerardus abgeschriebene Exemplar erhält eine kirchen- und regionalgeschichtliche Besonderheit: nämlich einen nur in dieser Fassung überlieferten Translationsbericht des Paderborner Bistumsheiligen Liborius, dessen Reliquien 836 von Le Mans nach Paderborn überführt wurden, nebst einer Kurzvita.22

Abb. 4 Thomas de Aquino.
Scriptum super quarto sententiarum. 1481
(Ratsgymnasium Bielefeld. Bibliothek)

Die Legenda aurea verdeutlicht, dass die Schwerpunkte der Sammlung des Franziskaner-Klosters auf theologischen und religionsphilosophischen, kirchenrechtlichen und kirchengeschichtlichen Büchern lagen, was auch die über 300 Postinkunabeln wie „Decivitate dei“ von Augustinus (1505) oder zahlreiche Inkunabeln, u.a. des Thomas von Aquin [s. Abb. 4], belegen.23

V Eine Gelehrtenbibliothek für ein preußisches Gymnasium: Die Privatsammlung Loebells

Abb. 5 Johann Wilhelm Löbell, gez. von C. Sohn (Ratsgymnasium Bielefeld. Bibliothek)

Die zweite für die Bibliothek bedeutsame Erweiterung ist mit dem Namen Johann Wilhelm Loebell verbunden. Loebell [s. Abb. 5] stammte aus einer jüdischen Familie und konvertierte später zum reformierten Bekenntnis. Er studierte in Heidelberg, Berlin und Breslau Philologie und wurde 1831 Professor für Geschichte in Bonn. 1848/49, also zur Zeit der Revolution, war er Rektor dieser Universität.

1856 inserierte der kinderlose Gelehrte in einer Zeitschrift, dass er nach dem Ableben seine fast 7.000 Bände zählende Büchersammlung einem preußischen Gymnasium vermachen wolle. Das Bielefelder Gymnasium hatte sich zwar auf diese Annonce beworben, war aber dennoch völlig überrascht, als man 1863 aus der Kölnischen Zeitung erfuhr, die Privatbibliothek des verstorbenen Prof. Loebell sowie dessen Privatkapital zur Erwerbung neuer Bücher geerbt zu haben.24

Eine Bedingung hatte Loebell indessen gestellt: seine Sammlung müsse zusammen aufgestellt werden.

Und so befindet sie sich die Gelehrtenbibliothek noch immer im ersten Obergeschoss des Ratsgymnasiums [s. Abb. 6]Es war und ist eine „schöne, mit Sorgfalt gesammelte Bibliothek […], die einen einheitlichen, man kann sagen, persönlichen Charakter“25 trägt.

Abb. 6 Die Loebellsche Bibliothek. Das erste Obergeschoss der Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld

Schwerpunkte seiner Sammlung sind zunächst natürlich die Geschichte, Loebells Hauptfach. Dazu zählen sein Hauptforschungsgebiet, das Frühmittelalter,26 ebenso wie eine „reichhaltige Sammlung politischer Schriften aus der Zeit der nationalen Erhebung, der Restauration, des Vormärz, des Jahres 1848 und der Paulskirche“27. Von der Ernst Moritz Arndt zugeschriebenen Flugschrift mit dem Wahlaufruf zur Frankfurter Nationalversammlung, „Wahlmann, wähle Dahlmann“, sind beispielsweise nur zwei Exemplare nachweisbar.28 Den zweiten Schwerpunkt bildet die deutsche Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, vor allem Lessing, Wieland, Goethe und sein Freund Ludwig Tieck, mit dem er im Briefwechsel stand29 und zu deren literarisch hoch bedeutender Zeit Loebell ebenfalls Vorlesungen hielt und forschte30. Dazu kommen Klassiker in lateinischer, englischer und französischer Sprache, z.B. auch eine französische Gesamtausgabe von Voltaire in 125 Bänden.

Diese Ereignisse und Entwicklungen des 19. Jahrhunderts führten dazu, dass die Zahl der Bände in der Bibliothek rasant in Zahl und Bedeutung auf 13.000 im Jahre 1875 anstieg.31

VI Humanistische Bildung und heutige Bedeutung der Bibliothek

DIe Biographie Loebells verweist zudem auf das, was das Ratsgymnasium Jahrhunderte lang ausgezeichnet hat: die humanistische Bildung. Dieser „humanistische Bildungsgedanke zielt“, wie es im Schulprogramm des Ratsgymnasiums von 2008 heißt, „auf die umfassende Bildung der Persönlichkeit“ab.32

Abb. 7 P. Virgilii Maronis. cum Veterum omnium commentarris. 1644. Titelkupfer
(Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)

In der Geschichte des Ratsgymnasiums war humanistische Bildung jahrzehntelang zunächst natürlich fast gleichzusetzen mit altsprachlicher Bildung. So hatte im Wintersemester 1815/16 am Bielefelder Gymnasium ein Schüler in der Prima, also in seinem letzten Schuljahr, 30 Unterrichtsstunden, davon 5 in Altgriechisch, 10 in Latein.33

Abb. 8 Römisches Lagerbild. Ansprache Kaiser Trajans vor der Schlacht(Ausschnitt). Carl Leonhard Becker, undatiert (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)

Entsprechend reichhaltig ist in der Bibliothek des Ratsgymnasiums noch heute die Überlieferung der alten Sprachen und der römischen Geschichte vertreten, wie die 
klassischen Werke der griechischen und lateinischen Literatur [s. Abb. 7], aber auch die Kartensammlung und zahlreiche Schautafeln belegen [s. Abb. 8].

Je mehr sich im 19. und 20. Jahrhundert nun Wissenschaften und Schulfächer ausdifferenzierten, desto stärker wurden in der Bibliothek auch neuere, indessen oftmals weit weniger bedeutende Werke gesammelt.

Diese Erweiterungen eingeschlossen zählt der Katalog der Bibliothek heute ca. 60 Handschriften und Inkunabeln sowie über 300 Postinkunabeln unter insgesamt über 25.000 Bänden. Der ehemalige Bibliothekar Karl Raab schrieb bezeichnenderweise schon im Jubiläumsjahr 1958 (man beging traditionsreich den 400. Geburtstag der Schule):

„Eine Schule aber, die solches Erbe in ihre Obhut genommen hat, besitzt gegenüber dem vielfachen Drängen nach ,realistischenʼ Unterrichtszielen ein dauerndes Memento: Wahre Bildungsarbeit darf nicht lediglich von Nützlichkeitserwägungen getragen sein“.34

Somit bleibt abschließend zu hoffen, dass sich das Ratsgymnasium seiner humanistischen Bildungstradition bewusst bleibt und der kulturellen Bedeutung seiner historischen Bibliothek weiterhin (Be-)Achtung zollt, um die künftigen Herausforderungen schulischer Praxis im (er-)kenntnisreichen Rückblick auf ihre facettenreiche Geschichte innovativ, jedoch im positiven Sinne traditionsbewusst gestalten zu können. Denn eine solche Bibliothek ist, in den Worten Gotthilf August Hoffmanns, wahrlich „von der grösten Nothwendigkeit“.

Anmerkungen

Diesen Artikel zitieren: Benjamin Magofsky / Carsten Gerwin, „Ein Anliegen ‚von der grösten Nothwendigkeit‘ – Die Schulbibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld im Spiegel ihrer Schul- und Bestandsgeschichte“, in bibliotheca.gym, 18/12/2018, https://histgymbib.hypotheses.org/6605

 

  1. Flachmann, H. (1991): Zur Geschichte der Bibliothek des Bielefelder Ratsgymnasiums von ihrer Gründung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. In: Ravensberger Blätter. Heft 2/ 1991. S. 3-16, hier S. 5.
  2. Gotthilf August Hoffmann (1953): Gotthilf August Hoffmanns Einladung zur abermaligen Feier des Königlichen Geburtstages auf den 24sten Jenner 1753. Bielefeld. S. 7. Die Schreibweise folgt dem Original.
  3. Ebd. S. 3.
  4. Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift. Dezember 1784. Heft 12. S. 481-494, hier S. 491.
  5. Vgl. dazu Korte, F. (2010): Das Ratsgymnasium Bielefeld. In Stift, Stadt und Staat seit 1293. Bielefeld. S. 5 ff., sowie zuletzt Sigler, Sebastian (2018): Wie alt ist das Ratsgymnasium? Veröffentlicht am 6.10.2018. Online unter www.rats1293.de, abgerufen am 16.11.2018.
  6. Vgl. Vogelsang, R. (2008): Bürgerschule und Gelehrtenanstalt – 450 Jahre Gymnasium in Bielefeld. In: Altenberend, J. / W. Schröder (Hrsg.) (2008): Deo et Literis. Schule mit Geschichte – Schule mit der Zeit. Festschrift zum 450-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasiums Bielefeld. Bielefeld. S. 11-48, hier S. 12.
  7. Vgl. dazu die Erläuterungen und Einschätzungen von Korte 2008: S. 14 ff., und 132.
  8. s. dazu Gerwin, C. / Magofsky, B. (2018): Eine Rarität in der Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums – David Kölers „Psalmen Davids“ aus dem Jahr 1554. In: Ravensberger Blätter. 2. Heft 2018. S. 1-13.
  9. Martin Luther, An die Rathherrn aller Stedte in Deutschland. An die Bürgermeister und Rathherrn aller Stedte Deutschlandes / Das sie christliche Schulen auffrichten / und halten sollen, in: Der ander Teil aller deutschen Bücher und Schrifften des thewren / seligen Mans Gottes D. Mart. Lutheri, gedruckt zu Jhena / durch Thomas Rebarts seligen nachgelassene Erben. Jena 1585. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek). S. 458.
  10. Herwig, C. (1908): Geschichte der Anstalt. In: Bertram, Th. u.a. (1908): Festschrift zum 350jährigen Jubiläum des Gymnasiums und Realgymnasiums zu Bielefeld am 5. und 6. August 1908. S. 1-110, hier S. 1. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  11. Vogelsang 2008: S. 11.
  12. Raab, K. (1958): Mittelalterliche Handschriften in der Bielefelder Gymnasialbibliothek. In: [o. Hrsg.]: Festschrift zum 400-jährigen Jubiläum des Staatlich-Städtischen Gymnasiums zu Bielefeld. Vom 24.-27. Juli 1958. Bielefeld. S. 237-250, hier S. 237 f. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  13. Hoffmann 1753: S. 5.
  14. Vgl. Altenberend, J. / R. Köhne (2008): Die Bibliothek des Ratsgymnasiums. In: Altenberend, J. / W. Schröder (Hrsg.) (2008): Schule mit Geschichte. Schule mit der Zeit. Festschrift zum 450-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasiums. Bielefeld. Bielefeld. S. 93-106, hier S. 93.
  15. Flachmann 1991: S. 15.
  16. Raab 1958: S. 238.
  17. Altenberend / Köhne 2008: S. 101.
  18. Ebd. S. 97.
  19. Rüthing, H. / O. Schirrmeister (1992): Bielefeld-Franziskaner. In: Hengst, K. (Hrsg.) (1992): Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung. Teil 1. Münster. S. 76-81, hier S. 79.
  20. Vgl. Altenberend / Köhne 2008: S. 97.
  21. Ebd.
  22. Jacobus de Voragine, Legenda aurea sanctorum seu historia Lombardica. Köln 1480. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  23. Thomas de Aquino. Scriptum super quarto sententiarum. Venedig. Johann von Köln, Nicolaus Jenson. 1481. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  24. Altenberend / Köhne 2008: S. 101.
  25. Bertram, T. (1908): Geschichte der Bibliothek des Bielefelder Gymnasiums. In: [o. Hrsg.]: Festschrift zum 350jährigen Jubiläum des Gymnasiums und Realgymnasiums zu Bielefeld. Am 5. und 6. August 1908. Bielefeld. S. 111-125, hier S. 119. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  26. Vgl. Loebells geschichtswissenschaftliches Hauptwerk: Loebell, J. W. (1839): Gregor von Tours und seine Zeit. Vornehmlich aus seinen Werken geschildert. Ein Beitrag zur Geschichte der Entstehung und ersten Entwickelung romanisch-germanischer Verhältnisse. Leipzig. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  27. Altenberend / Köhne 2008: S. 103.
  28. Altenberend, J. (2013): Eine Rarität in der Bibliothek des Bielefelder Ratsgymnasiums zur Bonner Revolutionsgeschichte 1848: „Wahlmann wähle Dahlmann“. In: Ravensberger Blätter. Erstes Heft 2013. S. 48-51.
  29. Vgl. dazu Isringhausen, H. (2008): „Mein teurer, geliebter Freund!“ Johann Wilhelm Loebells Briefe an Ludwig Tieck. In: In: Altenberend, J. / W. Schröder (Hrsg.) (2008): Schule mit Geschichte. Schule mit der Zeit. Festschrift zum 450-jährigen Jubiläum des Ratsgymnasiums. Bielefeld. S. 107-118.
  30. Vgl. Loebell, J. W. (1854: Die Entwickelung der deutschen Poesie von Klopstock’s erstem Auftreten bis zu Goethe’s Tode : Vorlesungen, gehalt. zu Bonn i. Winter 1854.
  31. Altenberend / Köhne 2008: S. 104.
  32. Ratsgymnasium Bielefeld (2008): Schulprogramm und Schulprofil. Ratsgymnasium Bielefeld. Bielefeld. S. 3. (Ratsgymnasium Bielefeld, Bibliothek)
  33. Vgl. Vogelsang 2008: 21.
  34. Raab 1958: S. 250.

Luchts Hand

Die Göttliche Komödie, die weltberühmte Comedia des Dante Alighieri (1265 – 1321), Beginn des 24. Gesangs im zweiten Teil, dem Purgatorio. Dante und Vergil erklimmen über insgesamt sieben Terrassen den aus einem Meer herausragenden Läuterungsberg. Auf jeder Stufe treffen sie auf die Seelen Verstorbener, die der Hölle, dem trostlosen Inferno, entronnen sind und in der Hoffnung auf das Paradies ihre Sünden in Form von deren Umkehrung ins Gegenteil büßen dürfen. Auf der sechsten Terrasse begegnen die beiden Reisenden – und damit beginnt der 24. Gesang – den Seelen der Maßlosen, die in Hunger und Durst schmachten müssen.

Es wird gebüßt. Beginn purg. XXIV, Codex Altonensis fol. 79v. Bibliothek des Christianeums, Hamburg. Signatur R 7/2

Der Künstler, der um 1360 die Szene im Codex Altonensis, der Handschrift der Comedia aus der Bibliothek des Christianeums, mit Wasserfarben in feiner Lasurtechnik illustrierte, füllte die Lücke, die der Schreiber für ihn auf dem Pergamentblatt zwischen den italienischen Terzinen, den Strophen aus drei Versen, ausgespart hatte und hielt sich dabei genau an den Text: „El [=ne il] dir landar nel andar lui piu lento / facea ma ragionando andavam forte / si come nave pinta da buon vento“ (Reden und Gehen taten wechselseitig / Sich keinen Eintrag, und wir gingen eilends / Gleich wie ein Schiff von gutem Wind getrieben)  Die untere Terzine lautet: „Et lombre che parean cosa rimorte / p[er] le fosse delli occhi ammiratione / traevan me di mio vivere accorte“. (Und jene mehr als toten Schatten starrten / Verwundert aus den Höhlen ihrer Augen / Auf mich, da sie mich lebend noch gewahrten.) 1 Neben diese Verse und unter die aus den Höhlen ihrer Augen starrenden mehr als toten Schatten, nackt und in einen Schleier aus Fegefeuer gehüllt, schrieb eine Hand des 19. Jahrhunderts mit Tinte in festen kleinen Buchstaben – und mit einem Punkt hintendran – das Wort Lucht.

Direktor Lucht. Fotografie: Archiv des Christianeums, Hamburg

Professor Dr. Marx Johannes Friedrich Lucht (1804 – 1891), Träger des Roten Adlerordens 3. Klasse, war von 1853 bis 1882 Direktor des Christianeums und hält damit den Anstaltsrekord der längsten Amtszeit. Der Philosoph und Pädagoge Friedrich Paulsen (1846 – 1908), Schüler des Christianeums von 1863 bis 1868, hinterließ in seiner autobiographischen Schrift Aus meinem Leben. Jugenderinnerungen, erschienen in Jena 1909, ein recht lebendiges Bild der Erscheinung Luchts:

Er war ein Mann zwischen 50 und 60, eine hohe, schlanke, überaus biegsame Gestalt, in beständiger Bewegung; ein kräftig gebauter hoher Schädel, von weißen Haaren weniger verdeckt als umrahmt, gab ihm etwas Ehrwürdiges. Er stand bei uns im Ruf großer Gelehrsamkeit besonders im Gebiet der römischen Altertümer.

Codex Altonensis, fol. 79v (Detail)

Professor Luchts besonderes Verdienst bestand in der Pflege der Großen Bibliothek der Anstalt, deren systematische Aufstellung er ab 1854 besorgte und gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Peter Schreiner Frandsen in insgesamt 17 Bandkatalogen erfasste. In diesen Folianten ist – neben den zahlreichen Manuskripten Luchts in den Dokumenten des Christianeumsarchivs – seine überaus charakteristische Handschrift erhalten: fest, winzig und ohne durchgehenden Duktus, d.h. die Buchstaben sind einzeln gesetzt und weisen typische kleine Schnörkeleien und Häkchen auf. Hinter seine Unterschrift setzte er stets einen Punkt. Die Schrift im Codex Altonensis, in der eine vorwitzige Hand „Lucht.“ unter die starrenden Seelen malte, ist die Luchts; aber war es wirklich seine Hand?

M. J. F. Lucht war mit Leib und Seele Philologe und hatte 1878 den Codex Altonensis ausführlich im Schulprogramm, dem jährlichen Bericht des Christianeums zu Altona, beschrieben. Er wusste um den Wert dieser Handschrift und ahnte bereits ihren hohen Rang innerhalb der Überlieferung des italienischen Nationalepos. Schwer vorstellbar ist angesichts dieser Gelehrsamkeit, dass er sich auf dem jahrhundertealten Pergamentblatt 79 verewigte, warum auch? Und warum ausgerechnet unter den augenlos starrenden mehr als toten nackten Seelen?

Unterschrift von Direktor Geheimrat Dr. Lucht unter einem Schulzeugnis. Archiv des Christianeums, Hamburg

Ein Blick durch die Lupe zeigt, dass er’s nicht war. Zwar sind die Buchstaben seiner Unterschrift perfekt nachgeahmt, aber die Tinte ist nicht die Luchts und die Buchstaben sind, im Gegensatz zu Luchts kleinen, persönlichen Federzügen, zu bewusst aufgemalt. Da hatte jemand geübt. Lucht unterschrieb alle Zeugnisse und Schriftstücke mit seinem Nachnamen: Lucht. Punkt. Jeder Kollege und jeder Schüler hatte die unverwechselbare Signatur des Christianeumsdirektors irgendwann zur Hand. Wer war der freche und geübte Vandale? Ein Kollege, den in einem unbeobachteten Moment der Hafer stach bei der Betrachtung der in Fegefeuer gehüllten Buße in einer spätmittelalterlichen grandiosen Prachthandschrift? Oder gar ein Schüler, zum Studium der großen Dichtung im Original gezwungen oder verführt?

Friedrich Paulsen erinnerte sich an Luchts Gegenwart so:

Sein Unterricht büßte an Wirksamkeit durch einen gewissen Mangel an Energie ein, er hatte nicht das Vorwärtsdrängende, das die Jugend mitnimmt; schon die schleppende, mit eingeschobenen, mißtönenden Flicklauten, die sich oft zu ganzen Reihen häuften, überladene Sprache gab seinen Stunden oft etwas Schläfrig-Mattes.

Vielleicht sah sich jemand, wer immer er auch war, angesichts der nebenstehenden Verse Dantes und des mittelalterlichen Bildes an diese Gegenwart erinnert.

Abbildungen

Beitragsbild: Codex Altonensis, fol 79v  Foto: Klaus Graf (Quelle + Lizenz); +Abb. Detail. Alle anderen Abbildungen: Bibliothek und Archiv des Christianeums, Hamburg

Editorische Notiz

Der Aufsatz erschien erstmals in:  © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 66. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2011 (online auf der Homepage des Christianeums).2

Anmerkungen Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Luchts Hand," in bibliotheca.gym, 18/12/2018, https://histgymbib.hypotheses.org/6366.
  1. Übersetzungen: Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Italienisch und Deutsch. Übersetzt von Hermann Gmelin. II. Teil: Der Läuterungsberg. Stuttgart 1974, S. 283
  2. Der Aufsatz Luchts Hand in © Christianeum  (2/2011)  wurde der erste einer Reihe von Bagatellen aus dem Codex Altonensis, die ich hier im Blog bibliotheca.gym ab 2016 fortsetzte. Intention dieser Kleinigkeiten aus dem Cod.alt. ist  nicht zuletzt,  Bilder der jpg.-Version eines Terabyte schweren Digitalisats des Codex  aus dem Jahr 2013 vorzustellen, das als Sicherung eines einmaligen schriftlichen Kulturguts Europas irgendwann einmal – so steht zu hoffen – als Ganzes der interessierten Öffentlichkeit zur Anschauung bereit gestellt werden  möge.

Die Bibliothek des Bozner Franziskanergymnasiums

Vor gut zweieinhalb Jahren habe ich einen kleinen Artikel zur Bibliothek des Franziskanergymnasiums in Bozen verfasst, angeregt durch ein Zitat  zu dieser Sammlung .  Dort erwähnte ich in einer Fußnote, dass eine Bestandsbeschreibung im Entstehen sei, sie ist jetzt erschienen:

Angelika Pedron, Reinhard Pichler, Manfred Schmidt:
Die Bibliothek des Bozner Franziskanergymnasiums. Erschließung Historischer Bibliotheken in Südtirol (EHB), Band 12.  – Provinz Verlag, Brixen 2018.

Die Neuerscheinung wurde am vergangenen Freitag, den 14. Dezember, in Bozen vorgestellt.  Die Bibliothek mit einem Umfang von ca. 70.000 Bänden hält unter anderem zahlreiche Frühdrucke, illustrierte naturwissenschaftliche Werke und ein Exemplar der Enzyklopädie von Denis Diderot in ihrem Bestand, Werke, auf die in der Publikation besonders eingegangen wird. In der wechselvollen Geschichte des 1872 gegründeten Gymnasiums blieb die mit seinerzeit ungefähr 5000 Bänden eingerichtete sogenannte „Professorenbibliothek“ ungeteilt an ihrem Ort erhalten.1

Angelika Pedron besorgte, unter Mitwirkung von Klara Tutzer, bereits die Darstellung der Bibliotheken des Vinzentinums und Johanneums in Brixen, zweisprachig dt./ital. 2015 als Band 10 der Reihe EHB erschienen. 2

Erschließungen historischer Schulbibliotheksbestände, so nachhaltig und großzügig finanziell gesponsert wie die in Südtirol durch die Stiftung Südtiroler Sparkassen, sind mir in Deutschland in dieser Form bislang nicht bekannt geworden. Wo bleiben hierzustaate die Stiftungen, Forschungsgemeinschaften, Gönner und Mäzene für solch vorbildliches Vorhaben?

Siehe auch bei bibliotheca.gym:

Toller Fund in der Bibliothek des Franziskanergymnasiums in Bozen
Die Büchersammlungen des Vizentinums in Brixen (Rezension)
Inkunabeln in Gymnasialbibliotheken: Brixen
Gymnasialbibliotheken in Südtirol

Anmerkungen
  1. „Dolomiten“ vom 15./16. Dezember 2018, S. 16
  2. bibliotheca.gym: Die Büchersammlungen des Vinzentinums in Brixen (Rezension)

Verein der Verschwender

„La Consuma“, Via Garibaldi 47, Siena. Foto: Sailko (Quelle + Lizenz)

Im 13. Jahrhundert war Siena in der italienischen Toskana eine reiche Stadt.  In einem Haus, das sich mit der Hausnummer 47 in der heutigen Via Garibaldi erhalten hat, soll sich im urbanen Mittelalter regelmäßig eine Gruppe junger Männer mit einem einzigen Ziel getroffen haben: ihr Geld zu verprassen – als eine brigata spendereccia (oder ebenfalls überliefert: godereccia), ein Verschwenderclub. Genießen, bis das Geld alle ist und man sich als Club wieder auflösen kann. Wir wissen nicht, ob derlei Ziel erreicht wurde; laut Dante Alighieri (1265-1328) wird indes ein solcher Trupp geradewegs in die Hölle denunziert. 

Im Text wird sich gekratzt, unten im Bild wird geprasst. Dante Alighieri, La Comedia, inf. XXIX, V. 88-139; rechte Spalte in Rot: Beginn inf. XXX. Codex Altonensis, zweite Häfte 14. Jahrhundert, fol. 40r. Hamburg, Bibliothek des Christianeums, Sign. R 7/2

Im Inferno der  Commedia  des Dante trifft der Dichter, mit Vergil auf Höllenreisen, am Ende des 29. Gesangs auf zwei mit Krätze geschlagene Sünder, zwei Gaukler. Den einen, einen Alchimisten aus Arezzo,  hatte ein von dessen Gaukeleien enttäuschter Sieneser  verbrennen lassen (V. 109-120).  Der andere Aussätzige verdeutlicht im Folgenden in einem ironischen Lamento  die Klage gegen Siena mit dem Beispiel einer brigata (V. 130) – er erzählt von einem Stricca, der sein Geschäft vernachlässigt haben soll, einem Niccolò, der im Garten herumdilettiert habe,  einem  Caccia d’Asciano, der  angeblich seinen ganzen Besitz durchbrachte und einem Abbagliato, der anscheinend nur dummes Zeug erzählte (V. 121-132).  Den Sienesern, so die Botschaft der sich unentwegt kratzenden Hölleninsassen, ist nicht zu trauen! Das erzählende Ich pflichtet bei: die Sieneser seien eitel (V. 123: gente vana), noch eitler als die Franzosen. Das will etwas heißen. Dante kam aus Florenz.

Siena und Florenz waren in der Auseinandersetzung zwischen Guelfen und Ghibellinen im 13. Jahrhundert Gegner, man stand sich auch auf dem Schlachtfeld gegenüber. Beide Städte waren reich, und Florenz wollte immer schon gern Siena vereinnahmen, die Höhenlage der wehrhaft ummauerten Stadt indes ließ das nicht so einfach zu.  Scharmützel zwischen Papst und Kaiser waren von den jeweiligen städtischen Räten, durchweg reiche Bürger, vermutlich nicht ungern gesehene ideologische Begründung für einen Wirtschaftskrieg. Gewonnen hat ihn keiner.

Leonardo (1452 bis 1519), Hubschrauber. Zeichnung; British Museum, London (Quelle + Lizenz)

Der Dichter ist nicht neutral, warum auch. Zumal die eitlen Sieneser, so die Klage der Kranken,  gerechterweise viel eher in der Hölle herumzusitzen haben als sie, die zu Unrecht gerichteten Gaukler. Sie hatten einen jungen Sieneser geprellt mit der Aussicht, dieser werde fliegen können. Leider konnte kein Dädalus aus ihm gezaubert werden (V. 112-116). Dumm und eitel – das will man in Florenz nicht gewesen sein; und die Idee für eine Flugmaschine, zu Papier gebracht von einem Genie aus Vinci, muss noch ein wenig warten.

Weblinks

La Briagata spendereccia (bei: Bibliotheca Altonensis)
Brigata spendereccia (bei: Wikipedia, italienisch)
Inferno, canto XXIX (bei: La Divina Commedia, italienisch)

Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Verein der Verschwender," in bibliotheca.gym, 02/12/2018, https://histgymbib.hypotheses.org/5777.

#Netzwerk/News

Neuigkeiten aus dem Netzwerk Historische Schulbibliotheken:

# Wir haben bereits eine Fußballmannschaft zusammen, das Training kann beginnen!

# Die Agenda der Rastatter Runde ist als Pdf nun abrufbar.

# Die Historische Bibliothek des Domgymnasiums Verden erlebt gerade einen veritablen Presserummel nebst Aufmerksamkeit der zuständigen Entscheidungsgremien in der Verwaltung, nachzulesen auf der Seite der Bibliothek, u.a. mit Links zur Verdener Aller Zeitung (1, 2, 3).

Johann Adrian Bolten

Johann Adrian Bolten (1742 – 1807) stammte aus Süderstapel, heute an der Grenze zwischen Schleswig-Flensburg und Dithmarschen, wo sein Vater Hermann als Pastor tätig war. Er war ein Enkel des ersten Altonaer Propstes Johann Bolten (1678–1758) und ebenso wie einer seiner Onkel, Johann Boltens Sohn Johann Christian, Hermanns Bruder, Schüler des Christianeums; der Onkel, geboren 1727, wurde ein bekannter Altonaer Arzt, der sich erfolgreich der neuen Disziplin der Seelenkunde widmete, aber bereits 1757 knapp 30jährig verstarb. Seinen eigenen 1783 geborenen Sohn Hermann Christian schickte Johann Adrian Bolten 1799 ebenfalls aufs Christianeum, nahm ihn aber laut Eintrag im Matrikelbuch  1801 wieder von der Schule, um ihn privat zu fördern.1

Laut Matrikeleintrag2 schloss Johann Adrian am 23. April 1760 seine Schullaufbahn am Christianeum mit einer Disputatio publica ab zum Thema Keri et Kethio (i.e.: Ketib und Qere), einem sprachwissenschaftlichen Aspekt: Ketib und Qere bezeichnen die Leseanweisungen am Rand mittelalterlicher hebräischer Handschriften. Johann Adrian studierte anschließend in Kopenhagen Theologie und orientalische Sprachen, war nach den mit einer Promotion abgeschlossenen Studien zunächst als Pfarrer in Wöhrden (Dithmarschen) tätig und wirkte ab 1772 bis zu seinemTode als Prediger für St. Trinitatis in Altona.

Johann Adrian Bolten besaß eine große Bibliothek, aus der das Christianeum 1808, ein Jahr nach Boltens Tod, auf einer Auktion die umfangreiche Sammlung von 41 Inkunabeln3 erwarb. Die Inkunabelsammlung4 zeigt ein breitgefächertes Interesse ihres Vorbesitzers an theologischen und historischen Fragen des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit und bildete damit die wissenschaftliche Grundlage seiner Ambitionen als Verfasser von Historische Kirchen-Nachrichten von der Stadt Altona und deren verschiedenen Religions-Partheyen […], erschienen in zwei Bänden in Altona 1790 und 1791.5 Johann Adrian Bolten beschrieb desgleichen die Geschichte Dithmarschens und des Herzogtums Schleswig. Er wirkte mit bei der Publikation Hamburg und Altona. Eine Zeitschrift zur Geschichte der Zeit, der Sitten und des Geschmacks, die von 1801 bis 1805 erschien.

Editorische Notiz

Den hier leicht gekürzten und mit Links versehenen Artikel verfasste ich 2011 für die Homepage des Christianeums, Hamburg:  Scrinia selecta – Inkunabelsammlung Johann Adrian Bolten (1742-1807); er findet sich dort als Pdf verlinkt.

Anmerkungen Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Johann Adrian Bolten," in bibliotheca.gym, 26/11/2018, https://histgymbib.hypotheses.org/5468.
  1. Die Matrikel des Christianeums zu Altona 1738–1850. Bearbeitet von Bernd Elsner. Beiträge zur Geschichte Hamburgs. Herausgegeben vom Verein für Hamburgische Geschichte Band 54, Hamburg 1998; Matrikel Nr. 628; siehe dort auch Johann Christian 94
  2. Martikel Nr. 276
  3. Siehe dazu bibliotheca.gym: Inkunabeln in Gymnasialbibliotheken: Hamburg. Lehrerbibliothek des Christianeums
  4. Liste der Inkunabeln der Bibliothek des Christianeums (2013, Pdf), S. 4 – 11
  5. Digitalisate BSB München 1790, 1791

Bibliothek des Kaiser-Karls-Gymnasiums in Aachen

Zum kürzlich in Rastatt gegründeten Netzwerk Historische Schulbibliotheken meldete sich neben dem Ratsgymnasium Bielefeld auch das Kaiser-Karls-Gymnasium in Aachen, das eine historische Buchsammlung hält.

Dort gibt es eine Bibliotheks-AG, die die Schülerinnen und Schüler in diese Sammlung einführt.1 Der Ansatz, neben den bibliothekarischen Aufgaben zur Bewahrung einer historischen Buchsammlung auch besonders auf deren Vermittlung bei den jungen Leuten zu achten, ist unbedingt zu begrüßen!2

Das Netzwerk freut sich, dass Aachen mitmacht!

Abbildung

Gebäude des Kaiser-Karls-Gymnasiums in Aachen. Foto: Arnoldius (Quelle und Lizenz)

Anmerkungen
  1. Genauere Ankündigung hier
  2. Siehe dazu das Protokoll der konstituierenden Sitzung des Netzwerks Historische Schulbibliotheken, in der das Thema Vermittlung fürs kommende Jahr avisiert ist.

Mit Astor Piazzolla ins Schloss Schattenhall

Im getippten Zitat  aus Walter Moers′ Die Stadt der Träumenden Bücher (2004) hat eine sorgfältige Kinderhand den Ort aus Wahn und Schall / Genannt Schloss Schattenhall mit blauer Füllertinte umrahmt, ein Tintenpfeil verweist  auf die Interpretation. ->Bei uns: Bibliotheca Johannei.  Locus amoenus: Sechstklässler präsentieren an ihrem Lieblingsort in der Neuen Bibliothek des Johanneums in Hamburg ihre literarischen Lieblingsstellen.

Blick in die alte Hauptbibliothek des Johanneums, Hamburg

Die Gelehrtenschule des Johanneums, eröffnet 1529 nach einer Initiative des Reformators Johannes Bugenhagen (1485-1558) in Hamburg, hält in ihrer historischen Hauptbibliothek einen  Buchbestand von ca. 55.000 Exemplaren.

Blick in die Neue Bibliothek mit Fenster zum Altbestand im Hintergrund

Gestern, Donnerstag 8. November 2018, richtete die Schule eine Geburtstagsfeier aus: 10 Jahre Neue Bibliothek, die am 11. November 2008 – ebenfalls an einem Donnerstag – erstmals ihre Türen fürs Publikum geöffnet hatte.  Inken Hose, Direktorin des Johanneums, begrüßte die Geburtstagsgäste in der Aula mit einem Zeitraffer durch die Entwicklungsjahre des Projekts einer Neuen Bibliothek: die bemerkenswerte Zusammenarbeit der Schule mit einer eigens gewonnenen Fachberatung durch Bibliothekswissenschaftler und Architekten, die große Bereitschaft finanzieller Unterstützung von Spendern,  Sponsoren und Stiftungen sowie die Identifizierung von Lehrern,  Schülern und Eltern mit dem geplanten Bau – eine Phalanx, die seinerzeit die entscheidende Behörde überzeugte, den privat finanzierten Bau zu genehmigen. Nun waren erstmals auch der Blick und der Zugang frei geworden zum großen Altbestand, der seit 1914 in dem durch Gitterboden zweigeschossig angelegten alten Bibliotheksraum untergebracht ist – vor mehr als 100 Jahren ersonnen vom Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher(1869-1947).

Ines Domeyer, Altphilologin und pädagogische Leiterin der Bibliothek des Johanneums, erläutert das pädagogische Konzept der Bibliothek.

Die Bibliotheca Johannei ist der Mittelpunkt des Schullebens – das war in der Feierstunde mit bezaubernden musikalischen Beiträgen spürbar und bei den anschließenden Führungen durch die Bibliothek nebst kleinen, dort überall lauernden Vortragsüberraschungen durch Schülerinnen und Schüler auch zu erfahren.  Begeisterung für Bücher entsteht hier nicht nur durch die gelungene architektonische Lösung, sondern vor allem auch durch ein kluges bibliothekarisches Konzept, das die Gesamtheit aller Medien – der gedruckten wie der digitalen, ganz alter und ganz neuer – so zu vermitteln weiß, dass junge Leuten sich verführen lassen zur geduldigen, eigenständigen Erschließung  ihnen unbekannter Welten in Wort, Bild, Ton.

Kai Schröder, Diplombibliothekar und bibliothekarischer Leiter der Bibliothek des Johanneums, erklärt die technische Handhabung des Aufsichtscanners.

Bevor sich die Gäste  in die Ehrenhalle zum Süppchen und zum Plaudern hatten zurückziehen dürfen,  machte Prof. em. Birgit Dankert ihren Festvortrag über Phantastische Potentiale aus der Welt der Bibliotheken zum Höhepunkt der Feierstunde: sie entführte die Zuhörer für eine halbe Stunde in Imperien – Paradiese – Delirien bibliothekarischer Ideen. Und neben einem phantastischen Bau in Cottbus, Borges′ Babel, zernichtetem schriftlichen Kulturgut in Timbuktu, Aby Warburgs Mnemosyne und der Bibliothek ohne Bücher in Aarhus schien bereits Schloss Schattenhall zu gaukeln; der Klang des Tangos von Astor Piazzolla, von einem Künstler aus der 8. Klasse auf dem Akkordeon wunderschön vorgetragen, blieb im Ohr: Plus Ultra.

Beitragsbild

Gelehrtenschule des Johanneums, Hamburg. Foto: © Ajepbah / Wikimedia Commons / Lizenz: CC-BY-SA-3.0 DE

Übrige Fotos

Felicitas Noeske / Lizenz: CC BY-SA 4.0

Rastatter Runde mit erster Presse!

Badisches Tagblatt, Samstag, 3. November 2018

Das Netzwerk Historische Schulbibliotheken „Rastatter Runde” hat eine erste Presse! Im Badischen Tagblatt erschien am 3. November 2018 ein Artikel des Redakteurs der Lokalredaktion Rastatt Sebastian Linkenheil, eines kenntnisreichen und einfühlsamen Beobachters Badischen Kulturguts.  Seine Feder begleitete in der Vergangenheit bereits wiederholt die Historische Bibliothek der Stadt Rastatt, in der das Netzwerk sich konstituierte, mit interessanten Veröffentlichungen.

Im Film: die alte Bibliothek des Ratsgymnasiums Bielefeld

Das Ratsgymnasium Bielefeld hat nicht nur eine tolle alte Bibliothek, sondern auch einen kleinen, sehr feinen Image-Film!

„Die alte Schulbibliothek“ – Link zum Film bei YouTube (4:40min)

Siehe auch:

Artikel im Fabian Handbuch der historischen Buchbestände
• Eine ältere Präsentation der Bibliothek auf der Schulhomepage

Beitragsbild

Foto: Andreas 06
(Quelle und Lizenz)

Holzmindener Bibel-Fragmente

Herzogliches Gymnasium Holzminden, um 1897 (Quelle und Lizenz)

Die Holzmindener Bibel-Fragmente sind verschollen. Die Inkunabel, in deren Deckel sich die Fragmente befanden, bevor man sie dort vermutlich herauslöste, ist ebenfalls nicht mehr nachweisbar.  Bruchstücke und Inkunabel befanden sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Bibliothek des Herzoglichen Gymnasiums Holzminden, heute das Campe-Gymnasium.

Die verschwundenen Fragmente nebst dem sie bewahrenden Wiegendruck stammten aus der Buchsammlung von Jakob Burckhard (1681 -1752), Hofrat und Bibliothekar in Wolfenbüttel.  1760 erwarb die Amelunxborner Klosterschule,  später nach Holzminden verlegt und zum Herzoglichen Gymnasium avanciert , die Bibliothek Burckhards, fast 9000 Bände, von dessen Erben;  299 Bände hatte bereits 1755 die Wolfenbütteler Bibliothek in Besitz genommen. 1902 beschreibt und ediert Wilhelm Allers, Oberlehrer und Buchhüter des Gymnasiums, die Bibelfragmente, die er dem 12. oder 13.  Jahrhundert zuordnet.1 Laut Handschriftencensus handelte es sich bei den Bruchstücken um „2 Querstreifen aus 1 oder 2 Doppelblättern“.2  Allers erkennt in dem Verfasser einen „gewandten Übersetzer“3 der Evangelien ins Deutsche, das Kurt Ruh 1983 im Thüringischen lokalisiert.4 Als Beleg für seine Zuordnung zu einzelnen Passagen aus der Bibel stellt Allers seine Transkriptionen der Bruchstücke synoptisch dar neben die jeweiligen Texten der Vulgata und bei den Stücken des Johannes-Evangeliums überdies neben die erste deutschen Bibelübersetzung durch einen Nürnberger Geistlichen namens Matthias Behaim aus dem 14. Jahrhundert,  der bei Allers so genannten „Behaimschen Übersetzung“5

Der Einband, in dem die Bibelbruchstücke vor gut 100 Jahren aufgefunden wurden,  schützte eine Ausgabe des Vocabularius breviloquus von Johannes Reuchlin (1455-1522), gedruckt von Anton Koberger in Nürnberg 1498.6 Die Burckardiana aus der Holzmindener Gymnasialbibliothek wurden 1949, zusammen mit weiteren wertvollen Beständen, von der Niedersächsischen Landesbibliothek Gottfried Wilhelm Leibniz in Hannover übernommen.7 In Hannover findet sich kein Nachweis dieser Inkunabel; ob und wann die Fragmente herausgelöst wurden, bleibt Vermutung.8 Die weiteren Bestände der Holzmindener Gymnasialbibliothek werden heute in Schloss Bevern aufbewahrt.9

Der einzige Abdruck der verschwundenen Bruchstücke stammt von  Oberlehrer Allers 1902, ist als Sonderdruck aus  einem Schulprogramm erhalten und online einsehbar.10 Die Schulprogramm genannten Jahresberichte der Gymnasien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts stellen nicht nur die wertvollste Quelle zur Schulgeschichte dieses Landes dar, sondern beherbergen auch nicht selten den einzigen verbliebenen Nachweis von in den Zeitläuften, überdies zweier Weltkriege, unwiederbringlich verloren gegangenem Kulturgut. Dass wertvollstes Schriftgut in Gymnasialbibliotheken eine Heimat hatte und in vielen Fällen heute noch hat, ist nach wie vor in der Öffentlichkeit wenig bekannt.

Wissenschaftliche Beilage zum Jahresberichte des Herzoglichen Gymnasiums zu Holzminden. Aus einer alten Bibliothek. Von Dr. Wilh. Allers, Oberlehrer. Holzminden. Druck von J. H. Stocks Buchdruckerei. 1902. [1902. Programm Nr. 777]Oberlehrer Wilhelm Allers zitiert 1902  leicht versteckt in einer Fußnote aus dem Bericht eines Direktors des Holzmindener Herzoglichen Gymnasiums von 1865 zur Buchsammlung Jakob Burckhards, einer Sammlung,  die 100 Jahre zuvor 1760 immerhin der Grundstock für die Holzmindener Gymnasialbibliothek gewesen war:

„Es ist die Bibliothek eines Bibliothekars. […] es mögen nicht wenige seltene Sachen darin sein, namentlich an Dissertationen11, aber das meiste ist veraltet.  Für die gewöhnlichen Studien eines Gymnasiallehrers ist überaus wenig darin brauchbar.“12

Anzunehmen ist, dass sich mancherorts derlei Denken über historische Bestände in Schulbibliotheken womöglich tradiert haben könnte bis auf den heutigen Tag.

Literatur

Wilhelm Allers, Aus einer alten Bibliothek (Wissenschaftliche Beilage zum Jahresberichte des Herzoglichen Gymnasiums zu Holzminden), Holzminden 1902, S. 3-11

Anmerkungen
  1. Wilhelm Allers, Aus einer alten Bibliothek (Wissenschaftliche Beilage zum Jahresberichte des Herzoglichen Gymnasiums zu Holzminden), Holzminden 1902, S. 3-11
  2. Handschriftencensus/1557. Marburger Repertorium: Deutschsprachige Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts, November 2001
  3. Allers (1902), S. 5
  4. Kurt Ruh, Holzmindener Bibel-Fragmente. In: 2VL 4 (1983), Sp. 120
  5. Allers (1902), S. 6
  6. GW M37925; Allers (1902), S. 4
  7. Zur Reise der Burckadiana: HAB, Gelehrtenbibliotheken des 18. und 19. Jahrhunderts (von Wolfenbüttel werden 10 000 Bände angegeben, vgl. dazu Allers (1902);  GWLB, Handschriften und alte Drucke; Fabian, Handbuch der historischen Buchbestände (1.51)
  8. Carsten Kottmann: Das buch der evangelii und epistel. Studien und Texte zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit, Bd. Waxmann, Münster 2009, Bd. 14, S. 51
  9. Schloss Bevern, Historische Bibliotheken: 2. Historische Bibliothek des Campe-Gymnasiums Holzminden
  10. Bei archive.org; mit Dank an Klaus Graf für den Link
  11. Allers bemerkt in Klammern, es handele sich dabei um „mehrere Tausend“.
  12. Allers (1902), S. 3

Gründerzeiten…

Am 20. Oktober 2018 fanden sich die Vertreter von fünf Gymnasialbibliotheken aus Hamburg, Niedersachsen und Baden-Württemberg zusammen zu einer konstituierenden Sitzung: ein Netzwerk für Historische Schulbibliotheken soll her: für Bibliotheken mit historischem Altbestand, die sich an Schulen – in der Regel an Gymnasien –  befinden, dort bewahrt, gepflegt und von dort aus vermittelt werden.

Die laut Fabians Handbuch der historischen Buchbestände angeblich vorhandenen Gymnasialbibliotheken sind heute möglicherweise gar nicht mehr am Ort, in den meisten Fällen findet sich kein Hinweis auf der Schulhomepage, und wenn doch, nur in wiederum ganz wenigen Fällen ein Betreuername, oft auch der bereits längst nicht mehr aktuell im Amt. Gesucht und gefunden für eine Gründerrunde wurden am Ende doch eine Reihe von an den Schulen selbst wirkenden Kollegen, Lehrer wie Bibliothekare, von denen allerdings – Schulzeit ist keine Schonzeit – der Einladung zum 20. Oktober 2018 nach Rastatt in die hinreißende Historische Bibliothek im Ludwig-Wilhem-Gymnasium nur wenige folgen konnten.

Rastatter Runde 20. Oktober 2018

Die Rastatter Runde veranstaltete im großen Bibliothekssaal anhand eines Thesenblatts ein Feuerwerk des Austauschs zu Personal- und Raumfragen,  Bestandserhaltungs- und Vermittlungsstrategien sowie die allgemeine Bedeutung der speziellen Sammlungsform Gymnasialbibliothek als wertvollem Kulturgut . Man war sich rasch einig, dass die kleine Runde dafür genau das Richtige  gewesen sei und am Ende gab’s Ergebnisse: die entscheidenen Ziele, die Verabredung für ein weiteres, bereits betiteltes Treffen im nächsten Jahr und ein Protokoll.

Modelle der Handdruckpresse (aus dem Gutenberg-Museum in Mainz), mit denen die jüngeren Schüler Papierchen bedrucken dürfen.

Am späten Nachmittag dann eine Führung durchs ehemalige Refektorium, in dem sich das Magazin, ständige Ausstellungsvitrinen und die Arbeitsplätze befinden.  Anschaulich sind auch die dort aufgebauten Materialien und Werkzeuge, die die lange Geschichte der Buchkultur verdeutlichen und einem Publikum erfahrbar machen.

Am nächsten Tag, am Sonntag, dann im knackevollen ICE retour – mit mehr als Hoffnung im Gepack, und im Tablet schon mal die #Netzwerk -Seite bei bibliotheca.gym erstgebastelt – macht mit!

Anhang

#NetzwerkHistGymBib/Tagesordnung (Pdf)
#NetzwerkHistGymBib/Thesenblatt (Pdf)
#NetzwerkHistGymBib/Protokoll (Pdf)

Weblinks

Erste Meldung im Blog Archivalia

Fotos

#NetzwerkHistGymBib, CC BY-SA 4.0

Matelda tanzt

Matelda pflückt Blumen und trifft Vergil (links) und Dante am Eingang zum irdischen Paradies. Dante Alighieri, La Comedia, purg. XXVIII, V. 38 ff.; Codex Altonensis, zweite Häfte 14. Jahrhundert, fol. 88r (Detail). Hamburg, Bibliothek des Christianeums, Sign. R 7/2

Matelda pflückt ganz allein in blühenderUmgebung Blümchen am Bächlein: una donna soletta (purg. XXVIII, 40), die auf Blumen wandelt und tanzt, sè donna che balli (purg. XXVIII, 53) . Das gefällt zwei reisenden Herren namens Vergil und Dante. Die beiden Herren haben eine Höllenreise hinter sich, hinunter durch Feuer und Eis (inferno), sie sind über Wasser gesegelt und den Läuterungsberg hinaufgeklettert (purgatorio) , und sie stehen nun an dessen Gipfel vorm irdischen Paradies Eden,  dem Vorgarten zur ultimativen Erkenntnis in himmlischer Unendlichkeit (paradiso).

„P[er] cotal prego detto mi fu: prega / matelda che il ti dica […]“ Dante, La Comedia, purg.  XXXIII, V. 119; Codex Altonensis, 14. Jahrhundert, fol. 89v (Detail). Hamburg, Bibliothek des Christianeums, Sign. R 7/2Die schöne, junge Dame wirkt im Folgenden als Begleiterin Dantes durchs irdische Paradies, am Ende abgelöst durch Beatrice, Dantes Traumfrau, die sich als Escortillusion für die anschließende Reise ins paradiso bereithält; der bisherige Reiseleiter Vergil verabschiedet sich aus der Geschichte.  Mateldas Name kommt nur ein einziges Mal vor, und zwar kurz vor dem Start Dantes zum letzten Teil seiner Odyssee in die unendlichen Welten seines erzählenden Ichs (purg. XXXIII, 119).

Der Kosmos in Dantes Commedia, entstanden um 1300 bis 1320, ist von Hundertschaften an Personal bevölkert – darunter auch zahlreichen Namen aus der wirklichen Welt des Geistes, der Macht und des Glaubens; sie brutzeln in der Hölle, läutern sich schmerzlich, und nur auserwählte Köpfe begegnen sich, uns und dem Ich-Erzähler im Paradies.  Matelda gehört zu den rätselhaften Figuren und bietet der Forschung immer wieder Anlass für den Versuch, das Rätsel um die Identität eines wirklichen Lebens lösen zu wollen. Vermutet und umstritten gleichermaßen sind gleich mehrere Mathilden1, die benediktinische Nonne Mathilde von Hachenborn (1241-1298 o. 1299), Mathilde von Magdeburg (1207-1282) und die  Mathilde von Tuszien (um 1046-1115).2

Matelda hat Dante in den Fluss Lethe geschubst, zwingt ihn, davon ums Vergessen zu trinken, führt ihn dann den vier weltlichen Tugenden zu, den Fluss rechts zum Falz; rechts bringt sich bereits Beatrice ins Bild.  Dante Alighieri, La Comedia, purg. XXVI, V. 100 ff.; Codex Altonensis, zweite Häfte 14. Jahrhundert, fol. 94v und 95r. Hamburg, Bibliothek des Christianeums, Sign. R 7/2

Der erste Auftritt Mateldas im Codex Altonensis aus dem 14. Jahrhundert (Hamburg, Gymnasium Christianeum) ist auch ihr letzter in Farbe, die Kolorierung endet auf der Rückseite des Blattes. Sie  ist, solange ihr Begleiterservice anhält,  weitere zehn Mal als Federzeichnung auf den folgenden Blättern präsent im lang ausgeärmelten Kleid. Mit Matelda endet auf Blatt 96v zudem die Illustrierung der zuvor von verschiedenen Händen überaus bunt illuminierten Pergamenthandschrift überhaupt: nur noch die Textkolumnen sind bis zum Ende geschrieben, das paradiso blieb Schrift allein . Der Grund für diesen seltsam abrupt erscheinenden Abgang der Zeichenkünstler des Skriptoriums könnte in den sehr alten, in die Entstehungszeit der Handschrift zu datierenden Schäden  liegen.3

Codex Altonensis, zweite Hälfte 14. Jahrhundert, fol. 144v, 145r. Hamburg, Bibliothek des Christianeums, Sign. R 7/2

Die umfangreiche Handschrift weist an ihrem Ende einen auffallend sorgfältig vor Jahrhunderten reparierten und durch mehrere Blätter gehenden Brandschaden auf sowie einen Wasserschaden, der ebenfalls vor sehr langer Zeit liebevoll ausgebessert wurde. Mateldas Auftritt und Abgang aus der Geschichte zeigen uns die Produktionsweisen solcher Pergamentkonvolute: zuerst trugen die Schreiber den Text in die bereits vorgezeichneten Spalten und mit Nadelstichen am Rand abgemessenen Zeilen ein, die Blätter zuvor in Lagen von gefalzten Doppelblättern sortiert; dann kamen die Illustratoren, die in den extra für die Bilder ausgesparten Partien der Kolumnen die Vorzeichnungen anlegten, und ganz zum Schluss wurde mit Pinsel und Farbtiegelchen koloriert. Eine durch Betriebsunfall ruinierte Arbeit dürfte den Auftraggeber für diese Werkausgabe wohl nicht mehr interessiert haben und deshalb auch die Werkstatt nur allenfalls noch zum Üben; angeblich, so heißt es,4 sei einer der Lehrlinge, der sich in der Handschrift verewigte, der junge Sandro Botticelli gewesen.

Literatur

Degenhart, Bernhard: Die kunstgeschichtliche Stellung des Codex Altonensis.  In: Dante Alighieri, Divina Commedia. Kommentar zum Codex Altonensis. Freie und Hansestadt Hamburg (Hrsg.), Gebr. Mann Verlag, Berlin 1965

Haupt, Hans: Geschichte und Beschreibung des Codex Altonensis. In: Dante Alighieri, Divina Commedia. Kommentar zum Codex Altonensis. Freie und Hansestadt Hamburg (Hrsg.), Gebr. Mann Verlag, Berlin 1965; S. 36 – 38.

Kohl, Johann Peter: Gesammelter Briefwechsel der Gelehrten […]. Band 1750. Harmsen, Hamburg 1750/1751  (online)

Lucht, Marx Johannes Friedrich: Bericht ueber das Koenigliche Christianeum in dem Schuljahre von Ostern 1877 bis Ostern 1878. Vorangehen Nachrichten ueber die Bibliothek des Gymnasiums und die in derselben befindlichen Handschriften. I.  Altona, 1878 (online)

Mathie, William: Über die Handschrift im Staatlichen Christianeum zu Altona. Deutsches Dante-Jahrbuch 14, 1932. S. 27-60

Roddewig, MarcellaZum Codex Altonensis. Deutsches Dante-Jahrbuch, Band 46, Heft 1, 1970, Seiten 101–131, ISSN 2194-4059, ISSN (Print) 0070-444X, DOI: https://doi.org/10.1515/dante-1970-0107

Weblinks

• Homepage des Christianeums: Dante Alighieri: Comedia (Codex Altonensis)
• Homepage des Christianeums: Mitteilungen aus der Bibliothek – Luchts Hand
• bibliotheca.gym: Schmuckprogramm. Codex Altonensis
Matelda. Bei: La Divina Commedia (ital.)
• Bibliotheca Altonensis: La Brigata spendereccia

Abbildungen

Hamburg, Bibliothek des Christianeums, Sign. R 7/2

Anmerkungen Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Matelda tanzt," in bibliotheca.gym, 10/10/2018, https://histgymbib.hypotheses.org/3755.
  1. Matelda. Bei: La Divina Comedia (ital.)
  2. Der ausführliche Artikel über Mathilde von Tuszien  bei der deutschsprachigen Wikipedia inspirierte diese Matelda-Miniatur für bibliotheca.gym.
  3. Degenhart, Bernhard: Die kunstgeschichtliche Stellung des Codex Altonensis.  In: Dante Alighieri, Divina Commedia. Kommentar zum Codex Altonensis. Freie und Hansestadt Hamburg (Hrsg.), Gebr. Mann Verlag, Berlin 1965
  4. Unter anderem bei:  Marcella Roddewig: Zum Codex Altonensis.Deutsches Dante-Jahrbuch, Band 46, Heft 1, 1970, Seiten 101–131; S. 128. ISSN 2194-4059, ISSN (Print) 0070-444X, DOI: https://doi.org/10.1515/dante-1970-0107) )