Gymnasialbibliotheken und -archive

Matelda tanzt

Matelda pflückt Blumen und trifft Vergil (links) und Dante am Eingang zum irdischen Paradies. Dante Alighieri, La Comedia, purg. XXVIII, V. 38 ff.; Codex Altonensis, zweite Häfte 14. Jahrhundert, fol. 88r (Detail). Hamburg, Bibliothek des Christianeums, Sign. R 7/2

Matelda pflückt ganz allein in blühenderUmgebung Blümchen am Bächlein: una donna soletta (purg. XXVIII, 40), die auf Blumen wandelt und tanzt, sè donna che balli (purg. XXVIII, 53) . Das gefällt zwei reisenden Herren namens Vergil und Dante. Die beiden Herren haben eine Höllenreise hinter sich, hinunter durch Feuer und Eis (inferno), sie sind über Wasser gesegelt und den Läuterungsberg hinaufgeklettert (purgatorio) , und sie stehen nun an dessen Gipfel vorm irdischen Paradies Eden,  dem Vorgarten zur ultimativen Erkenntnis in himmlischer Unendlichkeit (paradiso).

„P[er] cotal prego detto mi fu: prega / matelda che il ti dica […]“ Dante, La Comedia, purg.  XXXIII, V. 119; Codex Altonensis, 14. Jahrhundert, fol. 89v (Detail). Hamburg, Bibliothek des Christianeums, Sign. R 7/2Die schöne, junge Dame wirkt im Folgenden als Begleiterin Dantes durchs irdische Paradies, am Ende abgelöst durch Beatrice, Dantes Traumfrau, die sich als Escortillusion für die anschließende Reise ins paradiso bereithält; der bisherige Reiseleiter Vergil verabschiedet sich aus der Geschichte.  Mateldas Name kommt nur ein einziges Mal vor, und zwar kurz vor dem Start Dantes zum letzten Teil seiner Odyssee in die unendlichen Welten seines erzählenden Ichs (purg. XXXIII, 119).

Der Kosmos in Dantes Commedia, entstanden um 1300 bis 1320, ist von Hundertschaften an Personal bevölkert – darunter auch zahlreichen Namen aus der wirklichen Welt des Geistes, der Macht und des Glaubens; sie brutzeln in der Hölle, läutern sich schmerzlich, und nur auserwählte Köpfe begegnen sich, uns und dem Ich-Erzähler im Paradies.  Matelda gehört zu den rätselhaften Figuren und bietet der Forschung immer wieder Anlass für den Versuch, das Rätsel um die Identität eines wirklichen Lebens lösen zu wollen. Vermutet und umstritten gleichermaßen sind gleich mehrere Mathilden1, die benediktinische Nonne Mathilde von Hachenborn (1241-1298 o. 1299), Mathilde von Magdeburg (1207-1282) und die  Mathilde von Tuszien (um 1046-1115).2

Matelda hat Dante in den Fluss Lethe geschubst, zwingt ihn, davon ums Vergessen zu trinken, führt ihn dann den vier weltlichen Tugenden zu, den Fluss rechts zum Falz; rechts bringt sich bereits Beatrice ins Bild.  Dante Alighieri, La Comedia, purg. XXVI, V. 100 ff.; Codex Altonensis, zweite Häfte 14. Jahrhundert, fol. 94v und 95r. Hamburg, Bibliothek des Christianeums, Sign. R 7/2

Der erste Auftritt Mateldas im Codex Altonensis aus dem 14. Jahrhundert (Hamburg, Gymnasium Christianeum) ist auch ihr letzter in Farbe, die Kolorierung endet auf der Rückseite des Blattes. Sie  ist, solange ihr Begleiterservice anhält,  weitere zehn Mal als Federzeichnung auf den folgenden Blättern präsent im lang ausgeärmelten Kleid. Mit Matelda endet auf Blatt 96v zudem die Illustrierung der zuvor von verschiedenen Händen überaus bunt illuminierten Pergamenthandschrift überhaupt: nur noch die Textkolumnen sind bis zum Ende geschrieben, das paradiso blieb Schrift allein . Der Grund für diesen seltsam abrupt erscheinenden Abgang der Zeichenkünstler des Skriptoriums könnte in den sehr alten, in die Entstehungszeit der Handschrift zu datierenden Schäden  liegen.3

Codex Altonensis, zweite Hälfte 14. Jahrhundert, fol. 144v, 145r. Hamburg, Bibliothek des Christianeums, Sign. R 7/2

Die umfangreiche Handschrift weist an ihrem Ende einen auffallend sorgfältig vor Jahrhunderten reparierten und durch mehrere Blätter gehenden Brandschaden auf sowie einen Wasserschaden, der ebenfalls vor sehr langer Zeit liebevoll ausgebessert wurde. Mateldas Auftritt und Abgang aus der Geschichte zeigen uns die Produktionsweisen solcher Pergamentkonvolute: zuerst trugen die Schreiber den Text in die bereits vorgezeichneten Spalten und mit Nadelstichen am Rand abgemessenen Zeilen ein, die Blätter zuvor in Lagen von gefalzten Doppelblättern sortiert; dann kamen die Illustratoren, die in den extra für die Bilder ausgesparten Partien der Kolumnen die Vorzeichnungen anlegten, und ganz zum Schluss wurde mit Pinsel und Farbtiegelchen koloriert. Eine durch Betriebsunfall ruinierte Arbeit dürfte den Auftraggeber für diese Werkausgabe wohl nicht mehr interessiert haben und deshalb auch die Werkstatt nur allenfalls noch zum Üben; angeblich, so heißt es,4 sei einer der Lehrlinge, der sich in der Handschrift verewigte, der junge Sandro Botticelli gewesen.

Literatur

Degenhart, Bernhard: Die kunstgeschichtliche Stellung des Codex Altonensis.  In: Dante Alighieri, Divina Commedia. Kommentar zum Codex Altonensis. Freie und Hansestadt Hamburg (Hrsg.), Gebr. Mann Verlag, Berlin 1965

Haupt, Hans: Geschichte und Beschreibung des Codex Altonensis. In: Dante Alighieri, Divina Commedia. Kommentar zum Codex Altonensis. Freie und Hansestadt Hamburg (Hrsg.), Gebr. Mann Verlag, Berlin 1965; S. 36 – 38.

Kohl, Johann Peter: Gesammelter Briefwechsel der Gelehrten […]. Band 1750. Harmsen, Hamburg 1750/1751  (online)

Lucht, Marx Johannes Friedrich: Bericht ueber das Koenigliche Christianeum in dem Schuljahre von Ostern 1877 bis Ostern 1878. Vorangehen Nachrichten ueber die Bibliothek des Gymnasiums und die in derselben befindlichen Handschriften. I.  Altona, 1878 (online)

Mathie, William: Über die Handschrift im Staatlichen Christianeum zu Altona. Deutsches Dante-Jahrbuch 14, 1932. S. 27-60

Roddewig, MarcellaZum Codex Altonensis. Deutsches Dante-Jahrbuch, Band 46, Heft 1, 1970, Seiten 101–131, ISSN 2194-4059, ISSN (Print) 0070-444X, DOI: https://doi.org/10.1515/dante-1970-0107

Weblinks

• Homepage des Christianeums: Dante Alighieri: Comedia (Codex Altonensis)
• Homepage des Christianeums: Mitteilungen aus der Bibliothek – Luchts Hand
• bibliotheca.gym: Schmuckprogramm. Codex Altonensis
Matelda. Bei: La Divina Commedia (ital.)
• Bibliotheca Altonensis: La Brigata spendereccia

Abbildungen

Hamburg, Bibliothek des Christianeums, Sign. R 7/2

Anmerkungen Diesen Artikel zitieren: Felicitas Noeske, "Matelda tanzt," in bibliotheca.gym, 10/10/2018, https://histgymbib.hypotheses.org/3755.
  1. Matelda. Bei: La Divina Comedia (ital.)
  2. Der ausführliche Artikel über Mathilde von Tuszien  bei der deutschsprachigen Wikipedia inspirierte diese Matelda-Miniatur für bibliotheca.gym.
  3. Degenhart, Bernhard: Die kunstgeschichtliche Stellung des Codex Altonensis.  In: Dante Alighieri, Divina Commedia. Kommentar zum Codex Altonensis. Freie und Hansestadt Hamburg (Hrsg.), Gebr. Mann Verlag, Berlin 1965
  4. Unter anderem bei:  Marcella Roddewig: Zum Codex Altonensis.Deutsches Dante-Jahrbuch, Band 46, Heft 1, 1970, Seiten 101–131; S. 128. ISSN 2194-4059, ISSN (Print) 0070-444X, DOI: https://doi.org/10.1515/dante-1970-0107) )

Freundschaftsalben

Unter dem Titel „Vergiß mein nicht” wurde am 6. Juni 2018 eine Ausstellung in der Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky, Hamburg, eröffnet.  Die Ausstellung ist bezaubernd und noch bis zum 12. August 2018 zu sehen!

Aus den Beständen der Hamburger SUB werden Freundschaftalben (Alba Amicorum) gezeigt, auch Stammbücher genannt,  die seit dem 16. Jahrhundert geführt wurden und in die Freunde dem Besitzer des jeweiligen Albums etwas hineinschrieben, hineinmalten oder hineinzeichneten und -klebten. Die Tradition der Stammbücher erkennen wir heute noch in unseren Gästebüchern und in den Poesiealben der Halbwüchsigen. Die frühen Freundschaftsalben sind „für Historiker, Philologen, Kunsthistoriker und Volkskundler eine wichtige personengeschichtliche und kulturhistorische Quelle”.1

Eintrag des Johannes Bugenhagen d. J. vom 5. April 1571; Zitat aus dem Brief des Paulus an Timotheus II, 3, (V. 15-17) und ein Epigramm von Melanchthon. Bibliothek des Christianeums, Sign.: R 34/1

Freundschaftsalben finden sich nicht selten auch in den historischen Beständen der Gymnasialbibliotheken. So hält die Bibliothek des Christianeums in Hamburg einige Exemplare, unter anderem das sogenannte Wittenberger Stammbuch,  versehen mit 22 Einträgen aus den Jahren 1570 bis 1572.  Diese Einträge befinden sich auf unbedruckten Blättern, die einem Druck von 1566  vor- und nachgebunden wurden. Inhalt des Drucks ist eine Darstellung der Vita Philipp Melanchthons von Joachim Camerarius (1500-1574): Joachimi Camerarii narratio de Philippi Melanchthonis ortu, totius vitae curricolo et morte, gedruckt 1566 in Leipzig. Die Autographen der gelehrten Zitate aus dem Griechischen und Lateinischen versammeln auf den unbedruckten Blättern das gesamte Who is who der reformatorischen Welt der zweiten Generation in Wittenberg.2

Titel mit Besitzereintrag. Bibliothek des Christianeums, Sign.: R 34/1

Das Buch hat einen Besitzereintrag in feiner Handschrift auf dem Titel: Liber Gerhardi Rantzovii Holsati. Es handelt sich um Gerhard Rantzau (1554 – 1580), den Neffen des gelehrten Heinrich Rantzau (1526-1598), des Amtmanns zu Segeberg und königlichen Statthalters, Besitzer von Breitenburg. Gerhard, Sohn von Heinrichs Bruder Paul (1527–1579), besuchte die Universität von Wittenberg ab 1569.3   Für Gerhards gleichnamigen Vetter (1558 – 1627), Sohn Heinrichs,  fehlt indes jeder Nachweis eines Aufenthalts in Wittenberg.  Der gelehrigere Cousin indes geriet 1580 auf einer Reise mit seinem Onkel Heinrich nach Odense auf Fünen  dortselbst  mit einem Mann namens Friedrich Brockdorf  in Streit, man schlug sich, Gerhard überlebte den Zweikampf nicht; er wurde in Odense bestattet.4

Wie das Wittenberger Stammbuch in die Gymnasialbibliothek des Christianeums in Altona kam, ist unbekannt. Stammbücher wurden auf Reisen mitgeführt. Vermutet wird, dass jenes von Gerhard nach dem Tod seines Besitzers vom Onkel in dessen Breitenburger Bibliothek verwahrt wurde. 1627 wurde das Schloss Breitenburg geplündert, die Bibliothek ging in den Verkauf, aus dem einige, darunter ähnlich ausgestattete Exemplare in der Hamburger Stadtbibliothek landeten. Möglicherweise kam das Stammbuch auf diesem Wege in das Gymnasium nach Altona; ein Nachweis seiner Reise wurde bislang nicht gefunden.5

Einband Vorderdeckel. Bibliothek des Christianeums Sign.: R 34/1

Der Oktavband ist kostbar eingebunden und hervorragend erhalten. Die vergoldete Prägung zeigt die Initialen des Besitzers G. R. und die Jahreszahl 1570. Der Einband des Vorderdeckels ist  mit fünf Medaillons geschmückt: in der Mitte ist Jesus in Gethsemane dargestellt, darum gruppiert die geprägten und vergoldeten Portäts von Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Bugenhagen und Paul Eber – deren noch lebende Freunde und Jünger  sich mit ihren Einträgen an einer ganz eigenen Erinnerungsstätte versammelten. 6

Literatur

Gerhard Rantzau’s Wittenberger Stammbuch 1570–1572 / Von Dr. Johannes Claussen, Professor am Gymnasium in Altona. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinisch-Lauenburgische Geschichte, Bd. 27 1897; S. 79-95. Bibliothek des Christianeums Sign.: K IV 208/76 b . (Digitalisat u.a. via Wikisource)

Weblinks

Wikipedia: Stammbuch (Freundschaftsalbum)
Stabi-Blog: Vergiß mein nicht.  Stammbücher und Freundschaftsalben des 16. bis 20. Jahrhunderts aus Hamburg.

Beitragsbild

„vergiß mein nicht“ Cod.67 in scrin., Nr. 324 (Staats- und Universitätsbibliothek, Hamburg)

Anmerkungen
  1. „Vergiß mein nicht”. Stammbücher und Freundschaftsalben des 16. bis 20. Jahrhunderts aus Hamburg.  Ausstellung 7. Juni bis 12. August 2018. https://blog.sub.uni-hamburg.de/?p=25005
  2. Transkription und Erschließung der 22 Einträge in: Gerhard Rantzau’s Wittenberger Stammbuch 1570–1572 / Von Dr. Johannes Claussen, Professor am Gymnasium in Altona. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinisch-Lauenburgische Geschichte, Bd. 27 1897; S. 79-95
  3. Matrikeleintrag vom 23. Juni 1569; nach: Album academiae Vitebergensis, vol. II, Halle 1894; siehe Claussen (1897) S. 92
  4. Claussen(1897)  S. 93
  5. Claussen (1897) S. 94 f.
  6. In alphabetischer Reihenfolge: Joachim von Beust, Johannes Bugenhagen der Jüngere, Paul Crell, Caspar Cruciger, Joachim Eger, Andreas Freyhube, Paul Hess, Hubertus Langustus,  Albert Lemeiger, Georg Maior, Heinrich Moller, Christoph Pezel, Abdias Prätorius, Petrus Praetorius, Esrom Rüdinger, Siegfrid Sack Heinrich Salmuth, Hieronymus Schaller, Michael Teuber, Petrus Vincentius, Matthäus Wesenbeck, Friedrich Widebram (siehe dazu auch Claussen (1897) S.  82-89); alle Einträge wurden vor 2014 eingescannt, die Scans aber noch nicht publiziert.